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Unser täglich Gift

Ein neues Buch über die Pestizide von BAYER & Co.

Die Risiken und Nebenwirkungen von Ackergiften geraten immer mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Folglich beschäftigen sich auch immer mehr Bücher mit dem Thema. Das Stichwort BAYER widmet sich in dieser Ausgabe dem Werk „Unser täglich Gift“, das der Ökologe Johann G. Zaller von der Wiener Universität für Bodenkunde verfasst hat.

Von Dr. Gottfried Arnold, Kinderarzt

Dem Ökologie-Professor an der Wiener Universität für Bodenkultur, Johann G. Zaller, ist eine umfassende und spannende Darstellung der Probleme gelungen, welche die verniedlichend „Pflanzenschutzmittel“ genannten Gifte Mensch, Tier und Umwelt bereiten. Das rund 240 Seiten umfassende Werk ist in drei Abschnitte gegliedert. Es beginnt mit einer Einführung in die Welt der Pestizide, die schon so einiges Besorgniserregendes wie etwa die häufigen Berufskrankheiten bei WinzerInnen oder die häufigen Aufweichungen der Pestizid-Grenzwerte anspricht. Im mittleren Teil befasst sich Zaller mit den Auswirkungen der Agro-Chemikalien auf Mensch und Natur, wobei er deutlich macht, dass der Boden nicht einfach eine erneuerbare Ressource darstellt. Im letzten Teil gelingt es dem Autor schließlich trotz vieler deprimierender Fakten, den Blick nach vorne zu richten: Der Ökologie-Fachmann stellt darin überzeugend dar, dass und wie ökologische Landwirtschaft gelingen kann. In guter pädagogischer Manier fasst der Wissenschaftler dann ganz zum Schluss seine Verbesserungsvorschläge zusammen, und zumindest diese sollten eine Pflicht-Lektüre für PolitikerInnen sein.
Schon zu Beginn muss der Rezensent verwundert bis entsetzt zur Kenntnis nehmen, wie oft die Spitzenreiter Äpfel (31x von März bis September), Wein (18x) und Kartoffeln (12x) gespritzt werden. Dass im Bier die Rückstandswerte 300 Mal höher sein dürfen als im Trinkwasser, ist ebenso erstaunlich wie die Tatsache, dass im Wein 33 Pestizide gefunden wurden. Pestizid-Anwendungsfehler fand das Umweltbundesamt (UBA) Zaller zufolge bei 50 % der verdeckten Kontrollen, und die vorgeschriebenen Gewässer-Abstände wurden sogar zu 100 % nicht eingehalten.
Es ist hier aus dem berufenden Munde eines Ökologen zu hören, was eines der Hauptprobleme der Pestizide ist: Sie sind ganz überwiegend nicht zielgerichtet anwendbar. Der ökologische Schaden ist deshalb so groß, weil mehr als 90 % der Stoffe in den Organismus von Lebewesen gelangen, die gar nicht bekämpft werden sollen. So vergiften jene nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, von denen einige die Schadinsekten sogar selber in Schach halten könnten. Die Ackergifte unterscheiden eben nicht zwischen Freund und Feind, wie es Zaller ausdrückt.
Es hapert jedoch nicht nur am Unterscheidungsvermögen, sondern zunehmend auch überhaupt an der Wirksamkeit. Trotz der Vielzahl der Pestizide, die in den letzten Jahren zum Einsatz kamen, sind die Ernte-Verluste durch Insektenfraß in den USA von sieben auf 13 % angestiegen, berichtet Zaller. Als Folge davon erhöhen viele LandwirtInnen die Dosis, was dann natürlich auch wieder für mehr Risiken und Nebenwirkungen sorgt. Sogar auf Feldern der biologischen Landwirtschaft finden sich vereinzelnd Rückstände. Die Chemikalien gelangen nämlich in Luft. Der Wind trägt sie dann manchmal weit fort vom Einsatz-Ort, und der Regen lässt sie wieder auf die Erde niederkommen.

