deutsch
english
francais
espanol
italiano
Photo
STICHWORT BAYER 03/2013

Turbulente Hauptversammlung

BAYER bekommt contra

Und wieder einmal führte die Redner-Liste einer BAYER-Hauptversammlung mehr Konzern-KritikerInnen als FürsprecherInnen. 14 Beiträge von Bienenzüchtern, Pipeline-Gegnern, Medikamenten-Geschädigten und anderen musste der Vorstand über sich ergehen lassen.

Von Jan Pehrke

Diese Geburtstagparty hatte sich der BAYER-Konzern anders vorgestellt: GREENPEACE-AktivistInnen enterten die Hauptversammlung zum 150. Firmen-Jubiläum, stiegen dem Multi aufs Dach und ließen von dort ein riesiges Transparent mit der Aufschrift „Pestizide töten Bienen“ herunter. Den Beweis dafür legten die ImkerInnen dann im Foyer der Kölner Messehallen aus: einen ganzen Teppich verendeter Tiere. Und im Saal verschafften sie sich ebenfalls Gehör. „Heute wissen wir, dass vier Nanogramm, also vier Milliardstel Gramm Clothianidin eine Biene schon schädigen können! Meine Damen und Herrn Aktionäre, demnach hat ein Gramm Clothianidin das Potenzial, 250 Millionen Bienen zu schädigen. Stellen Sie sich das bitte mal vor!“, forderte Christoph Koch vom „Deutschen Berufs- und Erwerbimkerbund“ die AktienhalterInnen auf.
Sein Kollege Markus Bärmann beschrieb derweil den Kahlschlag auf den Feldern durch die Agro-Chemikalien aus der Gruppe der Neonicotinoide, von ihm kurz Neonics genannt. „Vor zehn Jahren noch weckten mich früh in der Morgendämmerung bei meinen Bienen in Wald und Flur das laute, sehr laute Konzert der Singvögel; Bienen und die Fliegen summten mir ins Ohr“, erinnerte sich der Bienenzüchter. Jetzt aber herrscht Funkstille. Und von Rebhühnern, Fasanen und anderen Tieren vernimmt Bärmann ebenfalls keinen Ton mehr. „Wo sind sie geblieben?“, fragte er und hatte darauf nur eine Antwort „Neonics“.

Auch Georg Zimmermann von GREENPEACE schilderte die Domino-Effekte des Pestizid-Einsatzes. „Mit dem dramatischen Bienensterben, das wir vorwiegend in Nordamerika und Europa mit Sorge verfolgen, steht (...) viel mehr auf dem Spiel als die Produktion von Honig. Bienen leisten mit der Bestäubung eines Großteils unserer Kulturpflanzen einen unschätzbaren und vor allem unersetzbaren Beitrag zur Produktion unserer Lebensmittel“, erläuterte Zimmermann. Darum forderte er den Vorstand auf, der an Skandalen so reichen BAYER-Historie nicht auch noch das Kapitel „Das Verschwinden der Bienen“ hinzufügen und die inkriminierten Mittel vom Markt zu nehmen. Da das Unternehmen dies bisher nicht getan und alle Studien zu dem Thema in Zweifel gezogen hat, spricht das Firmen-Motto „Science For A Better Life“ für ihn der Wirklichkeit Hohn. „Es steht in krassem Widerspruch zu BAYERs Unternehmenspolitik. Eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisse werden ignoriert und damit ein ‚besseres Leben’ akut gefährdet“, so der GREENPEACEler.

Monika Thinschmidt haderte gleichfalls mit der Konzern-Maxime, die der Vorstandsvorsitzende Marijn Dekkers in seiner Eröffnungsrede noch dazu als prägend für die gesamte Geschichte des Multis verstanden wissen wollte: „BAYER entwickelt seit 150 Jahren Moleküle, die die Welt wirklich braucht.“ Die Moleküle, die der Pharma-Riese für die Hormon-Spirale MIRENA entwickelt hat, sorgten bei ihr nämlich für zahlreiche Nebenwirkungen. Und nicht nur bei ihr. Von 45.000 bei der US-Gesundheitsbehörde FDA eingegangenen Beschwerden und von über 65.000 beim Gesundheitsportal e-Health Me registrierten Meldungen über unerwünschte Arznei-Effekte wie Krebs, Blutvergiftungen und Unterleibsinfektionen berichtete Thinschmidt. Für sie ließ das nur einen Schluss übrig: „BAYER – Science For A Horrible Life“.

