deutsch
english
francais
espanol
italiano
Photo
STICHWORT BAYER 3/2016

Gene & Klone

Zahlreiche Anmeldungen für neue Gentech-Verfahren

BAYERs Patent-Pipeline

Neue Gentechnik-Verfahren wie der Einsatz der DNA-Scheren (Nukleasen) werden in der EU kontrovers diskutiert. Ein von den Befürworten häufig vorgebrachtes Argument ist, dass diese Verfahren dank geringerer Kosten kleineren Unternehmen Zugang zum Geschäft mit Gentechnik-Pflanzen ermöglichen können. Doch sieht man sich die Entwicklung genauer an, stellt man fest, dass altbekannte Konzerne wie BAYER, MONSANTO und DUPONT/DOW sich längst in Stellung gebracht haben, um ihre Marktposition durch Patent-Anmeldungen auch in diesem Bereich systematisch auszubauen. Und durch die geplanten Fusionen der Seed Giants wird sich die Siuation noch einmal dramatisch zuspitzen.

Von Christoph Then (TESTBIOTECH )

Seit einigen Jahren wird über eine Reihe von neuen Gentechnik-Verfahren diskutiert, die als „Genom-Editing“ oder als „Synthetische Gentechnik“ und von einigen Protagonisten auch als „Neue Züchtungsverfahren“ bezeichnet werden. Diese sollen auch im Rahmen der Züchtung von Nutz-Tieren und – Pflanzen eingesetzt werden. Dabei geht es u. a. um folgende technische Anwendungen:
• die künstliche Synthese von DNA
• der Einbau von synthetischer DNA in das Erbgut von Pflanzen und Tieren mithilfe von Nukleasen (DNA-Scheren) wie CRISPR-Cas.
• Eingriffe in die Genregulierung.

Die neuen Methoden unterscheiden sich erheblich von dem, was bisher unter dem Begriff Gentechnik verstanden wurde:
• Die Struktur der DNA ist nicht mehr abhängig von natürlichen Vorlagen, sondern kann am Computer umgeschrieben und im Labor synthetisiert werden.
• Mit den neuen Verfahren sind auch radikale Veränderungen im Erbgut möglich, wie die Einfügung von Erbmaterial, für das es keine natürliche Entsprechung gibt.
• Nicht nur die Struktur des Erbguts, sondern auch die Häufigkeit der Vererbung kann verändert werden: Sogenannte Gene-Drives ermöglichen es, dass sich die neuen Gene in den nachfolgenden Generationen wesentlich schneller ausbreiten.

Häufig wird die Ansicht geäußert, dass die neuen Verfahren wie CRISPR-Cas die Herstellung von Gentechnik-Pflanzen erheblich beschleunigen können: Sie sollen nicht nur gezielter, sondern auch wesentlich billiger sein. Tatsächlich wenden viele Forschungseinrichtungen diese neuen Verfahren bereits an, die Materialkosten sind auf der Ebene des Labors gering. Jedoch sind die Verfahren keineswegs so zielgenau, wie oft behauptet wird. Es ist deswegen eine ganze Reihe von zum Teil aufwändigen technischen Schritten nötig, um tatsächlich Pflanzen mit den gewünschten Eigenschaften zu erhalten. Es muss insgesamt bezweifelt werden, dass die neuen Gentechnik-Verfahren tatsächlich wesentlicher billiger oder sicherer sind als die bisherigen Methoden (siehe Then, 2016a).

