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STICHWORT BAYER 01/2015

Bleibendes schaffen mit Testamenten

Den Stab weiterreichen

Von Zeit zu Zeit wird die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN in Testamenten bedacht oder bekommt Vermächtnisse überschrieben. Die ErblasserInnen fühlten sich der Coordination in ihrem Leben auf eine besondere Weise verbunden, kämpften mit ihr für eine gerechtere Welt ohne machtvolle Konzerne und wollten Sorge tragen, dass etwas davon auch über den eigenen Tod hinaus weitergetragen wird. Mitglieder, die geerbt haben, übertragen der CBG ebenfalls gelegentlich kleinere oder umfangreichere Teile des Nachlasses, was eine große Hilfe für die Arbeit des Netzwerkes darstellt.

Von Jan Pehrke

Als W. (#) eine größere Erbschaft gemacht hatte, wollte er davon nichts für sich. Er entschloss sich vielmehr, die Summe einer der Initiativen, die er seit Längerem unterstützte, zur Verfügung zu stellen. Dabei entschied sich der gelernte Chemiker für die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG). Nach seinen Worten gab zweierlei den Ausschlag: „die konsequent ‚radikale’ konzern- und (trotz des eng gefassten Namens ‚umfassend’) system-kritische Haltung einerseits, und andererseits meine Bevorzugung relativ ‚kleiner’, aber im Verhältnis zur Größe hochaktiver Organisationen“. Ihn überzeugte letztlich, dass die Coordination sich „Change“ und nicht „Charity“ auf die Fahnen geschrieben hat, also für eine grundsätzliche Änderung der politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen eintritt statt Almosen zu verteilen oder sich einzelnen, eng umrissenen Projekten zu widmen.

Nach W.s tut „Change“ bei BAYER & Co. nämlich bitter not. Zu der Erkenntnis gelangte W. aus eigener Erfahrung, denn er kennt die Chemie-Industrie von innen – und war auch für ein Innenleben vorgesehen. Schon sein Vater arbeitete als Chemiker, der Junge wuchs kaum einen Kilometer von dem Werk entfernt auf, und zeigte auch schon bald ein reges Interesse für Atome, Moleküle und Ionen. So studierte er das Fach „und zwar aus echtem Interesse/Faszination“. Er kam zwar schon als Schüler zu der Erkenntnis, „dass ‚unser’ System die Umwelt zerstört und den Ast absägt, auf dem die Menschheit sitzt“ und betätigte sich im Umweltschutz, aber erst Semesterferien-Jobs in der Schwefelsäure-Produktion einer Fabrik sorgten für einen endgültigen Bewusstseinswandel. Die praktische Erfahrung ließ bei ihm die Erkenntnis wachsen: „Industrie = Umweltmord“ und brachte ihn zur COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN.

Zugleich änderte W. sein Leben von Grund auf und wurde zu einem „Konsumverweigerer aus Gewissensgründen“, der „weggeben“ und „umFAIRteilen“ bereichernder findet als „ausgeben“. Und angesichts einer alarmierenden Weltlage – „es war schon vor ein paar Jährchen 5 vor 12“ – kam er zu dem Schluss: „Bei der CBG ist das Geld (von allen mir bekannten Möglichkeiten) am besten investiert (in die Zukunft der Umwelt und der Menschheit).“

Was ist mit nun dem Erbe von W. geschehen? Die CBG leidet bereits seit mehr als 20 Jahren darunter, dass ihre Ende der 1980er Jahre erstellte EDV-Datenbank vollkommen überholt ist. Wir haben gebibbert und gebangt, ob sie überhaupt den Jahrtausendwechsel übersteht. Ein Crash wäre das „Aus“ gewesen. Für eine Neuprogrammierung fehlte das Geld. Bei mehr als einer Million Stammdatensätze und zig Millionen zusätzlichen Datensätzen ist das ein anspruchsvolles Projekt. Das lässt sich nicht mal eben so nebenher finanzieren. Mit dem Erbe wurde es möglich. Und so hat sich der Erblasser in die Geschichte der CBG eingeschrieben.

Auch A.# und S.# bedachten die Coordination. Sie hatten einen Teil des Nachlasses einer an Krebs verstorbenen Freundin zu betreuen, die Mitglied und Förderin der CBG war. Als Pharmazeutin, die der Schul-Medizin gleichwohl kritisch gegenüberstand, hatte sie ihren Weg zum Netzwerk gefunden, betätigte sich darüber hinaus aber auch noch bei anderen Gruppen wie z. B. ATTAC. An Brustkrebs erkrankt, machte sie sich unter anderem für die Anerkennung alternativer Behandlungsmethoden stark und schreckte dabei nicht einmal vor einer Klage gegen die Krankenkasse zurück. Diese „Vita activa“ brachte die beiden Frauen dazu, der CBG einen Betrag aus dem Nachlass zu überantworten: „Wir dachten, das passt genau zu ihrem Lebensweg, zu der politischen Arbeit, die sie gemacht hat, zu ihrer eigenen Betroffenheit und zu ihrem Einsatz für ihre Rechte als Patientin.“

