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Griff nach der Marktmacht

Griff nach der Marktmacht

Junge Welt, 26. Oktober 2016

Mit dem Kauf von Monsanto steigt der Bayer-Konzern zum mit Abstand größten Agrarunternehmen der Welt auf. Der Konzentrationsprozess der Branche erreicht damit einen vorläufigen Höhepunkt
//Von Jan Pehrke//

Durch die Fusion mit Monsanto steigt Bayer zum größten Produzenten gentechnisch veränderten Saatsguts weltweit auf – Feld mit genmanipuliertem Mais im brandenburgischen Hohenstein, wo die Polizei im Juli 2005 eine sogenannte Feldbefreiung verhinderte
Foto: Christian-Ditsch.de

»Ich kann Ihnen nur sagen, dass wir von der Qualität des Managements, der Qualität der Produkte, der Stärke der Innovationskraft und auch von der Kultur Monsantos sehr überzeugt sind«, erklärte Bayer-Chef Werner Baumann zum Abschluss der Übernahmeverhandlungen mit dem US-amerikanischen Chemie- und Saatgutunternehmen. 128 Dollar zahlt der Leverkusener Multi pro Aktie – das bedeutet einen kräftigen Aufschlag gegenüber dem derzeitigen Kurs. Der Kaufpreis summiert sich so auf 66 Milliarden Dollar. 19 Milliarden davon will Bayer durch eine Eigenkapitalerhöhung aufbringen; den Rest über Kredite von Credit Suisse, der Bank of America/Merrill Lynch und anderen Geldhäusern.

Der Deal ist der vorerst letzte Akt im neuerlichen Monopolyspiel der Agrarchemieindustrie. Die Aktionäre von Dupont und Dow haben bereits im Mai einer Fusion der beiden Konzerne zugestimmt, und Chem-China übernahm jüngst Syngenta. Im Düngemittelbereich schlossen sich Potash und Agrium zusammen, und auch bei den Herstellern von Landmaschinen kam es zu Aufkäufen und Jointventures. In diesem Sektor beherrschen aktuell die stärksten drei der Branche 50 Prozent des Weltmarkts.

Endkampf um Marktanteile

War die Konzentrationswelle vor 20 Jahren hauptsächlich davon getrieben, von der Gentechnik zu profitieren, die den Zugriff auf Saatgutfirmen verlangte, um in den Besitz des »Rohstoffes« für die Laborfrüchte zu gelangen, so löste die schlechte Ertragssituation der Landwirte das jetzige Revirement aus. In den USA rechnet das Landwirtschaftsministerium für dieses Jahr mit Einkommensrückgängen im zweistelligen Bereich auf das Niveau von 2009, was zur Kaufzurückhaltung bei Pestiziden und anderen Betriebsmitteln führt. Argentinien und Brasilien, die beiden größten Anbauländer in Lateinamerika, gehen derweil durch mehr oder weniger große Wirtschaftskrisen, und auch China kämpft aktuell mit sinkenden Wachstumsraten.

In einer solchen Situation erscheint es Bayer und Co. nicht sinnvoll, in den Ausbau der eigenen Kapazitäten zu investieren und etwa neue Pestizidfabriken zu bauen. Und da auch Arbeitsplatzvernichtungen und andere Rationalisierungsmaßnahmen die Renditen nicht mehr in dem von den Finanzmärkten gewünschten Maße erhöhen, gehen die Unternehmen auf Einkaufstour. »Wenn du keine andere Option hast, mach einen Megadeal«, so fasst der Wirtschaftsmedienkonzern Bloomberg die Gedankengänge in den Chefetagen zusammen. Auf diese Weise können die Firmen nämlich selbst in Zeiten der Flaute noch Boden gutmachen. Von »einer Art Endkampf um Marktanteile« sprach die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in diesem Zusammenhang.