Die Erfahrung einer solchen Wissenschaft musste Kathrin Weigele am eigenen Leib machen. „Ich habe die Einnahme der Pille YASMIN beinahe mit dem Leben bezahlt. Herz und Lunge waren und sind schwer gezeichnet von den Embolien (...) Lebenslange Folgeschäden und die lebenslange Einnahme von Blutgerinnungsmitteln sind mir geblieben“, teilte die junge Frau von der SELBSTHILFEGRUPPE DROSPIRENON-Geschädigter der Hauptversammlung mit. Wie der Konzern angesichts mehrerer hundert Todesfälle und 13.600 Klagen auf Schmerzensgeld noch von Einzelfällen sprechen könne, wollte sie vom Vorstand wissen und kritisierte die Praxis, sich in den USA auf Zahlungen einzulassen, die Frauen in Europa aber nicht zu entschädigen. Auch die Ignoranz, sich trotz immer neuer Studien weiterhin von den Mitteln überzeugt zu zeigen, empörte Weigele. „Science For A Better Life – nicht für uns Betroffene“, lautete deshalb ihr Resümee.
In Frankreich haben sich die Kontrazeptiva-Geschädigten und ihre Angehörigen ebenfalls zusammengeschlossen. Und einige von der Organisation AVEP nahmen sogar die weite Reise nach Köln auf sich, um den BAYER-Vorstand mit ihrem Leid zu konfrontieren und für ihre Rechte einzutreten. „Wir wollen die Stimmen derjenigen hörbar machen, die gestorben oder schwerwiegend körperlich behindert sind“, hieß es in der Rede von Elisabeth Walton, deren Übersetzung Alexandra Heiden vortrug. Angesichts der in ihrem Heimatland mittlerweile schon über 100 Klagen prophezeite die Französin dem Unternehmen das Scheitern der Politik, Vergleiche mit den Geschädigten anzustreben, sich aber gleichwohl von der Qualität der Präparate überzeugt zu zeigen. „Die Strategie von BAYER wird angesichts der vielen Opfer scheitern. Die Opfer organisieren sich, um eine Firma zu bekämpfen, die vorsätzlich die Risiken ihrer Produkte verschleiert“, so Walton.

Andreas Bemeleit konnte nicht mehr zur Hauptversammlung kommen. Der Bluter, den ein verunreinigtes Blut-Präparat des Konzerns mit Hepatitis C infiziert hat, war zu schwach für eine solche Unternehmung. Darum las Anabel Schnura seinen Text. Darin stellte Bemeleit der Geschäftsbilanz des Global Players eine ganz persönliche Bilanz entgegen. Und so sahen seine Kennzahlen aus: „Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich den Körper eines 80-Jährigen (...) Von ursprünglich 74 Kilo bin ich auf 57 Kilo abgemagert. Das ergibt einen Gewichtsverlust von 23 Prozent. Seit Januar 1994 erhalte ich monatlich 3.000 DM bzw. 1.533 Euro von der Stiftung ‚Humanitäre Hilfe’.“ Erhöht hat sich dieser Betrag noch nie, weil sich BAYER & Co. weigern, den Fonds mit ausreichenden Mitteln auszustatten. Darum appellierte der Blutprodukt-Geschädigte an den Vorstand, mehr Gelder zur Verfügung zu stellen: „Es ist höchste Zeit, dass ich meiner verlustreichen Lebensbilanz positive Zahlen hinzufügen kann. Nicht um Reichtümer anzuhäufen, sondern um mit den mir zugefügten tödlichen Erkrankungen in Würde altern zu können.“

