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STICHWORT BAYER 03/2016

Wasser, Boden & Luft

Augen zu und durch die Dhünnaue===

„Können Gefahren ausschließen“===

Das Land Nordrhein-Westfalen will die Autobahn A1 ausbauen und dazu auch Hand an eine ehemalige Giftmüll-Deponie BAYERs legen. Nichts kann Kraft & Co. davon abhalten, die Büchse der Pandora zu öffnen.

Von Jan Pehrke

Auch ein Rekord: Mit der Dhünnaue bescherte der BAYER-Konzern seinem Stammsitz die größte Müll-Deponie Europas. 6,5 Millionen Tonnen Abfälle nahm die Erde unter Leverkusen von 1923 bis 1965 auf, davon fast eine Million Tonnen gefährliche Rückstände aus der Chemie-Produktion wie Quecksilber, Arsen, Chrom und Blei. Erst 1995 begannen die Arbeiten zur Sicherung der Altlasten, die geschlagene acht Jahre in Anspruch nahmen (siehe SWB 3/04).
Und jetzt, kaum dass die Dhünnaue – einigermaßen – abgedichtet ist, gibt es Bestrebungen, die Büchse der Pandora wieder zu öffnen. Das Land will nämlich eine neue Autobahn-Brücke errichten sowie die Autobahn A1 erweitern und dafür Teile der Deponie als Baugrund in Beschlag nehmen. Für diese Infrastruktur-Maßnahme, die nicht zuletzt der Pharma-Riese immer wieder eingefordert hat, muss Straßen.NRW als Vorhaben-Träger nun aber wieder ran ans verseuchte Erdreich. Der Landesbetrieb hält das wider Erwarten für ungefährlich. „Wir wissen, was dort liegt, und können unkalkulierbare Risiken ausschließen“, erklärt die Sachverständige Ingrid Obernosterer.

Dort unten fände sich zwar eine wilde Mischung von Substanzen, die Stoff-Konzentrationen seien jedoch nicht besorgniserregend, wiegelt sie ab. Und der Chemie„park“-Betreiber CURRENTA, eine 60-prozentige BAYER-Tochter, erteilt dem Projekt selbstverständlich ebenfalls eine Unbedenklichkeitsbescheinigung.
Viele LeverkusenerInnen beurteilen die Lage allerdings anders. So protestierten am 13. Februar 2016 rund 1.500 BürgerInnen gegen die Pläne, und 300 AnwohnerInnen bzw. Initiativen – darunter auch die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN – erhoben bei der Bezirksregierung schriftlich Einspruch gegen das Vorhaben. Der Diplom-Ingenieur Helmut Hesse, den die Stadt im Rahmen ihres Dialog-Forums mit der Ausarbeitung einer Alternative zur Stelzen-Autobahn beauftragt hatte, befürchtet etwa Boden-Absenkungen, denn im Gift-Grab rumort es noch. Die organischen Anteile des Mülls zersetzen sich und lassen das Volumen schrumpfen. Der Landesbetrieb will deshalb zwar Teile der Deponie abtragen, aber nach Hesses Meinung reicht der avisierte Aushub nicht, obwohl die Landes-IngenieurInnen die Menge schon von 34.000 m3 auf über 200.000 m3 aufstockten. Der Ingenieur beruft sich dazu den Straßen.NRW-Baugrundsachverständigen selber, der für einen vollständigen Bodenaustausch eintritt, dies aber wegen der hohen Kosten als unrealistisch ansieht.
Helmut Hesse hält eine solche Komplett-Reinigung für unabdingbar, sollte das Land wirklich bei seinen Plänen bleiben. Er selber jedoch tritt dafür ein, die Deponie lieber in Frieden zu lassen. Der Experte plädiert deshalb für „Tunnel statt Stelze“ und weiß sich darin mit vielen Menschen einig. Auf dem Erörterungstermin der Bezirksregierung Köln, der für den Sommer angesetzt ist, werden die LeverkusenerInnen für diese Alternative werben. Und im Herbst entscheidet sich dann, ob die Behörde sich auf die Argumente einlässt oder aber Straßen.NRW eine Baugenehmigung für Brücke und Autobahn erteilt.