Kämen alle Transaktionen vollumfänglich zustande, was noch nicht ausgemacht ist, da die Zustimmung der Kartellbehörden – und in manchen Fällen auch diejenige der Aktionäre – noch aussteht, ginge der Leverkusener Multi als klarer Sieger aus diesem »Endkampf« hervor. Die Geschäftszahlen von 2015 zugrundegelegt, kommen die Landwirtschaftssparten von Bayer und Monsanto zusammen auf einen Umsatz von 23,1 Milliarden Dollar. Damit kann niemand aus der Branche mithalten. Die frisch vermählten Paare Syngenta/Chem-China und Dupont/Dow folgen mit weitem Abstand (14,8 bzw. 14,6 Milliarden), und auf Rang vier landet abgeschlagen BASF mit 5,8 Milliarden Dollar. Bei den Pestiziden erreichen Bayer und Monsanto zusammen einen Marktanteil von rund 25 Prozent, beim Saatgut für gentechnisch veränderte und für konventionelle Ackerfrüchte einen von rund 30 Prozent. Allein die Genpflanzen betrachtet, erlangen die beiden Konzerne vereint mit weit über 90 Prozent sogar eine Monopolstellung. Entsprechend besorgt reagierte das Netzwerk Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG). »Wir schlagen Alarm: ›Wer das Saatgut kontrolliert, beherrscht die Welt‹, hat Henry Kissinger einmal gesagt. Durch die Übernahme droht ein weltweites Lebensmittelmonopol. Die Welternährung gerät in ernste Gefahr«, so Axel Köhler-Schnura vom Vorstand der CBG in einer Erklärung vom 20. Mai 2016.

Risiken und Nebenwirkungen

Der Deal hat jedoch noch weitere negative Folgen. »Der Merger (Fusion, jW) wird den Landwirten wehtun«, äußerte Jim Benham von der Indiana Farmers Union: »Je mehr Konsolidierung wir bei den Anbietern unserer Betriebsmittel haben, desto schlimmer wird’s.« Nach Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums haben sich allein die Preise für Mais- und Baumwollsaatgut in den vergangenen 20 Jahren vervierfacht. Und Bayer schickt sich an, diese Tradition fortzusetzen. Der Chef von Bayer Cropscience, Liam Condon, schloss gegenüber der New York Times (14.9.2016) weitere Preissteigerungen auch gar nicht erst aus. Allerdings versicherte er scheinheilig, der Konzern würde den Farmern dafür in jedem Fall einen Mehrwert bieten.

Überdies reduziert die Übernahme die Produktvielfalt. Die oligopolartigen Strukturen haben jetzt schon einen riesigen Innovationsstau mit sich gebracht, und die neue Übersichtlichkeit dürfte die Malaise noch verstärken. An eine Landwirtschaft ohne Chemie verschwenden die Unternehmen sowieso keinen Gedanken, sie schaffen es noch nicht einmal, Ersatz für ihre Altmittel zu finden. Bayers Glufosinat oder Monsantos Glyphosat haben schon über 40 Jahre auf dem Buckel. Deshalb trotzen immer mehr Unkräuter diesen Substanzen. Den Landwirten bleibt so nichts anderes übrig, als die Giftdosis zu erhöhen. Und der Leverkusener Multi leugnet diesen Tatbestand keineswegs. »Seit über 25 Jahren hat die weltweite Pflanzenschutzindustrie kein wirtschaftlich bedeutendes Herbizid mit neuem Wirkmechanismus mehr für Flächenkulturen entwickelt und auf den Markt gebracht – unter anderem eine Folge der Konsolidierung der Industrie, die mit einer deutlichen Reduktion der Forschungsaufwendungen für neue Herbizide einherging«, so der Bayer-Forscher Dr. Hermann Stübler im November 2012 bei einer von Bayer Cropscience organisierten Tagung in Frankfurt. Warum denn auch nach Neuem suchen, wenn es kaum Konkurrenz gibt und der Zugang zu dem, was Konzernchef Werner Baumann »den Profitpool der Branche« nennt, so bequem ist? Der vom Leverkusener Multi mitgegründete Chemiemonopolist IG Farben ging seinerzeit den Weg, zur Sicherung der Innovationskraft unter einem Dach miteinander im Wettstreit um Entdeckungen liegende Abteilungen aufzubauen, dies scheint für Baumann und Co. bisher jedoch keine Option zu sein.