Aber selbst das war noch nicht alles, was „Science For A Better Life“ allein im Pharma-Bereich an Risiken und Nebenwirkungen produziert hat, weil BAYER nur ein Erkenntnis-Ziel kennt: den Profit. Der Autor dieser Zeilen setzte den neuen Gerinnungshemmer XARELTO auf die Tagesordnung der Hauptversammlung. Obwohl die „Arzneimittel-Kommission der deutschen Ärzteschaft“ und andere ExpertInnen von dem Mittel abraten, drückt der Pillen-Riese das Produkt mit einem riesigen Werbe-Aufwand in den Markt. Die Folgen nannte der CBG-Vorständler in seiner Rede: Allein im letzten Jahr erhielt das „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ 58 Meldungen über Todesfälle und 750 Meldungen über schwere Zwischenfälle wie Blutungen nach der Gabe von XARELTO.
Mit der Transparenz von BAYERs Forschung & Entwicklung steht es ebenfalls nicht zum Besten. So hat der Leverkusener Multi einen weitreichenden Kooperationsvertrag mit der Universität Köln auf dem Gebiet der Pharma-Forschung geschlossen, weigert sich aber, die Vereinbarungen publik zu machen. Darum versucht die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) derzeit, auf juristischem Wege eine Veröffentlichung des Dokumentes zu erreichen. Warum TRANSPARENCY INTERNATIONAL (TI) das Vorgehen unterstützt, erläuterte deren Vorständlerin Dr. Angela Spelsberg. „TRANSPARENCY schließt sich der Klage auf Offenlegung an, weil die Gefahr der Abhängigkeit der nach dem Grundgesetz freien Wissenschaft von kommerziellen Interessen nicht ausgeschlossen werden kann“, hielt die ärztliche Leiterin des Tumorzentrums Aachens fest. Warum der Konzern so mauert, konnte die Medizinerin nicht verstehen: „Welche Nachteile befürchtet der BAYER-Vorstand durch die Veröffentlichung des Vertrags?“
Nicht gerade für die Innovationskraft des „Forschungsunternehmens“ spricht auch, wie es seine Strom-Versorgung regelt, denn dabei greift die Aktien-Gesellschaft immer noch auf die Steinzeit-Technologie „Kohlekraft“ zurück. Und das ist nicht nur aus ökologischen Gründen bedenklich, weil diese Energie-Form das Klima schädigt, sondern auch aus sozialen, wie Antje Kleine-Wiskott vom DACHVERBAND DER KRITISCHEN AKTIONÄRINNEN UND AKTIONÄRE darlegte. Der Leverkusener Multi deckt nämlich einen Großteil seines Bedarfs aus Importen, und der Abbau erfolgt in den Herkunftsländern wie Kolumbien oft unter katastrophalen Bedingungen. „Nach offizieller Statistik forderten Grubengas-Explosionen zwischen 2004 und 2010 rund 500 Menschenleben. Viele Minenarbeiter leiden an Staublunge und anderen Berufskrankheiten. Die Bildung von Gewerkschaften wird von den Betreibern der Minen mit allen Mitteln bekämpft“, berichtete Kleine-Wiskott.

Und ebenso wenig entspricht es dem neuesten Stand der Technik, hochgiftiges Kohlenmonoxid mittels einer 67 Kilometer langen Pipeline quer durch Nordrhein-Westfalen zu leiten, anstatt das Gas per Reformer vor Ort zu produzieren. Wie gefährlich dieser Stoff ist, demonstrierte Gottfried Arnold von der Initiative ÄRZTE GEGEN DIE CO-PIPELINE der Hauptversammlung auf anschauliche Weise. Er hatte ein Weinglas und ein Schnapsglas mitgebracht, um deutlich zu machen, in welch geringen Dosen CO bereits wirkt. „Wenn ein gesunder Mensch 30 ml, die Menge eines Schnapsglases, an reinem Kohlenmonoxid einatmet, wird er bewusstlos und damit fluchtunfähig; 130 ml töten einen Menschen. Zum Vergleich: Ein mittlerer Atemzug eines Erwachsenen beträgt 500 ml.“ Und dem Kinderarzt zufolge vermag weder BAYERs Leckerkennungssystem noch der „Allgemeine Gefahrenabwehr-Plan“ einem „Worst Case“ vorbeugen.

