deutsch
english
francais
espanol
italiano
Spenden
Photo
Stichwort BAYER 04/21

Neue Studien zu Arznei-Tests mit Heimkindern

BAYERs Versuchskaninchen

In den 1950er und 1960er Jahren haben BAYER, MERCK & Co. Psychopharmaka und andere Medikamente an Anstaltskindern testen lassen. Das ganze Ausmaß dieser Menschenversuche mit Wehrlosen dokumentieren jetzt zwei neue Studien.

Von Marius Stelzmann

„Ethische oder rechtliche Bedenken waren weder von Herstellerseite noch von Seite der klinisch Tätigen und der Aufsichtsbehörden nachweisbar“ – das ist der Befund der neuen Studie von vier WissenschaftlerInnen über die Medikamentenversuche von BAYER & Co. in dem Zeitraum von 1949 bis 1975. Die Pharmazeutin Sylvia Wagner hatte das Thema mit ihren Recherchen über die Tests in Psychiatrie-Einrichtungen mit Kindern und Jugendlichen, die zumeist aus Heimen stammten, in die Öffentlichkeit gebracht. (SWB 1/17) Die Medien berichteten breit, und nach einiger Zeit entschloss sich das Land Schleswig-Holstein, das Ausmaß der Pharmazeutika-Prüfungen in seinen Breiten untersuchen zu lassen. Den Auftrag dazu vergab es an Christof Beyer, Cornelius Borck, Jonathan Holst und Gabriele Lingelbach vom „Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung“ der Universität zu Lübeck.
Auf nicht weniger als 41 Arznei-Erprobungen vor Markteinführung und 34 Anwendungsbeobachtungen in schleswig-holsteinischen Einrichtungen der Behindertenhilfe sowie Erwachsenen-, Kinder- und Jugendpsychiatrien stießen die ForscherInnen in den Akten. Diese Testreihen fanden unter anderem im Landeskrankenhaus Schleswig, dem Städtischen Krankenhaus Lübeck-Ost, in der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Kiel, in den kirchlichen Ricklinger Anstalten und dem Psychiatrisch-Neurologischen Krankenhaus Kropp der Diakonie statt. In Stadtfeld, Hesterberg, Neustadt und Heiligenhafen mussten sich die Menschen ebenfalls als Versuchskaninchen für die Pharma-Konzerne hergeben. 21 der Forschungsarbeiten wurden dabei mit Neuroleptika, Antidepressiva und anderen Medikamenten aus dem Hause BAYER bestritten. Zum Einsatz kamen unter anderem MEGAPHEN, AOLEPT, NEUROCIL, ATOSIL, DIBUTIL, PADISAL und DEBENAL.
Mit den Versuchen versuchte sich der Leverkusener Multi im Kampf um Marktanteile zu behaupten. So heißt es in der Lübecker Studie: „Im Rahmen einer Marktanalyse für Phenotiazine stellte Hersteller BAYER im Oktober 1958 fest, dass Umsatz-Rückgänge im Geschäft mit MEGAPHEN mit den ‚massiven Bemühungen der Konkurrenz’ zu begründen seien, mit ihren neuen Produkten ‚ins Geschäft zu kommen’.“ Also mussten neue Medikamente her, um die Vorherrschaft auf dem Markt zu sichern. Aber so einfach war das für den Pharma-Riesen nicht. „Ein Produkt hat aufgrund unserer Prüfungserfahrungen nur dann Aussicht, auf klinisches Interesse zu stoßen, wenn es sich von MEGAPHEN in zwei Punkten unterscheidet: 1. bei gleicher Wirkung bessere Verträglichkeit 2. Indikationen, die über die des MEGAPHEN hinausgehen“, zitieren Beyer und seine KollegInnen aus konzern-internen Papieren. Klar hält ihre Untersuchung BAYERs Motivation fest: Die Profitmaximierung. „Insgesamt galt es hier also für BAYER, gegenüber neuen Konkurrenzprodukten auch in der kommenden Zeit ‚ein ertragreiches Gebiet zu verteidigen’“, so die ForscherInnen. Und klar wird auch, dass der Konzern dabei ein Problem ausmachte: Ein neues Medikament würde nur dann „echten Umsatzzuwachs“ bringen, wenn es neue Anwendungsgebiete erschließen würde.
Der Bericht der Universität Lübeck beschreibt in knappen Sätzen, wie der Wettbewerbsdruck, der durch die dem maximalen Profit verpflichtete kapitalistische Medikamentenproduktion entstand, die Konzerne zu den Tests mit Minderjährigen, Heimkindern und anderen schutzlosen Menschen trieb. „Insofern kann festgehalten werden, dass das Interesse an der Etablierung des jeweils eigenen Produkts auf dem seit den 1950er Jahren neu entstehenden Markt der Psychopharmaka die Haltung der pharmazeutischen Firmen zu Medikamenten-Erprobungen und Anwendungsbeobachtungen ausmachte“, resümiert die Expertise. Darüber hinaus belegen Dokumente aus den christlichen Ricklinger-Anstalten, dass dabei eine Abwägung zwischen den vorhandenen Finanzmitteln, der notwendigen Menge an sedierenden Mitteln wie MEGAPHEN, der Personalanzahl und dem Ausbildungsstand stattgefunden hat. Das bedeutet: Statt Personal in der notwendigen Menge und mit ausreichender Ausbildung anzustellen, um eine menschenwürdige Betreuung der Patient

