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STICHWORT BAYER 2/2016
Dezernent Marc Adomat, Anne Papsdorf (Currenta) und Kita-Leiterin Anna Margareta Daubner (v.l.n.r.)

Propaganda & Medien

Werbung im Kindergarten

BAYER-Zielgruppe „Kleinkinder“

Seit vielen Jahren schon hat BAYER die staatlichen Bildungseinrichtungen im Visier. Der Konzern erstellt Unterrichtsmaterialien, schickt rollende Chemie-Labore durchs Land und sponsert Schulen. Die Tochterfirma CURRENTA geht nun einen Schritt weiter: An den Werks-Standorten verschenkt sie ein eigens erstelltes „Wimmelbuch“ an Kindergärten. Und die Stadt Leverkusen unterstützt die PR-Maßnahme auch noch.

Von Philipp Mimkes

Große Firmen nehmen vermehrt Kinder und Jugendliche ins Visier. Unterstützung erhalten sie hierbei von spezialisierten Agenturen, die das Marketing im Schulumfeld als Dienstleistung anbieten. Die COBRA YOUTH COMMUNICATIONS GmbH“ etwa beschreibt ihre Aktivitäten mit den Worten: „Je früher ein Konsument an eine Marke oder ein Produkt herangeführt wird, umso geringer ist die Wechselbereitschaft zu einem späteren Zeitpunkt. Wer also frühzeitig in spezielle Kommunikationsmaßnahmen für Kinder investiert, profitiert später von besonders loyalen Kunden.“

Der BAYER-Konzern hat für die Einflussnahme auf Bildungseinrichtungen eigens die steuerbegünstigte „BAYER Science & Education Foundation“ gegründet. Diese Stiftung richtet Schülerwettbewerbe wie „Jugend forscht“ oder die „Internationale Chemie-Olympiade“ aus und lädt Schulklassen in sogenannte BayLabs ein. Auch bietet der Konzern kostenlose Lehrerfortbildungen und Unterrichtsmaterialien an – bevorzugt zu Themen wie „Bienensterben“ oder „grüne Gentechnik“, bei denen der Global Player in der Kritik steht.

Da der Leverkusener Multi relativ wenige Produkte für den Consumer-Markt verkauft, steht bei seinen Aktivitäten weniger die klassische Werbung im Vordergrund. Zweck der Unternehmungen ist vielmehr die Beeinflussung möglichst großer Teile der Gesellschaft bei sensiblen Fragen wie dem Einsatz von Agro-Chemikalien oder der Gentechnik. Und auch hierbei gilt: Je früher, desto besser. Stiftungsvorstand Thimo Schmitt-Lord räumt denn auch offen ein, dass BAYER dabei keine altruistischen Motive umtreiben: „Ich muss gestehen, wir fördern die Schulen nicht ganz uneigennützig. Wir sehen das als langfristige Investition“. Die DEUTSCHE UMWELTHILFE wertet dies als „Versuch, Einfluss auf Schüler zu nehmen, um so die nächste Generation reif für Genfood zu machen“. Der Verband fordert daher: „BAYER raus aus den Schulen.“

Schwerpunkt Nachbarschaft
Im Vordergrund des Sponsorings von BAYER stehen naturwissenschaftliche Bereiche. So betreibt das Unternehmen in Kooperation mit der Berliner Humboldt-Universität ein rollendes Chemielabor, um bei 11- bis 15-jährigen „die Attraktivität des Fachgebietes zu erhöhen“. Zudem verteilt der Konzern jährlich etwa eine halbe Million Euro an Schulen in der Nähe seiner Werke. Die Dormagener Realschule etwa erhielt 5.000 Euro für das Projekt „Genetik schüler-orientiert“, das Gymnasium Brunsbüttel bekam 19.500 Euro zur Ausstattung eines Gen-Labors, die Monheimer Lise-Meitner-Realschule konnte 4.000 Euro für eine Unterrichtseinheit zu Nanotechnologie entgegennehmen, und derselbe Betrag floss dem Michael-Ende-Gymnasium in St. Tönis zu. Die ehemalige BAYER-Tochter Lanxess brachte überdies in allen 26 Leverkusener Grundschulen eine Mappe mit dem Titel „Lanny erkundet die Welt“ für den Sachunterricht unter.