Auch regionale Verbote helfen nicht weiter. BAYER & Co. verkaufen nämlich hierzulande mit einem Bann belegte Mittel in andere Länder, aus denen sie mit Import-Waren wie Mais, Soja, Südfrüchten oder Blumen wieder heimkehren. Ein bis vier Kilogramm des in Deutschland schon lange verbotenen Insektizids DDT kommen allein durch abschmelzende Gletscher jedes Jahr mit dem Meerwasser wieder zurück. Besonders für die Entwicklung von Kindern stellt dies eine Bedrohung dar, ist das Mittel doch in der Muttermilch nachweisbar. Und schon in der Schwangerschaft vermag es die Reifung der Leibesfrucht zu stören, denn DDT ist plazenta-gängig, besitzt also die Fähigkeit, die Schranke zwischen der Mutter und dem heranwachsenden Embryo zu überwinden.

Genauer nimmt der Wissenschaftler auch die Pestizid-Zulassungsverfahren der Behörden unter die Lupe. Er bemängelt, dass Langzeitstudien nicht häufig genug durchgeführt werden und rügt die Verbindungen von Behörden-MitarbeiterInnen zur Industrie, wie sie z. B. mehr als 50 Prozent der ExperInnen der „Europäischen Behörde für Lebensmittel-Sicherheit“ (EFSA) unterhalten.

Dass nur Einzelstoffe und nicht Kombinationen getestet werden, dass Effekte auf die Lernfähigkeit, das Immun- und Hormon-System oft nicht untersucht werden und dass generationen-übergreifende Effekte vernachlässigt werden, sind wichtige und bittere Erkenntnisse. Für WissenschaftlerInnen und LaiInnen gleichermaßen unverständlich ist die Tatsache, dass nur die sogenannten „aktiven Substanzen“, nicht aber die z. T. giftigeren Beistoffe wie Netzmittel und andere Zusätze getestet werden müssen. Zaller macht überzeugend klar, dass den Grenzwerten somit keine medizinische Funktion zukommt, sondern nur eine juristische: Bis hierhin und nicht weiter, sonst drohen rechtliche Schritte. Nach Ansicht des Ökologen gibt es für Pestizide keine absolut unbedenkliche Dosis.

So viele Negativ-Beispiele Zaller auch anführen muss, gelingt es ihm auf der anderen Seite doch, eine Fülle von positiven Maßnahmen aus dem Bereich der praktischen Ökologie vorzustellen: Werden etwa Kartoffeln quer zur Windrichtung gepflanzt, breiten sich die Kartoffelkäfer nicht so stark aus. Ein einfacher Kniff, der den Pestizid-Gebrauch verringert. Und solche einfachen Lösungen hält die ökologische Werkzeug-Kiste viele bereit, zum Segen nicht nur der Biodiversität, sondern auch der Bodengesundheit und -fruchtbarkeit. Trotzdem ist die Wissenschaft in diesem Sektor deutlich unterfinanziert: In den USA erhält sie weniger als ein Prozent der 49 Millionen Dollar, die jährlich in die Lebensmittel- und Agrarforschung fließen.

So fällt das Fazit der Lektüre positv aus. Johann Zaller gibt in seinem Buch einen breit gefächerten Überblick über Pestizide mit einer Fülle hochinteressanter Details. Belege dazu finden sich im ausführlichen Literatur-Verzeichnis, was den LeserInnen weitere Informationsmöglichkeiten erschließt. Für die nächste Auflage, die dem Werk sehr zu wünschen ist, wäre nur ein Stichwort-Verzeichnis begrüßenswert, um die vielen Fakten leichter rekapitulieren oder wieder aufrufen zu können. Aber das ist es auch schon an Kritik. Und weil der klaren Darstellung der Fakten konkrete Verbesserungsvorschläge folgen, ermuntert der Autor seine LeserInnen sogar dazu, nicht in Resignation zu verfallen, sondern als VerbraucherIn, LandwirtIn oder WissenschaftlerIn den Umstieg in eine menschenfreundliche ökologische Landwirtschaft voranzubringen. ⎜