Synergieeffekte

Die Beschäftigten von Monsanto und Bayer müssen sich ebenfalls auf härtere Zeiten einstellen, obwohl Baumann am Tag der Vertragsunterzeichnung verkündete: »Dieser Zusammenschluss bietet eine großartige Gelegenheit für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.« Zunächst einmal sehen sich die rund 140.000 Belegschaftsangehörigen der beiden Konzerne mit den bei solchen Deals immer wieder gerne beschworenen Synergieeffekten konfrontiert. Der Leverkusener Multi taxiert das Einsparpotential auf 1,5 Milliarden Dollar schon drei Jahre nach dem Vollzug der Übernahme. Dabei entfallen 1,2 Milliarden auf Kostensynergien und 300 Millionen auf Ertragssynergien. Wie viele Jobs das genau kostet, konnte der Vorstandsvorsitzende noch nicht sagen: »Das haben wir (…) nicht in Arbeitsplätze umgerechnet.« Einsparmöglichkeiten sieht der Konzern aber unter anderem bei der Infrastruktur, bei den IT-Aufwendungen, beim Vertrieb, beim Einkauf und in der Forschung. So kündigte Liam Condon schon einmal die Schließung von Labors im US-amerikanischen Cropscience-Headquarter an, das in North Carolinas Triangle-Research-Park liegt.

Da sich das Sortiment der beiden Unternehmen jedoch kaum überschneidet, dürften sich die unmittelbar mit dem Vollzug der Übernahme verbundenen Jobstreichungen zunächst einmal in Grenzen halten. Größere Unbill droht erst später, wenn die Kartellbehörden den Deal prüfen und vor der Aufgabe stehen, trotz des neuen Big Players wenigstens Reste von Wettbewerb in dem Sektor zu retten. Bayer und Monsanto selbst kalkulieren schon ein, sich von Geschäften in einem Umfang von bis zu 1,6 Milliarden Umsatz trennen zu müssen. Sollten sich aber die Wettbewerbskommission der EU und ihre Pendants in den anderen Ländern nicht daran orientieren und statt dessen eigene Rechnungen anstellen, könnte es noch mehr werden. Wenn dieses Paket dann irgendwann zu BASF oder einem anderen Agroriesen wandert, beginnt der zweite Akt im Spiel um die Synergieeffekte, und für einen Teil der Beschäftigten dürfte dieser ohne Happyend ausgehen.

Damit nicht genug, entsteht Druck auf die Belegschaft auch durch die hohen Schulden, die der Leverkusener Multi sich in Sachen »Monsanto« aufgebürdet hat. Vernichtung von Arbeitsplätzen in diesem Zusammenhang hat der Konzern nur für die Bundesrepublik ausgeschlossen. »Rationalisierungsmaßnahmen zur Finanzierung der Akquisi­tion werden in Deutschland nicht stattfinden«, heißt es in einer mit dem Gesamtbetriebsrat geschlossenen Vereinbarung vom 22. Mai 2016. Die Abstoßung einzelner Sparten treibt der Global Player jedoch bereits kräftig voran. Noch während der Verhandlungen mit dem Monsanto-Management hat er bekanntgegeben, sich vom Dermatologie- und vom Kontrastmittelgeschäft trennen zu wollen. Auch die Tiermedizinabteilung steht auf der Kippe. Pläne für solche »Deinvestitionen« mit den entsprechenden Entlassungen existieren zwar teilweise schon länger, aber die Monsanto-Übernahme macht ihre Realisierung zweifelsohne dringlicher. Zudem sind Effizienzprogramme, also weitere Jobstreichungen, zur Verringerung der Schuldenlast zu befürchten. Seine Renditeziele jedenfalls hat der Konzern zur Beruhigung der Finanzmärkte schon eine Woche nach der Vertragsunterzeichnung hochgesetzt. Entsprechend schlecht ist die Stimmung an den Standorten. Nach außen dringen soll das aber nicht – Bayer hat den Beschäftigten kurzerhand untersagt, mit Journalisten über den Monsanto-Deal zu sprechen.

Die Standortstädte müssen sich ebenfalls auf so einiges gefasst machen. Ihnen ist die letzte Einkaufstour von Bayer noch in denkbar schlechter Erinnerung. Unmittelbar nach dem Kauf der ­Merck-Sparte mit den nicht rezeptpflichtigen Arzneien hatte der Multi nämlich verkündet: »Bayer rechnet ab dem ersten Jahr nach dem Vollzug mit signifikanten Steuereinsparungen.« Und prompt hat er die Akquisition dann auch von der Steuer abgesetzt, dabei die erweiterten Möglichkeiten durch die »Unternehmenssteuerreform« von 2001 nutzend, für die der ehemalige Bayer-Finanzchef Heribert Zitzelsberger als Staatssekretär im Finanzministerium eine wesentliche Verantwortung trug. Vor allem den Stammsitz Leverkusen trieb der Merck-Erwerb deshalb noch einmal tiefer in die Verschuldung.