Besonders aktiv ist BAYER am Standort Wuppertal. Unter dem vielsagenden Motto „Schulen unternehmen Zukunft“ beteiligt sich der Konzern an einem Pilot-Projekt, bei dem Schulen, Unternehmen und das auf ökologischem Gebiet forschende ortsansässige „Wuppertal Institut“ zusammenarbeiten. Ziel der Kooperation ist es angeblich, den SchülerInnen ein Bewusstsein für Umwelt und Nachhaltigkeit zu vermitteln. Die jahrzehntelange Verschmutzung der Wupper durch BAYER, die zahlreichen Altlasten oder die Störfall-Gefahren des in unmittelbarer Nähe zu Wohngebieten liegenden Werksgeländes stehen dabei erwartungsgemäß aber nicht auf dem Lehrplan. Darüber hinaus vergibt der Konzern im Stadtgebiet noch gemeinsam mit der Westdeutschen Zeitung den „Wuppertaler Schulpreis“.

Und auch im Ausland ist der Konzern aktiv. So kündigte der Multi in den Niederlanden eine Bildungsinitiative an, um SchülerInnen die Pflanzenzucht näherzubringen. Auch dieses Investment verfolgt ein klares Ziel: BAYER besitzt in Holland die Saatgut-Firma NUNHEMS mit über 2.000 Beschäftigten.

Zielgruppe „Kleinkind“
Die BAYER-Tochterfirma CURRENTA geht nun einen Schritt weiter und weitet ihr Marketing auf Kleinkinder aus. Die Firma, die zu 60 Prozent dem Pharma-Riesen und zu 40 Prozent seiner Abspaltung LANXESS gehört und die Chemie-„Parks“ in Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen betreibt, beauftragte eigens den Illustrator Andreas Ganther mit der Erstellung eines „Wimmelbuchs“. Es zeigt das fröhliche Treiben in einer Chemie-Fabrik: Kranfahrer, Taucher, Besucher aus aller Welt, Clowns und viele Luftballons. Mehr als zwanzig Mal hat der Zeichner das Logo von CURRENTA untergebracht. Nach Aussage eines Unternehmenssprechers solle hierdurch der Arbeitsalltag in der chemischen Industrie vermittelt werden. Gerade im Umfeld der Fabriken sei dies von hoher Bedeutung. Und dort verteilt der Betreiber der Chemie-„Parks“, der in der Nachbarschaft der Fabriken bereits mehrere Projekte für GrundschülerInnen durchgeführt hat, das Wimmelbuch derzeit auch. Zu Weihnachten verschenkte CURRENTA es darüber hinaus in vielen Kindergärten.

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) hingegen verurteilt die Kampagne. In einer Stellungnahme heißt es: „Nirgendwo sind Kinder vor der Einflussnahme von Unternehmen mehr sicher - nicht einmal in Kindertagesstätten. Da Kleinkinder die Risiken chemischer Anlagen nicht einordnen können, sind sie gegenüber solcher Propaganda wehrlos. Es ist ein Skandal, dass CURRENTA und BAYER diesen Schutzraum derart verletzen. Wir benötigen dringend Regeln, um Kindergärten und Schulen vor Werbung und Akzeptanz-Förderung der Industrie zu schützen“.