Die Monopolisten bleiben
Es kann dagegen kein Zweifel daran bestehen, dass die Konzerne, die schon jetzt als „Seed Giants“ gelten, auch den Einsatz der neuen Gentechnik-Verfahren an Nutzpflanzen ganz wesentlich beeinflussen werden. Die aktuelle Entwicklung folgt dabei ganz der bisherigen Strategie der Konzerne. Mit dem Einzug der Gentechnik in den 1980er Jahren ging eine erhebliche Umwälzung der Saatgutbranche einher. Unternehmen wie MONSANTO und DUPONT weiteten ihr Geschäftsmodell, das auf Patenten beruht, auf die Pflanzenzucht aus. Inzwischen ist die Firma MONSANTO mit einem Marktanteil von rund 25 Prozent weltweit der größte Anbieter von Saatgut. Auch für BAYER markiert die Gentechnik einen Wendepunkt: Der Leverkusener Multi übernahm das Geschäft mit den Gentechnik-Saaten von Firmen wie HOECHST, AGREVO und PLANT GENETIC SYSTEMS und ist derzeit neben MONSANTO, DUPONT, SYNGENTA und DOW einer der größten Anbieter von patentiertem Gentechnik-Saatgut. BAYERs Spezialität sind – ähnlich wie bei MONSANTO – herbizid-resistente Pflanzen, die zusammen mit dem passenden Spritzmittel im Doppelpack verkauft werden können.
Im Zusammenhang mit den neuen Gentechnik-Verfahren ist davon auszugehen, dass sich die Entwicklung fortsetzt: Entsprechende Verfahren werden, ebenso wie damit manipulierte Pflanzen und Tiere, systematisch zum Patent angemeldet. Auf absehbare Zeit wird der Einsatz der neuen Techniken dazu führen, dass der Konzentrationsprozess in der Branche weiter fortschreitet, weil die Großen kleinere Firmen aufkaufen oder vom Markt verdrängen
Durch die Einführung der neuen Gentechnik-Verfahren könnte die Dominanz von BAYER & Co. nicht nur im Bereich der Pflanzenzucht erheblich verschärft werden: Falls es zu einem Einsatz der neuen Gentechnik-Verfahren im Bereich der landwirtschaftlichen Tierzucht kommen würde, ist ein Bereich betroffen, der, anders als die Pflanzenzucht, von Patenten bisher weitgehend verschont geblieben ist. Es gibt bereits Firmen, die sich auf diesen Bereich spezialisiert haben und reihenweise Patente auf Nutztiere anmelden, die mit Hilfe der synthetischen Gentechnik manipuliert werden (Then, 2016b). Diese Entwicklung kann erhebliche strukturelle Verschiebungen verursachen: Die Patentierung würde beispielsweise auch LandwirtInnen betreffen, die, wie bisher üblich, ihre Milchkühe selber züchten und diese auch verkaufen. Diese FarmerInnen dürften in Zukunft zwar ihre Kühe noch melken, aber ohne Zustimmung der Patentinhaber nicht mehr zur Zucht verkaufen.

Aktuelle Patentrecherche
Eine Patentrecherche von TESTBIOTECH, deren Ergebnis 2016 veröffentlicht wurde (Then, 2016a) zeigt, dass BAYER neben DOW und DUPONT zu den Konzernen gehört, die im Bereich der Pflanzenzucht die meisten Patente auf den Einsatz der neuen Gentechnik-Methoden anmelden.
Bei der Recherche berücksichtigt wurden Patent-Anmeldungen der großen Saatgutkonzerne wie MONSANTO, SYNGENTA, DUPONT und BAYER und ihre Kooperationspartner. Gesucht wurde nach Patentanträgen der letzten Jahre betreffend
• Anwendungen von Nukleasen (CRISPR-Cas).
• Einsatz von kurzen synthetischen DNA-Abschnitten (Oligonukleotiden)
• Methoden der RNA-Interferenz (RNAi) zur Beeinflussung der Gen-Aktivität.

