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Leverkusener Anzeiger

Der Leverkusener Anzeiger greift heute eine Stellungnahme der CBG zu Werbung an Kindergärten auf. In einem begleitenden Kommentar wird ein Verbot solcher Marketing-Maßnahmen gefordert (s.u.). Derweil berichten Eltern, dass das Wimmelbuch an Leverkusener Kindergärten zu Weihnachten verschenkt wurde.

Unternehmenswerbung in Leverkusen

Kritik an Chempark-Wimmelbuch: Werbung in Kitas und Schulen

Ein von der Currenta hergestelltes Wimmelbuch soll Kindern die Chemieindustrie näher bringen. Doch die Szenerien sind nicht frei von Werbung. Daran gibt es viel Kritik – auch an der Stadt Leverkusen. Von Ralf Krieger

28. Dezember 2015 -- Wimmelbilderbücher sind beliebt. Bei Kindern genauso wie bei Erziehern, denn die Kleinen widmen sich den gezeichneten Bildern oft ungewöhnlich lange, weil in der schier unerschöpflichen Anzahl gezeichneter Szenen unglaublich viel Gesprächsstoff steckt. Man kommt ins Gespräch.

Vor kurzem freute sich der Leverkusener Schul- und Jugenddezernent Marc Adomat über ein Angebot des Chemiedienstleisters Currenta. Gemeinsam mit gleich mehreren Pressesprechern von Stadtverwaltung und Chempark stellte er in einem Kindergarten mit einer Pressekonferenz ein von der Currenta hergestelltes Wimmelbuch mit Szenen aus der Leverkusener Chemieindustrie vor.

Die Szenerien sind nicht frei von Werbung: Über 25 Mal hat der Zeichner Andreas Ganther das Currenta-Logo untergebracht. An mehreren Stellen das Chempark-, das Chemion-Firmenlogo. Dagegen findet man das Bayer-Kreuz noch nicht einmal als winziges Detail in den Zeichnungen, obwohl es den Leverkusener Chempark optisch dominiert – vermutlich eine Vorgabe durch den Auftraggeber.

Lieferung auf Bestellung
Wegen der Werbung im Buch gibt es jetzt Kritik an der Stadt, denn die hilft Currenta, das Buch als Unterrichtsmaterial über ihr Bildungsbüro zu verbreiten. Dort können es Kindergärten und Schulen bestellen. Schuldezernent Adomat sagte, das neue Buch sei ein ganz großer Schritt, um den Kindern Leverkusen nahe zu bringen. „Da bin ich ganz begeistert.“ Das Buch werde nicht automatisch an die Kindergärten geliefert, die müssten es aktiv bestellen, das sei ganz wichtig, rief Michael Wilde vom Bildungsbüro in die Pressekonferenz. Möglicherweise war das ein Zeichen, dass die allzu enge Zusammenarbeit zwischen Schuldezernat und Currenta doch nicht als ganz koscher eingeschätzt wird. Dennoch verteidigte der Dezernent die Verteilung auch noch einmal uneingeschränkt auf Nachfrage unserer Zeitung.

Schelte im Internet
Schon bei der Vorstellung des Wimmelbuches hatte es eine kleine Welle der Kritik in einem sozialen Netzwerk gegeben. Als jetzt die überregionale Süddeutsche Zeitung das Thema in ihrem Bildungsteil aufgriff, kam postwendend Schelte von der Coordination gegen Bayer-Gefahren, die die Verteilung mit dem Betreff „Kleinkinder vor Konzern-Propaganda schützen“ verurteilte.

Das Chempark-Buch ist nicht die erste Werbeaktion, die die Leverkusener Chemiefirmen bei kleinen Kindern in Schulen und Kindergärten platzieren: Das Chemiewerk gibt kleine Heftchen für Grundschulkinder heraus, Lanxess brachte in allen 26 Grundschulen Material für den Sachunterricht unter. Das war fast werbefrei – aber eben nicht zu 100 Prozent. Ob die Mappe mit dem Titel „Lanny erkundet die Welt“ im Unterricht benutzt wird, ist nicht bekannt.

Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat man eine klare Haltung zur Werbung in Kindergarten und Schule. Vorstandsmitglied Norbert Hocke: „Im Alter von null bis sechs Jahren müssen wir besonders aufpassen. Es geht in dem Bilderbuch bereits um Produktwerbung. In dieser Zeit mit Beeinflussung zu spielen, ist nicht gut.“ Die Arbeitswelt zu zeigen, sei an sich sehr richtig, aber da wäre es besser, wenn die Eltern den Kindern selbst zeigen, was sie tun. „Die Kinder schauten sich die Zeichnungen sehr genau an, die häufige Wiederholung der Firmenlogos, das bleibe fürs Leben in den Köpfen, so Hocke.

Gerade in Hinblick auf die Ergebnisse in der Hirnforschung der letzten Zeit sieht er die Art Werbung besonders kritisch: „Und später wundert man sich und jammert, wenn die Kinder so auf Marken fixiert sind.“ Hocke, der früher einen Kindergarten in Berlin geleitet hat, sagte, es sei „ein wenig unüberlegt, wie der Schuldezernent mit der Angelegenheit umgeht“.

Currenta-Wimmelbuch in Leverkusen

Die Köpfe gehören den Kindern – Kritik am Wimmelbuch

In der Leverkusener Schul- und Kindergartenverwaltung scheint es eine unklare Haltung zur Werbung zu geben. Dabei ist eine Lösung so einfach. Ein Kommentar Von Ralf Krieger

Wer Privatfernsehen schaut, eine Zeitung liest oder ins Internet geht, der weiß, worauf er sich einlässt: Ohne Werbung gäbe es manche gute Angebote gar nicht. Auch das kostenlose Currenta-Wimmelbuch ist für sich ein gelungenes Buch, daran ist wenig auszusetzen. Eltern, die das wünschen, sollten es mit ihren Kindern anschauen.

Der Haken liegt in der Schul- und Kindergartenverwaltung, in der es eine unklare Haltung zur Werbung in Bildungseinrichtungen zu geben scheint, denn auch andere Firmen durften schon mal etwas liefern.

Wer bewertet die Güte der Unterrichtsmaterialien? Wer wählt sie aus? Welche Werbung ist zu penetrant – welche zu subtil? Welche Produkte dürfen bei Kindern beworben werden, welche nicht? Welche Firma ist nicht mehr okay, welche schon noch?

Viele sehr schwere Fragen, auf die es eine verblüffend einfache Antwort gibt: Die Leverkusener Schulen und Kindergärten sollten zu werbefreien Zonen erklärt werden. Denn die Köpfe gehören den Kindern selbst. Ohne Wenn und Aber. Wenn Firmen etwas gutes tun wollen: Unabhängig entstandene Schulbücher gibt es im Buchhandel.