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STICHWORT BAYER 03/2014

Noch mehr „Consumer Care“

BAYER kauft ein

Der Leverkusener Multi hat für 10,4 Milliarden Euro die Sparte des Pharma-Riesen MERCK mit nicht rezeptpflichtigen Produkten gekauft. Der Erwerb dieses so genannten „Over-the-Counter“-Geschäfts gehört zu den teuersten Akquisitionen der Unternehmensgeschichte. Der Konzern verfolgt damit das Ziel, seine Position als einer der weltgrößten Anbieter in diesem Markt-Segment auszubauen.

Es ist einer der teuersten Deals der Unternehmensgeschichte, nur für den Berliner Pharma-Konzern SCHERING legte BAYER einst mehr hin: Für 10,4 Milliarden Euro erstand der Leverkusener Multi vom US-Unternehmen MERCK die Sparte mit den nicht verschreibungspflichtigen Produkten. Damit schlägt der Konzern seinem „Consumer Care“-Segment unter anderem Fußpflege-Mittel der „Dr. Scholl’s“-Serie, Sonnencremes, Allergie- und Magen/Darm-Arzneien sowie Pharmazeutika gegen Erkältungen und Hautkrankheiten zu. Als Gegengeschäft beteiligt sich MERCK mit 800 Millionen Euro an der Weiterentwicklung und Vermarktung des Lungenhochdruck-Medikaments ADEMPAS und erkauft sich die Umsatz-Beteiligung mit erfolgsabhängigen Prämien, die noch einmal dieselbe Höhe erreichen können.
„Diese Akquisition ist ein bedeutender Meilenstein auf unserem Weg zur angestrebten globalen Marktführerschaft im attraktiven Geschäft mit rezeptfreien Arzneimitteln“, jubiliert der BAYER-Vorstandsvorsitzende Marijn Dekkers. Seinen Ausgangspunkt nahm dieser Weg 2004 mit dem Erwerb der entsprechenden Abteilung von ROCHE. Seither baut der Global Player diesen so genannten „Over-the-Counter“-Bereich gezielt aus. Hatte die Aktiengesellschaft 2012 noch vergeblich um SCHIFF geworben, so legte sie sich im letzten Jahr STEIGERWALD und Anfang des Jahres die chinesische Firma DIHON zu. Und nach der MERCK-Transaktion erreicht der Pillen-Riese in dem 200 Milliarden Dollar schweren OTC-Markt nun schon auf zwei Gebieten die weltweite Spitzenposition, bei den Haut- und den Magen/Darm-Erkrankungen. Im Segment „Gesundheitsstörungen der oberen Atemwege“ erklimmt der Arznei-Hersteller Platz 2, den er im Nahrungsergänzungsmittel-Sektor schon länger hält.
„Führende Produktmarken“ aus dem Hause MERCK sind es nach Ansicht des Chefs von BAYER HEALTH CARE, Olivier Brandicourt, vor allem, die dem Unternehmen zu diesem Aufstieg verhelfen. Die Fußpflege-Erzeugnisse von DR. SCHOLL’S erlangen dabei den größten Bekanntheitsgrad. Noch einträglicher erweist sich jedoch das Anti-Allergikum CLARITIN, das 2013 einen Umsatz von 576 Millionen Euro erzielte. Ingesamt nahm die Sparte im letzten Jahr rund 1,5 Milliarden Euro ein; BAYER kam mit ASPIRIN & Co. auf 5,4 Milliarden. Mit den nunmehr ca. acht Milliarden einbringenden Geschäften hat der Leverkusener Multi jetzt nur noch das OTC-Gemeinschaftsunternehmen von GLAXOSMITHKLINE und NOVARTIS vor sich.
Auch in den Top 10 der Pharma-Giganten steigt er weiter auf. Durch den abermaligen Ausbau der Pillen-Abteilung gerät das Kunststoff-Ressort, das zuletzt nur noch zehn Prozent zum bereinigten Gewinn beitrug, noch mehr an den Rand. Deshalb tauchten sofort Fragen nach einem etwaigen Verkauf auf. Aber Dekkers trat dem entgegen. „Wir betrachten es als ein Zeichen unserer wirtschaftlichen Stärke (...), dass wir einen solchen Zukauf machen können, ohne unser Portfolio zu ändern“, erklärte der BAYER-Chef in einem Interview mit der Faz.
Die Synergie-Effekte, die der Pillenproduzent durch den MERCK-Deal ab 2017 verbuchen kann, taxierte er gegenüber dieser Zeitung auf 400 Millionen Dollar. Dazu dürften auch die Arbeitsplatz-Vernichtungen beitragen, die durch den Abbau von Parallelstrukturen anfallen. Den Zugewinn für die AktionärInnen hat der Niederländer ebenfalls schon ausgerechnet. Ein um zwei Prozent höheres Ergebnis pro Aktie kündigt er an. Die Städte mit Niederlassungen des Konzerns müssen sich dagegen schon einmal auf sinkende Einnahmen gefasst machen. „BAYER rechnet ab dem ersten Jahr nach dem Vollzug mit signifikanten Steuer-Einsparungen“, verlautbart der Gen-Gigant.