Menschen, die nicht anderen anheimstellen mögen, was mit ihrem Erbe geschehen soll, treffen schon beizeiten Vorsorge. Diese Personen haben die Stärke gefunden, sich ihrem eigenen Tod zu stellen, was nicht jedem gelingt, denn der Tod stellt in unserer Zeit ein großes Tabu dar. Er passt nicht in einen Staat mit einem Wirtschaftssystem, das auf ein ständiges „mehr“, auf Akkumulation angelegt ist und sich ins Unendliche träumt.
Deshalb verdrängt die Gesellschaft alles, was mit dem Sterben zu tun hat, und legt Friedhöfe beispielsweise bevorzugt an den Rändern der Städte an. Einige empfinden das jedoch als einen falschen Weg, der auch zu einem falschen Leben führt.

Vielleicht hat sich der eine oder andere von ihnen dabei auch von dem Schweizer Autoren und globalisierungskritischem Aktivisten Jean Ziegler leiten lassen, der das Sterben in seinem Buch „Die Lebenden und der Tod“ als unverbrüchlich zum Erden-Dasein dazugehörig bestimmt hat. Ziegler zufolge verleiht erst der Tod dem Menschen durch das Aufzeigen seiner eigenen Grenze ein Bewusstsein von sich selbst und trägt ihm nur eines auf: „Jeden Tag – durch Gedanken, Taten und Träume – so viel Glück für sich und die anderen, so viel Sinn zu erschaffen, dass, am Ende des Lebens, dieses Leben seiner eigenen Negativität so viel Sinn wie möglich entgegenzusetzen vermag.“ Den Menschen nun, welche die Coordination darüber informiert haben, sie in ihrem Testament bedacht oder ihr ein Vermächtnis zugeeignet zu haben, war es wichtig, auch über ihren eigenen Tod hinaus noch Sinn stiften zu können und haben dafür in der CBG den geeigneten Adressaten gesehen.

Dass Testamente, die das gesamte Erbe umfassen, oder Vermächtnisse, die sich auf Teile des Nachlasses beschränken können, geschrieben werden, hat aber auch noch eine andere Bedeutung. Insbesondere in den Fällen, in denen es keine gesetzlichen Erben gibt. Dann nämlich fällt nach den gesetzlichen Bestimmungen die gesamte Hinterlassenschaft an den Staat. Bereits mehrfach mussten wir erleben, dass dies bei MäzenatInnen der Coordination geschah, obwohl die ErblasserInnen vorhatten, die CBG mit einem Vermächtnis bzw. einer Erbschaft zu bedenken. Eine Notaufnahme in ein Krankenhaus vermag da bereits einen Strich durch die Rechnung zu machen: Auf einer Intensiv-Station lässt sich kein Testament mehr erstellen. Die eigenen Vorstellungen sind dann unwiederbringlich verloren.

Dabei ist eine solche Verfügung nicht in Stein gemeißelt. Ein Testament kann jederzeit widerrufen werden, wenn sich die Lebensumstände ändern – zum Negativen etwa durch eine schwere Krankheit oder auch zum Positiven durch unverhofften Familien-Zuwachs, dem man für später etwas mitgeben möchte. Für solche oder auch andere Fragen, die Erbschaften, Testamente, Vermächtnisse oder Schenkungen betreffen, vermittelt die Coordination gerne eine kostenlose juristische Erstberatung. Zudem hat die CBG einen Leitfaden mit Informationen zu Erbschaften erstellt. Auch steht sie natürlich jederzeit für persönliche und vor allem vertrauliche Gespräche zum Thema bereit. Dabei ist der Rahmen stets unverbindlich. Die CBG erwartet bei einer ersten Kontakt-Aufnahme keine definitiven Entscheidungen. Aus Erfahrung weiß sie, wie viele Schritte bis zu einem Entschluss nötig sind, jemandem wirklich ein Testament und ein Vermächtnis zuzueignen. So geht es manchmal bei einem solchen Austausch nur um die Schwierigkeiten, die es aller vernünftigen Einsichten und gefasster Entschlüsse zum Trotz bereiten kann, sich durch das Abfassen eines Testaments mit seinem eigenen Tod konfrontiert zu sehen.

Durch diese Angebote gewährleistet die CBG, dass Interessierte schließlich wohlüberlegt unter den verschiedenen Alternativen die für sie beste Möglichkeit auswählen können, um den Stab weiterzureichen und damit nachfolgenden Generationen in ihrem Engagement für eine Welt, die nicht mehr vom Profitstreben der Konzerne geprägt ist, etwas mitzugeben.

# der vollständige Name ist der Redaktion bekannt