Eben darum dauern die BürgerInnen-Proteste entlang der Trasse nunmehr schon seit sechs Jahren an, wie Dieter Donner von der Bürgerinitiative STOPP-BAYER-CO-PIPELINE feststellte. „Mehr als 110.000 Bürgerinnen und Bürger haben sich mit ihrer Unterschrift gegen die Pipeline ausgesprochen. In den Trassen-Kommunen mit ihren 1,5 Millionen Einwohnern hat sich die Lokalpolitik eindeutig gegen dieses Projekt ausgesprochen, und BAYER wird sich jetzt mit 40 Klagen herumschlagen müssen“, zog Donner Bilanz und empfahl Marijn Dekkers: „Also schicken Sie die Pipeline in die Wüste.“

An Philipp Mimkes von der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN war es dann, die „150 Years Science For A Better Life“ einer alternativen Geschichtsschreibung zu unterziehen. Der CBG-Geschäftsführer nahm sich das dem Geschäftsbericht beiliegende voluminöse Faltblatt der Zeitleiste von 1863 bis 2013 vor, auf welcher der Konzern „Meilensteine der Unternehmensgeschichte“ eingetragen hat, und füllte die zahlreichen Lücken auf. So entwickelte BAYER fast zeitgleich mit ASPIRIN Heroin und bewarb beide Substanzen auch gemeinsam. Eine dieser Anzeigen zeigte Mimkes den AktionärInnen: Eine treusorgende Mutter verabreicht darauf ihrer Tochter die Droge löffelweise als Medizin gegen Husten. Um Risiken und Nebenwirkungen des auch als Mittel gegen Schmerzen, Depression, Asthma, Magenkrebs und Bronchitis vermarkteten Präparats scherte sich der Pillen-Produzent schon damals nicht, empfahl doch der spätere Generaldirektor Carl Duisburg, alle solche „mundtot zu schlagen“, die an der Sicherheit des Produkts Zweifel anmeldeten. Und eben dieser Duisberg, dessen „bahnbrechende Erfindungen“ die Chronik feiert, war nach den Angaben des CBGlers auch für ganz andere „Innovationen“ verantwortlich. Er betrieb nicht nur Giftgas-Forschung und setzte sich bereits im Ersten Weltkrieg für den Einsatz von ZwangsarbeiterInnen ein, sondern forderte auch die Annexion von „deutschem Lebensraum“ im Osten. Doch dies spart der imposante „Zeitstrahl“ ebenso aus wie die unsägliche Geschichte des von BAYER mitgegründeten Mörderkonzerns IG FARBEN. Und die Verleugnung reicht so weit, dass der Konzern mit dem „Familie-Hansen-Preis“ heute noch eine Auszeichnung vergibt, die nach einem NS-Täter benannt ist: Kurt Hansen war bei den IG FARBEN für die Rohstoff-Beschaffung und damit für die Ausplünderung der von den Faschisten besetzten Länder zuständig. „Auch in ihrer Heimat, Herr Dekkers, den Niederlanden“, hob Mimkes hervor und erwartete gerade deshalb eine Initiative für eine Vergangenheitsbewältigung. „Warum lassen Sie die Unternehmensgeschichte nicht endlich von unabhängigen Historikern untersuchen und ungeschönt darstellen?“, wollte er wissen.