All diese Risiken und Nebenwirkungen lassen nicht einmal die wirtschaftsfreundlichen Zeitungen unberührt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, an deren Vorläuferin, der Frankfurter Zeitung, die IG Farben bis zu 49 Prozent der Geschäftsanteile hielt, sah am 17.9.2016 »die Ego-Strategie einfallsloser Manager auf der Suche nach Boni auf dem Fusionspfad« am Werk und zweifelt daran, ob die Probleme der Welternährung auf diesem Weg zu lösen sind: »Für Innovationen braucht man Größe nicht.« Das Handelsblatt (22.9.2016) listete derweil die Vielzahl der nicht eben erfolgreichen Fusionen auf, und die New York Times (16.9.2016) verwies dazu auf eine Studie der Ratingagentur Standard & Poor’s, wonach das neue Unternehmensganze oftmals weniger ist als die Summe seiner alten Teile. »In general ›M & A‹-Deals underperform«, mit diesen Worten zitiert das Blatt den Standard & Poor’s-Analysten Richard Tortoriello. Zu dessen Befund von der Zeitung befragt, gab sich ein Bayer-Sprecher zugeknöpft – er lehnte jeden Kommentar ab.

Sogar Fondsgesellschaften wie Jupiter und Henderson sprachen sich gegen den Monsanto-Kauf aus, weil sie sich vom Pharmageschäft einträglichere Renditen versprechen und um die Arznei­investitionen bangen. Nicht einmal bei Bayer selbst herrschte Einigkeit über den Coup. Der frühere Bayer-Chef Marijn Dekkers lehnte die Übernahme im Gegensatz zu Baumann und dem Aufsichtsrats­chef Werner Wenning ab und zog deshalb seinen ohnehin schon geplanten Abgang noch einmal vor.

Die Rolle des Investors Blackrock

Aber wer trieb den Deal dann voran? Das waren vor allem die großen Finanzmarktakteure mit dem Branchenprimus Blackrock an der Spitze. Der Vermögensverwalter gebietet über rund fünf Billionen Dollar. Diese Summe, hinter der das Kapital von Groß- und Kleinaktionären, von Rentenfonds, vor allem aber auch vieler Ultrareicher steckt, übersteigt das Bruttosozialprodukt der Bundesrepublik um das Eineinhalbfache.

Die Mutter aller Investmentgesellschaften hält sich nicht mit Detailanalysen auf wie Jupiter und andere Unternehmen. Sie durchleuchtet nicht die Produktpipelines der Global Player auf der Suche nach zukunftsträchtigen Anlagemöglichkeiten und hält auch nicht nach besonders attraktiven Firmen Ausschau. So reichen ihr fünf Angestellte zur »Betreuung« der ca. 600 Unternehmensbeteiligungen in Europa, während bei Hermes Equity ein Beschäftigter für bloß zehn bis zwanzig Firmen zuständig ist. Der Finanzmogul Blackrock agiert anders. Er hat Aktien fast aller großen Konzerne im Depot und investiert hauptsächlich in Fonds, die Aktienindizes wie den Dax oder den Dow Jones nachbilden.

Blackrock gehören nicht nur Bayer-Papiere im Kurswert von ca. 5,2 Milliarden Euro, sondern auch Monsanto-Aktien für rund 2,6 Milliarden Euro. Beim Leverkusener Multi nimmt er damit die Position des größten Investors ein, beim US-Multi die des zweitgrößten. Andere Finanzinvestoren halten ähnliche Crossoverbeteiligungen mit entsprechenden Interessen. Vanguard zum Beispiel ist die Nummer eins bei Monsanto und die Nummer vier bei Bayer, Capital bei beiden Unternehmen die Nummer drei. Sie sitzen somit an beiden Seiten des Verhandlungstisches und können ihre Profite bestens optimieren.

