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STICHWORT BAYER 03/2013

BAYERs Nachhaltigkeitsbericht

Defizitäre Umweltbilanz

Dem BAYER-Konzern gelingt es nicht, Ökologie und Ökonomie in Einklang zu bringen. Die Zahlen des jüngsten Nachhaltigkeitsberichtes weisen in vielen Bereichen sogar Verschlechterungen aus.

„Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet, gesellschaftliche Verantwortung mit betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten in Einklang zu bringen. Das ist bei BAYER gelebte Realität“, behauptet Konzern-Chef Marijn Dekkers im Vorwort des „Nachhaltigkeitsberichtes 2012“. Wenn es um die Sicherheit von Menschen und Anlagen gehe, gebe es beim Leverkusener Multi keine Kompromisse, konstatiert er und bekennt sich zu Menschenrechten, einheitlichen Arbeitsstandards und Umweltschutz. Vor solchen hehren Worten strotzt der Report, ohne „Nachhaltigkeit“ kommt kaum eine seiner 75 Seiten aus. Von der nachhaltigen Intensivierung der Landwirtschaft und der nachhaltigen Ernährungssicherung über die nachhaltige Technologie- und Kostenführerschaft und den nachhaltigen Zugang zu Verhütungsmitteln bis zum nachhaltigen Unternehmenswert und dem nachhaltigen profitablen Wachstum hat das Werk alles im Angebot.

8,36 Mio. Tonnen CO2
Nur nützt das alles nichts, wenn die schnöden Zahlen eine andere Sprache sprechen. Diese weisen auf fast allen Gebieten Verschlechterungen aus. So erhöhte sich der Ausstoß des klima-schädigenden Kohlendioxids gegenüber dem Berichtsjahr 2011 um 210.000 auf 8,36 Millionen Tonnen. Das Unternehmen macht dafür den gesteigerten Energie-Hunger des Werkes im chinesischen Caojing verantwortlich, den der Konzern nicht mehr mit dem eigenen Gas- und Dampfkraftwerk stillen konnte, sondern nur mit dreckigem Strom aus dem öffentlichen Netz. Solch dreckigen Strom stellt der Global Player allerdings auch in Heimarbeit her. Ein Drittel seines Bedarfs deckt er mit Kohle ab, und damit viel mehr als beispielsweise die BASF, deren Kohle-Quote zwei Prozent beträgt. Die erneuerbaren Energien kommen beim Leverkusener Multi dagegen nur auf einen Anteil von 0,7 Prozent. Bei der Reduzierung anderer die Ozonschicht angreifenden Substanzen verzeichnet die Umweltbilanz ebenfalls keine Fortschritte. Der Wert für die „Ozone Depleting Substances“ (ODS) verbleibt unverändert bei 16,3 Tonnen.
Der Ausstoß der flüchtigen organischen Substanzen (VOC) in die Luft sank hingegen von 2.690 auf 2.600 Tonnen, weil sich auf den Dauerbaustellen an den indischen Standorten Vapi und Ankleshwar – diese sorgen im Alleingang für einen Gutteil der ODS- und VOC-Emissionen – endlich etwas zu tun scheint. Vapi erhielt 2012 schon einmal neue Vorrichtungen zur Abluft-Reinigung, und von weiteren Maßnahmen dort und in Ankleshwar verspricht sich der Multi bis 2015 ein Absenken der VOC- und ODS-Belastungen um bis zu 70 Prozent.
Kohlenmonoxid, Stickstoffoxide und Schwefeloxide stiegen aus den BAYER-Schornsteinen ebenfalls nicht mehr in ganz so rauen Mengen nach oben. Das Aufkommen ging von 1.300 auf 1.000 Tonnen für CO, von 3.700 auf 3.100 Tonnen für NOX und von 2.300 auf 1.900 Tonnen für SOX zurück. Allerdings liegt das nur teilweise an ökologischeren Verfahren. Manchmal wirken sich auch einfach nur stufenweise Produktionsstilllegungen wie die im US-amerikanischen Institute in die Wege geleitete positiv auf das Umwelt-Zeugnis aus, während im Gegenzug neue Standorte wie derjenige im US-amerikanischen Parma sogleich negative Effekte zeitigen. Mit der an diesem Ort in Betrieb genommenen Saatgut-Aufbereitungsanlage wirbelte der Agro-Riese nämlich so viel Staub auf, dass sich die Gesamt-Emissionen um fünf Prozent auf 185 Tonnen steigerten.