Im BAYER-Archiv
Recherchen, die Dr. Klaus Schepker gemeinsam mit den Betroffenen Eckhard Kowalke, Franz Wagle und Günter Wulf in den BAYER-Archiven vorgenommen hat, bestätigen die Befunde der Lübecker WissenschaftlerInnen. Aber der Konzern öffnete den vieren seine Türen nicht einfach so. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN, welche die ehemaligen Heimkinder seit Ende 2018 im Kampf um ihr Recht auf Anerkennung des erlittenen Leids und eine angemessene Entschädigung unterstützt (siehe SWB 1/20), hatte das Quartett im Jahr 2019 zur BAYER-Hauptversammlung eingeladen. Und als dort Kowalke, Wagle und Wulf ans Redner


Und dort wurden sie dann auch nicht zu knapp fündig, wie ihr Bericht dokumentiert. Er belegt die ungeheuere Kreativität des Unternehmens dabei, seinen Arzneien neue Absatzgebiete zu erschließen. Weitreichende und schwammige Krankheitsbilder wurden für die neuen Medikamente als Behandlungsfelder ausgemacht. Das im Zuge dessen benutzte Vokabular lässt allzu oft an die Ideologie des gerade erst von den Alliierten niedergerungenen Faschismus denken. So wurde von BAYER die „dämpfende Wirkung“ der Arzneien MEGAPHEN und AOLEPT gegen „gesellschaftsfeindliches Verhalten“ angepriesen. Auch heißt es in einem betriebsinternen Schreiben aus dem Dezember 1963: „Es ist sinnvoll, immer dann zu NEUROLEPTIL (französischer Name von AOLEPT) zu greifen, wenn ein Patient widerspenstig und wenig umgänglich ist, oder wenn er leicht reizbar ist und zu heftigen, oft gefährlichen Reaktionen neigt, mit einem Wort, bei gesellschaftsfeindlichen Personen.“

Arzneien statt Betreuung
Dr. Klaus Schepker schreibt zu der Auswertung der Dokumente: „Den psychia-trischen Anstalten wurde vermittelt, dass sie mit dem Einsatz von Psychopharmaka „Krankenwärter“ einsparen könnten, die Patienten weniger zerstören würden und der Aufenthalt verkürzt werden könnte.“ In den Unterlagen lasse sich eine „aggressive Vermarktung von BAYER-Produkten zur Sedierung in psychiatrischen Anstalten und Heimen“ nachweisen. „Für dieses Marktsegment wurden die Psychopharmaka gezielt in Großpackungen, sogenannten ‚Anstaltspackungen’ angeboten“, so Schepker. Diese Tatsache werde im Bericht der Uni Lübeck jedoch nicht ausreichend dargestellt, die Pharmaindustrie werde „verschont“.
Schepker weist auch darauf hin, dass sich BAYERs Vermarktungsstrategie mit der Zeit änderte. Ab Ende der 60er und zu Beginn der 70er Jahre wurden die Mittel mit der Argumentation vertrieben, Psychopharmaka seien eine sinnvolle Ergänzung von Psychotherapie. Der Konzern passte sich also den sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen an, um weiterhin gute Geschäfte mit den Produkten machen zu können. Ging es in den 50ern noch darum, „gesellschaftsfeindliches“ Verhalten zu bekämpfen sowie Jugendliche „zurück in die Gesellschaft zu führen“, war in den späten 60ern und frühen 70ern ein weniger reaktionärer Werbe-Ansatz notwendig.
Die veraltete und inzwischen unübliche Herangehensweise, Kinder mit Psychopharmaka ruhigzustellen, hat leider neue bedrückende Aktualität erfahren, wie der Skandal um den Kinderpsychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff zeigt. Als öffentlichkeitswirksamer „Experte“ war er gern gesehener Gast in den Talkshows der Republik wie Markus Lanz, hart aber fair oder Anne Will. Sein Rezept für unzählige junge PatientInnen, die er behandelte: Pipamperon, ein sedierendes (nicht von BAYER hergestelltes) Neuroleptikum, das Kinder zwar müde und oftmals auch dick macht, nach dessen Einnahme sie jedoch widerstandslos funktionieren. Offenbar die einzige gefragte Eigenschaft für den Psychiater, der gerne und oft „frühkindlichen Narzissmus“ diagnostiziert. Das ehemalige Heimkind Günther Wulf fühlt sich durch die Vorgehensweise von Winterhoff wieder schmerzhaft an seine eigene Vergangenheit erinnert: „Ich selbst war schockiert, dass solche rigorosen und gefühlskalten Psychiater wieder in der Psychiatrie auftauchen. Was solche Psychopharmaka mit der Psyche eines Menschen anrichten können, habe ich (...) am eigenen Leibe erfahren müssen.“ Wulf schließt mit dem Appell, aktiv zu werden: „Ich will, das gegen solche verrohten ‚Fachärzte’ vorgegangen wird, um heutigen Patienten das zu ersparen, was wir damals erleben und erleiden mussten.“ ⎜