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STICHWORT BAYER 2/2016

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

vor sechzehn Jahren berichtete das Stichwort BAYER über ein starkes Halluzinogen, das den Leverkusener Multi in seinen Bann geschlagen hatte. „Die Pharma-Forschung befindet sich zurzeit im Gen-Rausch”, bekannte der damalige Pharma-Chef Dr. Wolfgang Hartwig ganz offen. Er delirierte über die Wundermächte der neuen Technologie und fixte noch andere mit der Droge an. „BAYER-Forschung: Durchbruch im Kampf gegen Tumor-Wachstum”, titelte beispielsweise der Express. Doch bald schon trat Ernüchterung ein. Die besagte Arznei überstand die klinischen Tests nicht, und weitere Flops folgten. Heutzutage gelingt es Medikamenten dieses Typs mit Ach und Krach, das Leben der Krebs-PatientInnen um gerade einmal ein, zwei Monate zu verlängern. Die Genmedizin hat die in sie gesteckten Hoffnungen nicht zu erfüllen vermocht, das räumen inzwischen sogar die WissenschaftlerInnen selber ein.
Das hindert BAYER jedoch nicht daran, einem neuen Stoff zu erliegen. Dieses Mittel hört auf den Namen CRISPR/Cas. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Gen-Schere, die das Erbgut angeblich präzise an einer vorgegebenen Stelle auftrennen und dort neue, im Labor hergestellte DNA-Stränge einfügen kann. „Synthetische Biologie“ nennt sich das Ganze und versetzt die Branche abermals in einen Rauschzustand. Visionen von der Heilung aller Erb-Krankheiten sind da noch das Mindeste – von nichts weniger als Regenesis, redigiertem Erbgut, Pflanzen auf dem Mars oder der Wiederbelebung des Neandertalers fabulieren die Gen-KöchInnen. Das Stichwort BAYER (SWB) bleibt hingegen nüchtern und beschäftigt sich in dieser Ausgabe mit den Risiken und Nebenwirkungen dieser neuen Gentechnik.

Mit den Risiken und Nebenwirkungen der Kohlenmonoxid-Leitung zwischen Dormagen und Leverkusen sollte sich am 19. Januar eigentlich das Kölner Verwaltungsgericht beschäftigen, denn Gottfried Schweitzer hatte wegen des Gefährdungspotenzials der Pipeline eine Klage eingereicht. Aber dazu kam es gar nicht erst, der Richter hängte sich an Formalitäten auf, wie unsere Gerichtsreportage dokumentiert.

BAYERs Pestizide stehen ebenfalls bereits seit Langem wegen ihrer Gefährlichkeit in der Kritik. Besonders in Ländern der sogenannten Dritten Welt kommt es immer wieder zu Vergiftungen, weil der Leverkusener Multi in diesen Staaten hierzulande bereits ausrangierte chemischen Keulen vertreibt, die Menschen oftmals nicht über Schutzkleidung verfügen und häufig auch nicht die Sicherheitshinweise auf den Packungen lesen können – so sie denn überhaupt vorhanden sind. Wie die Situation vor Ort in Indien genau ausschaut, hat das Berliner EUROPEAN CENTER FOR CONSTITUTIONAL AND HUMAN RIGHTS recherchiert und für das Stichwort festgehalten.

Ein solches Sünden-Register verlangt nach einem gehörigen Maß Gegen-Aufklärung. Und diese betreibt der Global Player systematisch, wobei er schon bei den Kleinsten anfängt. Neuester Coup: das Unternehmen hat für Kindergärten ein Wimmelbuch erstellt, welches das Treiben auf den Firmen-Areals in den schönsten Farben zeichnet.

Nach dem Motto „Alles so schön bunt hier“ schildert es den Alltag auf dem Werksgelände mit Clowns, Heißluft-Ballons, vielen Bäumen, Wasser, putzigen, leicht altertümlichen Maschinen und einem natürlich immer strahlend blauen, von keinem Fabrik-Qualm getrübten Himmel als große Sause. Das SWB demaskiert diese Konzern-Propaganda vom Spielplatz „Chem-‚Park’“.

Damit nicht genug, widmet es sich außerdem noch den Arbeitskämpfen am BAYER-Standort Grenzach und der Auseinandersetzung um den Autobahn-Ausbau in Leverkusen. Und schließlich hat unser Magazin noch so etwas wie eine Partei-Spende erhalten. „Die Partei“, der politische Arm des Satire-Magazins Titanic, hat sich in den Dienst unserer Kampagne zur Gewinnung von Fördermitgliedern gestellt. Lese-Genuß also bis zur letzten Seite, hofft

Jan Pehrke