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STICHWORT BAYER 01/2015

Erfolg der CBG-Kampagne

Dortmund ohne Duisberg

Zum 150. Geburtstag von Carl Duisberg im Jahr 2011 forderte die CBG die Umbenennung der nach dem langjährigen BAYER-Generaldirektor benannten Straßen und Schulen. Der Chemiker tauge wegen seiner Verantwortung für Gaskrieg und Zwangsarbeit nicht als Vorbild für künftige Generationen, so die Coordination. Nun trug die Kampagne Früchte: Die Dortmunder Carl-Duisberg-Straße wird umbenannt, auch in anderen Städten laufen entsprechende Anträge.

Am Ende ging es schnell: eine große Mehrheit aus SPD, Grünen, Linken und Piraten stimmte für die Umbenennung der Dortmunder Carl-Duisberg-Straße. Künftig wird sie „Kleine Löwenstraße“ heißen. Auch die CDU gab ihren ursprünglichen Widerstand auf, stimmte jedoch für eine Umbenennung in „Heiliger Weg“. Ein Brief des BAYER-Konzerns, der die Namensänderung in letzter Minute verhindern sollte, fand keine Berücksichtigung.
Damit kam Ende November 2014 ein Verfahren zum Abschluss, das mit einem Aufruf der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN drei Jahre zuvor begonnen hatte: Zum 150. Geburtstag des ehemaligen BAYER-Generaldirektors forderte die CBG eine Umbenennung der nach Duisberg benannten Straßen (so in Bonn, Krefeld, Frankfurt, Dormagen, Wuppertal und Leverkusen), der gemeinnützigen Carl-Duisberg-Centren und des Wuppertaler Carl-Duisberg-Gymnasiums. Auch die Leverkusener Ehrenbürgerwürde solle aberkannt werden, verlangte die Coordination.
Der ehemalige Dortmunder Ratsherr Richard Kelber nahm dies zum Anlass, einen Bürgerantrag zur Umbenennung der örtlichen Carl-Duisberg-Straße zu stellen. Zunächst wurde der Antrag immer wieder vertagt. Dann sollte er in geheimer Sitzung beraten werden – angeblich um die Persönlichkeitsrechte (!) des 1935 verstorbenen Duisbergs zu schützen. Aufgrund öffentlicher Kritik trat die zuständige Bezirksvertretung schließlich die Flucht nach vorne an: In einem gemeinsamen Antrag forderten SPD, Grüne und CDU das Stadtarchiv auf, alle Dortmunder Straßen zu untersuchen und eine Liste untragbarer Namens-Paten vorzulegen.

Umfangreiche Prüfung
Um die weit über tausend Straßen durchzugehen, benötigte das Stadtarchiv weitere 18 Monate. Schließlich legte es im September 2014 eine Aufstellung mit sechs Namen vor, die „man sich als weltoffene Stadt nicht leisten kann“, so Archiv-Leiter Dr. Stefan Mühlhofer. In der Liste finden sich nationalsozialistische Schriftsteller wie Karl Wagenfeld und Friedrich Castelle sowie der Konteradmiral Maximilian von Spee.
Zum ehemaligen BAYER-Chef heißt es in der Stellungnahme: „In der Bewertung der Person Carl Duisbergs durch das Stadtarchiv wurden durchaus auch die bis heute positiv zu wertenden Aspekte in seiner Lebensleistung berücksichtigt. Nichtsdestotrotz empfiehlt das Stadtarchiv, bei der Abwägung aller Aspekte des Lebens von Carl Duisberg, eine Umbenennung.“
Zur Begründung schreiben die Historiker: „Während des Ersten Weltkriegs wurde unter seinem Vorsitz Giftgas für den Kriegseinsatz produziert. (…) Duisberg gehörte zu den führenden deutschen Industriellen, die während des Krieges die - auch nach dem damals geltenden internationalen Kriegsrecht illegale - Deportation belgischer Zivilisten zur Zwangsarbeit nach Deutschland durchsetzten. (…) Als Patriarch lehnte er bis zu seinem Tod Gewerkschaften entschieden ab. Er war von Beginn an Gegner der Weimarer Demokratie.“
Jan Pehrke vom Vorstand der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN begrüßt die Entscheidung: „Carl Duisberg, der geistige Vater der IG FARBEN, ging für Profite buchstäblich über Leichen. Er war nicht nur ein ‚Kind seiner Zeit’, sondern trug entscheidend zu den mörderischen Entwicklungen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bei. Auch die noch verbleibenden Carl-Duisberg-Straßen sollten daher umbenannt werden.“

