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Hauptversammlung 2001

Fetisch Fleisch

Organ-Performance schockiert BAYER-AktionärInnen

von Karl Henning

Die Künstlerin C. R. inszenierte im Vorfeld der BAYER- Hauptversammlung am 28. April vor der Köln-Deutzer Messehalle ein tiefsinniges Bild. Zehn ganz in weiß gekleidete “Organhändler” boten symbolisch frisch geklonte Nieren und andere Innereien feil - AgitPropArt als eindringlicher Protest gegen die immer beherrschender werdende Gentechnik.

“Ein Herz von BAYER” ertönt es laut. Einer von zehn mit Bauchläden aus- gestatteten Kunst-Komparsen preist die in Nierenschalen gelegten Bio- pumpen aus kürzlich geschlachteten Schweinen an. Ein anderer offeriert Nieren. Der Regen nieselt auf die Innereien, die Behältnissen füllen sich mit leicht blutigen Pfützen. “Das ist ja ekelhaft”, reagiert eine junge Frau empört. Schauspielerin Edda Fischer, u. a. bekannt aus diversen Soaps, hat sich unter die einströmenden Aktio- närInnen gemischt, verteilt Zettel mit rhetorische Aphorismen des verstor- benen Schriftstellers Max Frisch. “Was tun Sie für Geld?” - diese Frage könnte symbolisch das Motto der dividendengeilen Couponschneider sein. Oder: “Wem gehört ... die Luft?” - eine Provokation für einen Konzern, der ohne Skrupel gigantische Mengen von Dreck aus seinen Schornsteinen rauchen lässt.

Der kritische Aktionär Hubert Osten- dorf, der sich unter dem Namen Max Frisch in die RednerInnenliste einge- tragen hatte, um die 25 Fragen des Schweizer Altmeisters vorzutragen, wurde von Versammlungs- und Aufsichtsratsleiter Hermann Josef Strenger des Mikrophons verwiesen. Dürfen Kunst und Literatur nicht bemüht werden, um das Geschäfts- gebaren eines Multis anzuprangern? .

“Das ist eine gute Aktion”, findet eine von über 7.000 AktionärInnen.
“Ihr seid doch alle bekloppt”, ereifern sich dagegen ein betagter
Anteilseigner und seine Frau. Viele schenken der Performance nicht
einmal ein müdes Lächeln, eilen wie ferngesteuert dem Haupteingang
zu. Bloß keine Verunsicherung, bloß keine Konfrontation. Andere setzen
sich intensiv mit der AgitPropArt von C. R. auseinander.
Schließlich ist der Hintergrund der in Kooperation mit der COORDI-
NATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) geschaffenen “sozialen
Plastik”, wie Joseph Beuys vermutlich dieses Bild genannt hätte,
durchaus ernst und besorgniserregend. “Die Gentechnik schickt sich an,
zur Schlüsseltechnologie des neuen Jahrtausends zu werden”, belehrt
ein Flugblatt der COORDINATION. Und: “BAYER ist nach eigenen
Aussagen einer der führenden Konzerne auf diesem Gebiet.” Pharma,
Pestizide, Geschmacksstoffe ... - kaum ein Anwendungsbereich, in dem
der Leverkusener Riese keine gentechnischen Produkte mehr anbietet.
Die mit dem Konzern eng verbundene schottische Firma PPL, bekannt
durch die weltweit ersten transgenen Schafe Tracy und Dolly, will nun
Schweine derart klonen, dass ihre Organe auf Menschen übertragbar
sind. Wie sehr die neue Gentechnik einen Schlüssel zur Beherrschung
der Welt liefert, zeigt ein aktuelles Beispiel aus den USA. Weil die dort
von BAYER hergestellten lebensnotwendigen “Faktor VIII-Präparate”
knapp geworden sind, behält das Unternehmen sich vor, höchstselbst
darüber zu befinden, welcher Bluter die teure Arznei erhält und welcher
nicht. Ein Spiel mit Leben und Tod unter Berücksichtigung des Geld-
beutels oder der Güte der Krankenkasse, mutmaßt der US-amerika-
nische Bluterverband.