Blackrock agiert als eine Art ideeller Gesamtkapitalist, dem am Maximalprofit des großen Ganzen liegt. Übernahmen und Fusionen sind dabei das probate Mittel. Diese treibt die Investmentgesellschaft bei jeder Gelegenheit voran. Jüngst forderte sie solche Transaktionen etwa im Finanzsektor. »Der europäische Bankenmarkt ist überbesetzt, deshalb müssen auch grenzüberschreitende Fusionen möglich sein«, verlangte der Blackrock-Manager Philipp Hildebrand am 4. Oktober diesen Jahres in der FAZ. Im Zuge der Verhandlungen zwischen Bayer und Monsanto hatte er rasch seinen Aktienanteil von fünf auf sieben Prozent erhöht. Bei dem Kaufangebot von 128 Dollar pro Papier streicht der Vermögensverwalter allein dadurch rund eine Milliarde Euro ein. Vor allem aber setzt er bei seiner Strategie auf das, wovor die Landwirte so viel Angst haben: steigende Preise. Mit den höheren Margen steigen nämlich die Profite.

Und genau das strebt Blackrock nicht nur mit dem Forcieren von Fusionen, sondern auch mit den flächendeckenden Branchenengagements an – äußerst erfolgreich, wie der Finanzökonom Martin Schmalz in einer Studie herausfand. Der Dozent der University of Michigan untersuchte die Folgen eines verstärkten Blackrock-Investments in Fluggesellschaften und wies überdurchschnittliche Preissteigerungsraten nach. Und die machen zur Freude des Anlegers die ganze Branche profitabler, während der Konkurrenzkampf um Marktanteile für einen so breit aufgestellten Finanzinvestor wie Blackrock nur ein Nullsummenspiel darstellt.

Blackrock realisiert also ein höchst attraktives Geschäftsmodell. Allerdings ist es in letzter Zeit etwas in Verruf geraten. »Die Monopolkommission sieht ein wesentliches wettbewerbsverzerrendes Potenzial«, heißt es im diesjährigen Hauptgutachten der Kartellwächter über Blackrock und Co. Achim Wambach, der Leiter der Kommission, fordert deshalb von der Wettbewerbsbehörde der EU, deren Treiben auch zum Gegenstand des Prüfverfahrens zur Genehmigung des Monsanto-Deals zu machen. »Der US-Investor Blackrock ist an beiden Unternehmen zu sechs bis sieben Prozent beteiligt. Hier schließen sich also zwei Unternehmen zusammen, die zu Teilen dem gleichen Eigentümer gehören. Außerdem halten Blackrock und andere institutionelle Anleger gleichzeitig an allen großen Konkurrenten dieser beiden Unternehmen Anteile. Das sollten die Behörden beachten«, sagte Wambach der Rheinischen Post (30.9.2016). Und zumindest die US-amerikanische Federal Trade Commission hat schon einmal angekündigt, das Agieren des Vermögensverwalters in den Blick nehmen zu wollen. Der Finanzinvestor selbst weist dabei alle Anschuldigungen zurück. »Die Idee, dass wir unsere Anteile auf ganze Industriezweige verteilen, (…) anstatt zu versuchen, aus jedem einzelnen Investment das Beste herauszuholen, ist falsch«, so Blackrock-Sprecher Ed Sweeney gegenüber der Finanznewswebsite The Street (30.9.2016). Als der Journalist dann aber nachhakte und fragte, wann der Finanzmogul denn bei einem einzelnen Unternehmen zuletzt einmal eine aktive Rolle gespielt habe, konnte Sweeney nur ein Beispiel nennen.

Dabei tut sein Arbeitgeber das sehr wohl, wenn sich die Dinge nicht in dem gewünschten Sinne entwickeln oder wichtige Entscheidungen anstehen. Den Druck von seiten der Finanzinvestoren wird Bayer auch nach der Monsanto-Übernahme noch spüren. Irgendwann haben diese sich nämlich genügend an den Synergieeffekten gelabt und fordern neue Gaumenfreuden. Da aber, was »Mergers and Acquisitions« betrifft, in der Branche kaum noch Luft nach oben ist, stellt sich die Frage, wie die Entwicklung weitergeht. Zur Wahl stände außer einem Duopol oder einem wirklichen Monopol nur noch, Bayer oder auch BASF zu zwingen, ihre Agrarchemiesparten an die Börse zu bringen, ähnlich wie es Dow und Dupont planen. Das würde nämlich Extrageld in die Kassen spülen.