BAYER rüstet auf
Schon um 1900 hatte Carl Duisberg rücksichtslos die Vermarktung von Heroin als angeblich harmlosem Hustenmittel betrieben. Als Wissenschaftler das Suchtpotenzial von Heroin anprangerten, äußerte Duisberg – zu diesem Zeitpunkt Prokurist bei BAYER –, man müsse die „Gegner mundtot schlagen“. Obwohl sich rasch die Gefahr der Abhängigkeit herausstellte, ließ Duisberg den gewinnbringenden Verkauf mehr als ein Jahrzehnt lang fortführen.
Zu Beginn des ersten Weltkriegs griff die deutsche Chemie-Industrie, mit Carl Duisberg und BASF-Chef Carl Bosch an der Spitze, erstmals in die Weltgeschichte ein. Die eilig errichteten Anlagen zur Ammoniak-Synthese ermöglichten dem von den Weltmärkten abgeschnittenen Deutschen Reich erst die Produktion von Sprengstoffen und Schießpulver und damit die weitere Kriegsführung.
Von 1914 an entwickelte Duisberg gemeinsam mit dem späteren Nobelpreisträger Fritz Haber Giftgase wie „Grünkreuz“ und „Senfgas“, testete diese persönlich auf Truppenübungsplätzen und verlangte vehement ihren Einsatz. So schrieb Duisberg an die Oberste Heeresleitung: „Dieses Chlorkohlenoxyd ist das gemeinste Zeug, das ich kenne. ... Ich kann deshalb nur noch einmal dringend empfehlen, die Gelegenheit dieses Krieges nicht vorübergehen zu lassen, ohne auch die Hexa-Granate zu prüfen“. Duisberg und Haber verstießen damit wissentlich gegen die Haager Landkriegsordnung.
Auch forderte der BAYER-Generaldirektor mit dem Ausspruch „Öffnen Sie das große Menschenbassin Belgien" den Einsatz von Zwangsarbeitern. Das Reichsamt des Inneren griff den Vorschlag auf und ließ rund 60.000 Belgier deportieren, was international zu Protesten führte. Rund 12.000 Verschleppte starben.
Carl Duisberg engagierte sich in der vom antisemitischen „Alldeutschen Verband“ gesteuerten Kriegszielbewegung und forderte die Annexion des besetzten Belgien und von Nordfrankreich, etwas später auch „deutschen Lebensraum“ in Polen und Russland. Zudem befürwortete er den uneingeschränkten U-Boot-Krieg und lehnte Friedensverhandlungen vehement ab. 1917 trat er in die rechtsextreme „Deutsche Vaterlandspartei“ ein.
Durch die Lieferungen an das Militär stieg der Profit in ungeahnte Höhen. Entsprechend jubelte der BAYER-Chef im Juli 1915: „Sähen Sie jetzt einmal, wie es hier in Leverkusen aussieht, wie die ganze Fabrik umgekrempelt und umorganisiert ist, wie wir fast nichts mehr als Kriegslieferungen ausführen (...), so würden Sie Ihre helle Freude haben.“
Diese Rüstungsgeschäfte brachten Duisberg zum Kriegsende auf die Auslieferungslisten der Alliierten. Da er eine Anklage als Kriegsverbrecher fürchtete, floh er in die neutrale Schweiz. Wegen seiner guten Verbindungen – auch in die USA – wurde er jedoch nicht weiter belangt.
In den 20er Jahren erfüllte sich schließlich Duisbergs Lebenstraum, der Zusammenschluss der deutschen Chemie-Industrie zur IG FARBEN, deren Aufsichtsratsvorsitzender er dann auch wurde. Der BAYER-Generaldirektor haderte mit der Demokratie von Weimar und organisierte Spenden an konservative und nationale Parteien, spätestens seit 1930 auch an die NSDAP. 1931 verlangte er in einer Rede vor der Industrie- und Handelskammer Düsseldorf die Schaffung eines „europäischen Wirtschaftsblocks von Bordeaux bis Odessa“ unter deutscher Dominanz. Von den Nationalsozialisten erhielten die IG FARBEN im Gegenzug für ihre Millionen-Spenden noch vor der so genannten „Machtergreifung“ Absatzgarantien für synthetischen Treibstoff und Kautschuk. In der Folgezeit kooperierte kein Unternehmen so eng mit dem Dritten Reich wie das Chemie-Kartell.

Kampagne geht weiter
BAYER setzt unbeirrt auf seinen einstigen Lenker. So veröffentlichte der Konzern zum 150. Geburtstag Duisbergs im September 2011 eine wahre Eloge. Von Duisbergs „Ziel, die Lebensqualität der Menschen zu verbessern“ ist darin ebenso die Rede wie von seinem angeblichen sozialen Engagement sowie seiner Rolle als „Kunstliebhaber und –förderer“.
In der BAYER-Hauptversammlung im vergangenen April betrieb Marijn Dekkers dann reinsten Geschichtsrevisionismus. Auf einen Gegenantrag der CBG antwortete der Vorstandsvorsitzende, dass BAYER die Rolle von Duisberg im Ersten Weltkrieg umfassend aufgearbeitet habe. Dann dozierte Dekkers: „Die historischen Verdienste Carl Duisbergs sind weithin anerkannt. Er ließ Wohnungen für die Arbeiter bauen, verringerte deren wöchentliche Arbeitszeit, er führte soziale Versicherungssysteme ein und setzte sich für den Umweltschutz ein, lange bevor es gesetzliche Regelungen dazu gab“. Ein Hohn nicht nur angesichts von Duisbergs Widerwillen gegen Abwasser-Reinigung, die er als „Vergeudung von Nationalkapital“ ansah.
Für die Kampagne der CBG gibt es derweil in vielen Städten Unterstützung. In Marburg konnte eine ehemalige Chemie-Studentin erreichen, dass am dortigen Duisberg-Studentenwohnheim eine Plakette mit einer kritischen Würdigung angebracht wurde. In Frankfurt wurden rund um die Duisbergstraße Flugblätter verteilt, zudem kam – wie auch in Lüdenscheid – ein Antrag zur Namensänderung auf den Weg. Der Leverkusener Stadtrat befasste sich ebenfalls mit dem Thema, lehnte eine Umbenennung – wohl mit Rücksichtnahme auf den größten Steuerzahler – jedoch ab. Offiziell wurde die Absage mit Verweis auf die hohen Kosten begründet.
Jan Pehrke abschließend: „Carl Duisberg war ein überzeugter Nationalist, eine herrschsüchtiger Patriarch und ein erbitterter Feind der Gewerkschaften. Man kann Duisberg nur als ‚verbrecherisches Genie’ bezeichnen, das die Moral Zeit seines Lebens dem Geschäftssinn unterordnete.“ Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN wird die Kampagne daher fortführen. Als nächster Schritt ist ein Gegenantrag zur Hauptversammlung des Konzerns im Mai geplant. Von Philipp Mimkes

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