Demnach sind Patentanmeldungen auf Nukleasen (33) am häufigsten, gefolgt von Anträgen auf RNAi-Anwendungen (20) und die Verwendung von Oligonukleotiden (12). DUPONT und DOW sowie BAYER sind die Konzerne, die am meisten Patent-Anträge eingereicht haben. Das ist im Hinblick auf die weitere Entwicklung brisant, denn DUPONT und DOW sind dabei zu fusionieren, und dieser Zusammenschluss würde ihre Stellung in diesem Bereich noch einmal erheblich verstärken. Berücksichtigt man zudem noch die Kooperationspartner, so hat sich DUPONT einen weiteren Vorteil verschafft: Das Unternehmen hat einen Vertrag mit der Firma CARIBOU abgeschlossen, einer Ausgründung der University of California, die bei der Entwicklung von CRISPR-Cas eine Pionier-Rolle spielte und auf diesem Gebiet umfassende Patente angemeldet hat.
Auch BAYER hat in diesem Bereich nicht nur eine relativ hohe Anzahl an Patenten angemeldet, sondern mit den Firmen CALYXT (ehem. CELLECTIS) und KEYGENE auch spezialisierte Kooperationspartner mit entsprechenden Schutzrechten. Und zu diesem Kreis stieß jüngst noch CRISPR THERAPEUTICS hinzu. Werden im Rahmen dieser Zusammenarbeit neue Verfahren entwickelt, die in der Landwirtschaft nutzbar sind, gehen die Rechte an den Leverkusener Multi. Dagegen ist – derzeit – die Position von MONSANTO und SYNGENTA relativ schwächer. Das Bild könnte sich dramatisch verändern, wenn es zu einer Übernahme von MONSANTO durch BAYER käme, wie derzeit diskutiert: Dann würde die Marktführerschaft bei Gentechnik-Saatgut und bei den Patenten in einem Konzern vereinigt.
Eine relativ große Anzahl der aktuellen Patent-Anträge von BAYER zielt auf Anwendungen, die auch schon bisher verfolgt wurden, nämlich die Entwicklung von herbizid-resistenten Pflanzen. Dies ist für den Konzern nicht überraschend. Er will sich in den letzten Jahren zwar zu einem Life-Science-Unternehmen gewandelt haben, ist aber nach wie vor einer der Marktführer beim Geschäft mit der Agrochemie. Der Global Player setzt dabei - ähnlich wie MONSANTO - auf den Verkauf von Spritzmitteln und patentiertem Saatgut im Doppelpack. Da sein Spritzmittel Glufosinat, das er unter Namen wie BASTA ODER LIBERTY vertreibt, im Jahr 2017 seine EU-Zulassung verlieren soll, setzt der Agro-Riese jetzt unter anderem auf sogenannte ALS-Inhibitoren. Das sind Herbizide, die schon seit vielen Jahren eingesetzt werden und gegen die zahlreiche Unkräuter bereits Resistenzen entwickelt haben. Ob diese Strategie erfolgversprechend ist, bleibt abzuwarten. Andere Patent-Anträge von BAYER & Co. zielen auf das Entfernen von natürlichen DNA-Abschnitten, um beispielsweise die Öl-Zusammensetzung von Soja zu verändern – auch dies ist keine wirklich neue Idee.
Durch die Kooperation mit der Firma CALYXT könnte BAYER sein Geschäftsfeld aber erweitern: Mehrere der Patent-Anträge dieser Firma erstrecken sich auf Tiere. Im Patentantrag WO2005105989 werden beispielsweise alle Pflanzen und Tiere als Erfindung beansprucht, die mit bestimmten Nukleasen manipuliert werden. Auch die Kooperation mit der Firma CRISPR THERAPEUTICS dürfte in diese Richtung gehen. Vielleicht verkauft BAYER ja demnächst ja auch Antbiotika und Schweine im Doppelpack. Weitere Informationen finden sich hier:

Then, C. (2016a) Synthetic gene technologies applied in plants and animals used for food production Overview on patent applications on new techniques for genetic engineering and risks associated with these methods, Testbiotech, www. testbiotech. org/node/1543

Then, C. (2016b) Gentechnik-Tiere: Risiko für Mensch und Umwelt, Studie im Auftrag der Grünen im Deutschen Bundestag, Testbiotech, www. testbiotech. org/node/1568