Wasserschäden
Aber auch anderen Elemente wie das Wasser haben unter dem Multi vermehrt zu leiden. Der Verbrauch ging zwar wegen des Rückbaus in Institute etwas zurück, dafür erhöhten sich aber die Einleitungen. Die Phosphor-Fracht verdoppelte sich fast; sie stieg von 80 auf 150 Tonnen, was nach BAYER-Angaben hauptsächlich auf das Konto eines neuen Bioreaktors im US-amerikanischen Berkeley geht. Die Stickstoff-Emissionen betrugen 700 Tonnen und legten damit – vor allem der erhöhten Auslastung des Dormagener Werks geschuldet – um 31,5 Prozent zu. Auch anorganische Salze gelangten häufiger in die Flüsse. Mit 1.048.000 Tonnen überschritten die Mengen erstmals die Millionen-Grenze. Verbesserungen gab es nur bei den Schwermetallen zu vermelden: Die Einträge verringerten sich um eine Tonne auf 9,8 Tonnen.
Der Müll-Berg der Aktien-Gesellschaft wuchs von 958.000 Tonnen auf 1.014.000 Tonnen. Besonders stark legten die gefährlichen Abfälle zu – das Aufkommen erhöhte sich von 474.000 auf 603.000 Tonnen. Der kontinuierliche Anstieg geht zum größten Teil auf die „Vergangenheitsbewältigung“ des Konzerns zurück. Allein die Bodensanierung im indischen Thane förderte 126.000 Tonnen verseuchten Erdreiches zu Tage, und erschwerend kamen im Berichtsjahr dann noch ähnliche Maßnahmen im mexikanischen Orizaba hinzu. Deshalb musste sich BAYER auch einstweilen von dem Plan verabschieden, die Produktionsabfälle im Verhältnis zu den produzierten Gütern zu senken. „Unser bisher kommuniziertes Ziel, sie bis 2015 auf 2,5 Prozent der gesamten Produktionsmenge zu begrenzen, werden wir nach heutiger Einschätzung nicht einhalten können“, räumt der Agro-Riese ein.

„Umweltereignisse“
Mit der von Marijn Dekkers bekundeten Kompromisslosigkeit in Sachen „Anlagen-Sicherheit“ ist es auch nicht so weit her, führt der Nachhaltigkeitsbericht doch fünf beschönigend „Umweltereignisse“ genannte Beinah-Katastrophen auf; 2011 waren es nur zwei. Allein dreimal schaffte es die Dormagener Niederlassung in die Liste. Im September 2012 trat das Giftgas Phosgen durch ein Leck aus, weshalb das Unternehmen Ammoniak-Dampf zur Eindämmung der Gefahr versprühen musste. Im Oktober entzündete sich eine Staubwolke und setzte 950 Kilogramm der Chemikalie Triazan in Brand, und vier Wochen danach flossen aus einem Tank sieben Kubikmeter Benzylchlorid aus.
Zudem betreibt der Pillen-Hersteller eine seltsame Störfall-Buchführung. Zusätzlich zu den im Nachhaltigkeitsreport aufgeführten Unglücken präsentiert er im Internet Vorkommnisse, die „nach unseren Kriterien nicht als Umwelt- oder Transport-Ereignisse“ gelten. Was allerdings einer geborstenen Abgas-Leitung, einer Verpuffung in einem Wasserstoff-Trockenturm und einem durch Straßen-Arbeiten verursachten Leck in einer Gas-Pipeline zum Ereignis fehlt, erschließt sich wohl nur BAYER selber.
Gerade die im spanischen Tarragona ramponierte Erdgas-Leitung wirft Fragen auf, demonstriert der Fall doch die Gefährdung solcher Röhren-Werke durch äußere Eingriffe – ein Fakt, den der Global Player in den Diskussionen um die Sicherheit seiner zwischen Dormagen und Krefeld verlaufenden Kohlenmonoxid-Pipeline immer vehement bestreitet.
Und noch nicht einmal mit dem ins Virtuelle verlängerten Register ist die Aufstellung vollständig. Der Schwelbrand etwa, der 2012 in der Monheimer Niederlassung ausbrach, fällt komplett unter den Tisch.