Ein paar Auflagen

Erst einmal müssen die genannten Deals allerdings das Prüfprozedere der Wettbewerbsbehörden durchlaufen. Monsanto hat sich vorsorglich im Vertrag schon einmal eine Ausfallgarantie in Höhe von zwei Milliarden Dollar zusichern lassen, falls die Sache schiefgeht. Das steht zwar nicht zu erwarten, aber unbeschadet dürfte der Leverkusener Multi den Prozess kaum überstehen. »Wir werden eine Marktanalyse berücksichtigen, die sich mit den Folgen eines solchen Zusammenschlusses für die Landwirte beschäftigt«, gab die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager die Richtung vor. Auch die Auswirkungen auf die Forschungsleistungen und die Verbraucher will die Dänin zum Gegenstand des Verfahrens machen. Die Folgen für die Arbeitsplätze und das Steueraufkommen der Standortstädte fehlen jedoch auf ihrer Agenda. Nicht nur deshalb sieht Bayer-Chef Werner Baumann dem Ganzen eher entspannt entgegen. »Ich war in der vergangenen Woche in Brüssel. Dort kam klar zum Ausdruck, dass die Europäische Kommission sachorientiert entscheidet«, sagte er der Süddeutschen Zeitung (9.10.2016). Und in der Tat wäre es sehr verwunderlich, wenn die Auflagen zum Verkauf einzelner Geschäftsbereiche zu wesentlich größeren Umsatzeinbußen als den 1,6 Milliarden Dollar führten, die der Chemiemulti selbst veranschlagt hat.

Von dieser Seite her ist also kaum mit ernsthaften Schritten gegen einen von immer weniger Konzernen bestimmten agroindustriellen Komplex zu rechnen, der vorgibt, die Welternährung sichern zu wollen, aber vornehmlich Soja- und Maismonokulturen für die Futtertröge der Massentierhaltung befördert, der hochriskante Verfahren wie die Gentechnik einsetzt und immer mehr Gifte auf die Felder bringt, statt nach Alternativen Ausschau zu halten. Sowohl Bayer als auch Monsanto haben in ihrer Geschichte eindrucksvolle Belege für eine menschenverachtende Haltung des Managements geliefert, dem Profite über alles gehen. Dafür stehen beim Leverkusener Bayer-Konzern hauptsächlich die Entwicklung von chemischen Kampfstoffen und die Beteiligung am Holocaust, beim US-Unternehmen Monsanto die Herstellung des im Vietnamkrieg eingesetzten Agent Orange und der skrupellose Umgang mit den Landwirten weltweit.

Die Coordination gegen Bayer-Gefahren versucht deshalb, gemeinsam mit anderen Initiativen ein breites gesellschaftliches Bündnis zu organisieren, um dem Treiben von Bayer und Co. Einhalt zu gebieten. Erste Schritte dazu unternahm die Coordination auf dem »Monsanto-Tribunal« am 15. und 16. Oktober in Den Haag (siehe junge Welt vom 21.10.2016) . Dabei darf es nach Ansicht der CBG nicht bei Forderungen nach einem sofortigen Glyphosat-Stopp, nach einem wirksameren Schutz vor der Gentechnik und nach einer Beschränkung der ökonomischen Macht der Agrarchemieriesen bleiben. Vielmehr müssen auch die Eigentumsfragen auf die Agenda der konzernkritischen Bewegung. Denn eine Branche, der die Versorgung der Menschheit mit Nahrungsmitteln obliegt, bedarf der demokratischen Kontrolle. Eine Handhabe dazu böte etwa der Vergesellschaftungsparagraph der nordrhein-westfälischen Landesverfassung.

Jan Pehrke gehört dem Vorstand der Coordination gegen Bayer-Gefahren an. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 9.5.2016 über den Einfluss westlicher Konzerne in Osteuropa.

Zur Unterstützung ihrer Arbeit ist die Coor­dination gegen Bayer-Gefahren auf Spenden angewiesen. Mehr Informationen unter: http://www.cbgnetwork.org