Norbert Hocke, Vorstandsmitglied der GEWERKSCHAFT ERZIEHUNG UND WISSENSCHAFT (GEW) schlägt in dieselbe Kerbe: „Das Buch hat in der Kita nichts zu suchen. Es ist dringend geboten, dass wir Regelungen für den Umgang mit Werbung bekommen und dass Erzieher besser geschult werden“. Gerade im Hinblick auf aktuelle Ergebnisse der Hirnforschung sieht Hocke die Propaganda kritisch: „Im Alter von null bis sechs Jahren müssen wir besonders aufpassen. Die häufige Wiederholung der Firmenlogos bleibt ein Leben lang in den Köpfen. Später wundert man sich und jammert, wenn die Kinder so auf Marken fixiert sind.“ Auch das Landesjugendamt des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), zuständig für die Betriebserlaubnis von Kindertageseinrichtungen, „steht dem Versuch einer direkten oder indirekten Einflussnahme von Unternehmen in Kindertagesstätten kritisch gegenüber“.

städtische Unterstützung
Die CBG kritisiert auch die Rolle der Stadt Leverkusen. Eine Vertreterin des Unternehmens hatte das Wimmelbuch in einer städtischen Kita präsentieren dürfen – assistiert von Marc Adomat, dem Leverkusener Bildungsdezernent. Adomat zeigte sich von dem Werk „begeistert“. Kritik an der Kooperation könne er nicht nachvollziehen: „Wir leben in einer Chemiestadt. Ich finde nichts Verwerfliches daran, wenn ein solches Buch auch Kindern bereits nahebringt, in welcher Umgebung sie aufwachsen.“ Die Stadt übernimmt daher über das Kommunale Bildungsbüro den Vertrieb des Buchs. Dank der Unterstützung konnte CURRENTA bereits mehr als ein Drittel der 15.000 gedruckten Exemplare losgeschlagen.
Immerhin führte der Protest der CBG zu einer intensiven Debatte. Zahlreiche Eltern ließen die Bücher zurückgehen. Die örtlichen Zeitungen druckten kritische Leserbriefe, sogar die Süddeutsche Zeitung griff das Thema auf. Der Leverkusener Anzeiger schließlich forderte unter der Überschrift „Die Köpfe gehören den Kindern“ ein generelles Werbeverbot im Bildungsbereich: „Wer bewertet die Güte der Unterrichtsmaterialien? Wer wählt sie aus? Welche Werbung ist zu penetrant – welche zu subtil? Welche Firma ist nicht mehr okay, welche schon noch? Viele sehr schwere Fragen, auf die es eine verblüffend einfache Antwort gibt: Die Leverkusener Schulen und Kindergärten sollten zu werbefreien Zonen erklärt werden. Denn die Köpfe gehören den Kindern selbst. Ohne Wenn und Aber.“

Werbeverbote gefordert
Bildungseinrichtungen werden mehr und mehr für die Meinungsmache einzelner Interessengruppen instrumentalisiert. Die Einflussnahme auf Schulen und Kindergärten untergräbt dabei Werte wie eine eigenständige Meinungsbildung oder Kritikfähigkeit. Dienstleister wie die Deutsche Schulmarketing Agentur, die nach eigener Aussage „die wirtschaftlichen Interessen werbetreibender Unternehmen mit dem pädagogischen Bildungsauftrag in Einklang bringen“ wollen, propagieren unverblümt die Kommerzialisierung der Lehrinhalte.
Dabei sind die Schulgesetze eigentlich unmissverständlich. So heißt es im NRW-Landesrecht: „Werbung, die nicht schulischen Zwecken dient, (ist) in der Schule grundsätzlich unzulässig.“ Sponsoring sei nur erlaubt, wenn „die Werbewirkung deutlich hinter den schulischen Nutzen zurücktritt.“ Die Entscheidung, ob ein Geschenk angenommen wird oder nicht, bleibt jedoch der Schulleitung überlassen. Ebenso ist es bei Kindergärten.

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN fordert daher zusammen mit Initiativen wie LOBBYCONTROL ein wirksames Verbot jeglicher Werbung in Bildungseinrichtungen. Zugleich sind Eltern, LehrerInnen und SchülerInnen gefordert, die schleichende Durchdringung des Schulalltags mit Werbung und Konzern-Propaganda zu thematisieren. Die CBG wird zudem zur BAYER-Hauptversammlung am 29. April einen Gegenantrag einbringen und in der Versammlung gegen das Marketing in Kindergärten und Schulen protestieren.