Besondere Herausforderungen
Es haben jedoch nicht nur die Produktionsprozesse, sondern auch die hergestellten Produkte selber Risiken und Nebenwirkungen. Der Leverkusener Multi streitet dies in seinem Nachhaltigkeitsbericht allerdings ab und steht in Treue fest zu seinen Erzeugnissen. So leugnet er den Zusammenhang zwischen seinen Neonicotinoid-Pestiziden GAUCHO und PONCHO und dem weltweiten Bienensterben. Steif und fest hält das Unternehmen immer noch an der Behauptung fest, Hauptursache für das millionen-fache Verenden von Bienenvölkern sei die Varroa-Milbe und verweist diesbezüglich auf einen breiten wissenschaftlichen Konsens. Allerdings wollte sich nicht einmal die EU auf diesen stützen: Unmittelbar nach Erscheinen der Umweltbilanz zog Brüssel die beiden Agro-Gifte vorerst aus dem Verkehr.
Und Schädigungen des Nervensystems, Übergewicht, Unfruchtbarkeit, Diabetes sowie Herz- und Lebererkrankungen durch die Industrie-Chemikalie Bisphenol A (BPA)? Aber nicht doch: „Im Einklang mit zahlreichen validen Studien, die die Sicherheit von BPA attestieren, sind wir weiterhin der Überzeugung, dass die Sicherheit von BPA in den bestehenden Anwendungsgebieten gegeben ist“, hält der Konzern zu der unter anderem in Konservendosen und anderen Lebensmittel-Verpackungen ihr Unwesen treibenden Substanz fest.
Zu den Verhütungsmitteln aus der YASMIN-Familie, an denen bisher allein in den USA 200 Frauen starben, findet sich unter der Rubrik „Innovationen und Produktverantwortung“ ebenfalls nichts Produktverantwortliches. Statt von den gesundheitlichen Risiken spricht der Konzern nur von „rechtlichen Risiken“ durch Schadensersatz-Klagen. Vor keine anderen als solche „besonderen Herausforderungen“ sieht er sich auch durch die medizinischen Folgen seiner Arzneien MAGNEVIST und TRASYLOL gestellt, und die Kontamination von Handelsreis mit seinen Genlabor-Sorten LL601 und LL62 interessieren ihn gleichfalls bloß in juristischer Hinsicht.
So ist also nirgendwo „Nachhaltigkeit“ drin, wo „Nachhaltigkeit“ draufsteht. BAYER aber kündigt unverfroren an, den Begriff noch weiter zu strapazieren. Da „die Nachhaltigkeit integraler Bestandteil unseres Denken und Handelns ist“, will das Unternehmen „in Zukunft nicht mehr zwischen Geschäft und Nachhaltigkeit unterscheiden“ und den Nachhaltigkeitsbericht künftig in den Geschäftsbericht integrieren. Durch diese Operation wird sich der Umweltreport dann endgültig von dem Ruch befreien, die andere Seite der Profit-Medaille aufzuzeigen. Zudem dürften die zahlen-bewehrten harten Facts über die ökologischen Nebenwirkungen der Ökonomie noch mehr untergehen, als sie es in der jetzigen Form der Berichterstattung ohnehin schon tun. Es sieht also schwarz aus für den grünen Bereich bei BAYER. Von Jan Pehrke