Auch sonst hat die Allgemeinheit nichts von der Transaktion. Was sich betriebswirtschaftlich als lohnend erweisen mag, macht gesamtwirtschaftlich keinen Sinn, da die Milliarden nicht dem Aufbau neuer Produktionskapazitäten, sondern nur dem Kauf schon vorhandener Anlagen dienen und die damit verbundene Zusammenführung von Betriebsteilen sogar noch Arbeitsplätze kostet, statt welche zu schaffen. Nicht zuletzt die von ForscherInnen. Und so sinkt mit der Anzahl von Firmen und WissenschaftlerInnen auch die Innovationskraft der ganzen Branche. Der Agro-Markt, den das von BAYER, MONSANTO, SYNGENTA & Co. gebildete Oligopol beherrscht, stellt das mit seiner Handvoll Gen-Pflanzen und seinen immer wirkungsloser werdenden Pestiziden eindrucksvoll unter Beweis (siehe SWB 1/14).
Konservativ statt innovativ ist aber schon die Transaktion an sich. Mit Hühneraugen-Pflastern, Antiallergika und Mitteln gegen Verstopfung will der Leverkusener Multi sich nämlich mehr stabile Einnahmen verschaffen und sich so besser gegen die Unwägbarkeiten des Geschäfts mit neuen Medikamenten wappnen. Hier locken dank des Patentschutzes zwar Extra-Profite, es lauern aber auch größere Risiken. Forschung und Entwicklung bringen nicht immer Blockbuster hervor und verschlingen doch viel Geld. Zudem sieht sich der Pillen-Riese immer wieder mit kostenträchtigen Gerichtsverfahren wegen der gesundheitschädlichen Wirkungen seiner Medikamente konfrontiert. Und schließlich zeigen sich selbst die Gesundheitssysteme der westlichen Industriestaaten oft nicht mehr gewillt, astronomische Preise für Arzneien zu zahlen.
Der sich gern als „Innovationsunternehmen von Weltrang“ bezeichnende Konzern folgt mit der jüngsten Kauf-Entscheidung überdies nur dem Herdentrieb. Bei den Global Playern im Allgemeinen und den Medikamenten-Herstellern im Besonderen grassiert nämlich wieder einmal die Fusionitis. Einen Monat vor der MERCK-Aquisition haben GLAXOSMITHKLINE und NOVARTIS ihre OTC-Aktivitäten gebündelt und ihre Onkologie- und Impfmittel-Sparten getauscht. Zuvor schon übernahm das Biotech-Unternehmen AMGEN seinen Konkurrenten ONYX und der Medizintechnik-Produzent ZIMMER die Firma BIOMET, während PFIZER bisher trotz einer 77-Milliarden-Euro-Offerte vergeblich um ASTRAZENECA buhlte. Seit Anfang des Jahres haben BAYER & Co. schon Übernahmen im Wert von weit über einer Billion Dollar angekündigt. Grund für das Shopping-Fieber: BAYER & Co. verfügen zur Zeit über reichlich Rücklagen, da sie in den letzten Jahren Profite en masse eingestrichen und die Aktien-Kurse ein hohes Niveau erreicht haben. Darüber hinaus winken dank der niedrigen Zinsen günstige Refinanzierungsbedingungen.
Darum können sie tief in die Tasche greifen – zu tief, wie manche BeobachterInnen meinen. „Der Kaufpreis ist überhöht. BAYER zahlt das Siebenfache des Umsatzes der MERCK-Sparte. Üblich ist in der Branche, das Zwei- bis Dreifache zu zahlen“, sagt etwa Christoph Schöndube von INDEPENDENT RESEARCH. Also ungefähr so viel, wie der Leverkusener Multi jüngst von BOSTON SCIENTIFIC für seine zur Behandlung von Gefäßkrankheiten dienenden Medizingeräte verlangte. Aber der Konzern, der sich bei MERCK zunächst mehrerer Mitbieter erwehren musste, schließlich aber als einziger bereit war, die geforderte Summe aufzubringen, ist da kein Einzelfall. „Das Niveau ist allgemein sehr hoch“, konstatiert Marcus Brennecke vom Finanzinvestoren EQT. Und sein Kollege Thomas von Koch findet sogar noch drastischere Worte: „Wir haben ganz klar eine Inflation von Vermögenswerten“.
Darum mahnt die Faz bereits, die Börse sollte „die aktuelle Welle von Fusionen und Übernahmen als ein Warnzeichen verstehen“. Von „einer in die Jahre gekommenen Hausse“ spricht das Blatt. Und tatsächlich gingen Fusionswellen in die Geschichte verdächtig oft Wirtschaftseinbrüchen voraus: Ihre letzten Höhepunkte erreichten jene 2007 kurz vor der Finanzkrise und 2000 unmittelbar vor dem Platzen der Dotcom-Blase.
Von Jan Pehrke