Die neuen Herren der Gentechnik schwingen sich zu neuen Herrschern
über die Welt auf. Das Fleisch von Tieren und Menschen, der Code
einer jahrmilliardenalten Evolution mutieren zu Patenten in den
Forschungsabteilungen weniger transnationaler Giganten. Das Fleisch
visualisiert eine Welt von Tod, Profit und Ausbeutung.

Schon in anderen Inszenierungen hat C. R. dieses Material
künstlerisch eingesetzt. Als Protest gegen die Vertreibung von
Obdachlosen pferchte sie zuerst wohnungslose Menschen und dann
frisch geschlachtete Schweinköpfe mitten im schicken Düsseldorf in
einen Bauschuttcontainer. Menschen als Abfall, entsorgt wie Müll,
weggeworfen, deportiert. Menschen, die wie Schweine behandelt
werden. Eine morbide Metapher über den morbiden Zustand der
Gesellschaft. Während die Müllmenschen behördlich akzeptiert waren,
wurden die Schweineköpfe unter Einsatz von Polizeipräsenz abgeräumt.
“Es ist bezeichnend, dass lebende Menschen weniger Anstoß erregen,
als tote Schweine”, urteilte die bekannte Düsseldorfer Journalistin Gerda
Kaltwasser. Genau dies war die Lektion, die C. R. mit ihrer
Installation erteilen wollte.

Dabei ist ihre Kunst nur auf den ersten Blick aufdringlich und alles andere als belehrend. Während sich der etablierte Betrieb größtenteils immer weiter entpolitisiert und nur noch Kunst um der Kunst willen betreibt, bekennt sich R. klar zu dem gesellschaftlichen Umfeld, das ihr Schaffen stets reflektiert. Derzeit visualisiert sie aktuelle Schlagzeilen in Analogie zu den sieben Todsün- den. Und wieder kritisiert sie die Allmacht der Gentechnik, indem sie auf einem Feld mit hundert weißen Grabkreuzen symbolisch Gott in einem Sarg beerdigt. Und wieder setzt sie Fleisch in Massen ein, um Völlerei und Wollust zu veranschau- lichen. Tote Rinderhälften auf anein- andergeketteten Einkaufswagen gerieren zum Protest gegen die Massenschlachtung nach BSE.

Mit artifiziellem Blut und Milch getränkte Vaginen, aus Schweinelebern geschnitzt, symbolisieren die Wollust in einer total sexualisierten Gesellschaft, in der die Frau zur Ware degradiert worden ist und die wahre Lust auf der Stecke bleibt. Die Vagina zeigt vieldeutig und hintersinnig das Fleisch als Fetisch der Gesellschaft. Sie zeigt, wie sehr uns die technisierte Spaß- und Medienwelt von natürlichen Prozessen, wie etwa der Geburt, absondert, ein Thema, dessen C. R. sich mit viel beachteten Videoprojektionen angenommen hat. Die Stunde Null des Menschen, sein Auf-die-Welt-Kommen wird zur Performance im öffentlichen Raum, in Kirchengewölben oder an Rathausmauern. Bilder, die je nach Betrachtung tief erschüttern und gleichzeitig schockieren. Fleisch in seiner ursprünglichsten Form.

Nur konsequent, dass C. R. ihren eigenen Körper mitunter selbst in den künstlerischen Prozess mit einbezieht. Bei einer Vernissage in der Duisburger Cubus-Kunsthalle projizierte sie das Geburtsvideo auf ihre unbedeckte Haut. Bei der Performance “Das Ich hinter dem Ich” hat sie mit einem ausgeklügelten Spiegelsystem das Eigentliche hinter ihrer eigenen Nackt- und Ungeschütztheit, der äußeren Erscheinung schlichtweg gesucht - eine Betrachtung mit tiefsinnigem philosophischem Background, der, wie die meisten anderen Installierungen auch, die Basis für eindingliche Foto-Arbeiten und mitunter in Öl gemalte Bilder darstellt. Komplexe Werke, denen jenseits der vordergründigen Botschaft eine vielschichtig reflektierte Realität der Gesellschaft und des Menschen innewohnt. Vor diesem Hintergrund verdichtet sich die AgitPropAktion zur Kritik der Gentechnik anlässlich der BAYER-Hauptversammlung zur ästhetischen Kritik des Menschen samt seines Allmachtkomplexes schlechthin.