Axel Köhler-Schnura von der CBG sah Dekkers aufgrund seiner Herkunft aus einem Land, das die Nazis 1940 angegriffen hatten, ebenfalls in einer besonderen Verantwortung. „Sie wissen besser als jeder andere hier im Saal, was dieser barbarische Raubkrieg für die Niederlande bedeutete: Unvorstellbares Leid und Elend – Tausende tote Soldaten, zehntausende Hungertote, etwa hunderttausend verschleppte und ermordete niederländische JüdInnen“. Deshalb fragte der Diplom-Kaufmann: „Wie können Sie als Niederländer es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, dass anlässlich der Bestandsaufnahmen des Konzerns zu seinem 150-jährigen Bestehen erneut diese Konzern-Verbrechen keinerlei Erwähnung finden?“ Auch andere wie „chemische Waffen“, „aktive Beteiligung am Holocaust“ und „Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen“ fanden Köhler-Schnura zufolge keinen Eingang in die Festschriften – und das kriminelle Business as usual mit Lohndumping, miesen Arbeitsbedingungen, Gesundheitsgefährdung und Plünderung der Ressourcen schon einmal gar nicht.

BAYER-Chef Marijn Dekkers bestritt hingegen einen solchen selektiven Umgang mit der Vergangenheit des Unternehmens. Der Multi hätte „über alle Aspekte der Firmen-Geschichte Auskunft gegeben“ und zudem seine Archive geöffnet. Deshalb „ist der Vorwurf nicht haltbar, wir würden Vorgänge verschweigen“, meinte der Verstandsvorsitzende. Folgerichtig bezichtigte er Philipp Mimkes „einer abenteuerlichen Argumentation“ und arbeitete gleich weiter am Mythos „Duisberg“. Der ehemalige Generaldirektor habe Wohnungen für Arbeiter gebaut, sich für Arbeitszeitverkürzungen eingesetzt und sogar ein Herz für den Umweltschutz gehabt, so Weißwäscher Dekkers.

Die anderen Vorwürfe der Konzern-KritikerInnen ließ er gleichfalls nicht gelten. Zumindest gegenüber den Arznei-Geschädigten bemühte der BAYER-Chef sich jedoch wenigstens um einen verständnisvollen Ton. Wenn PatientInnen durch die Präparate Schädigungen erleiden würden, „macht uns das betroffen“, antwortete der Vorstandsvorsitzende Kathrin Weigele. „Wir können ihren Wunsch nach Aufklärung sehr gut nachvollziehen“, eröffnete er ihr, um dann aber in der Sache hart zu bleiben: „An den Fakten hat sich nichts geändert, wir stehen zu unseren Kontrazeptiva, insbesondere auch zu YASMIN.“ Nicht einmal die Milliarde Dollar, die der Konzern den Geschädigten in den USA zahlte, konnten daran Zweifel säen. Dass der Konzern dort entschädigte, in Europa aber nicht, „beruht auf der Besonderheit des US-Rechtssystems“, erklärte Dekkers, und geschah „ohne Anerkennung einer Haftung“. Nibelungen-Treue bewies er auch den anderen Arzneien gegenüber, deren katastrophale Folgen die Gegen-RednerInnen beschrieben hatten. Stets zeigte der Manager sich vom „positiven Nutzen/Risiko-Profil“ der Pharmazeutika überzeugt.

Und nicht nur von dem der Pillen. Von der Kohlenmonoxid-Pipeline geht nach Dekkers Ansicht ebenfalls keinerlei Bedrohung aus: „Unser Sicherheitskonzept übertrifft die Standards.“ Die Neonicotinoid-Pestizide wie PONCHO und GAUCHO stellen für ihn auch keine Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt dar. Die bisherigen Verbote oder Anwendungsbeschränkungen seien nur aus „Vorsorge-Gründen“ erfolgt, so der Ober-BAYER. Genauso wenig Gefährdungspotenzial birgt für ihn der Abbau von Kohle in Ländern wie Kolumbien, von wo der Leverkusener Multi 40.000 Tonnen im Jahr bezieht. Der Konzern würde „intensive Gespräche mit den Lieferanten“ führen und ihnen rechtliche Vorgaben zur Einhaltung sozialer und ökologischer Standards machen, versicherte der Vorstandsvorsitzende Antje Kleine-Wiskott.

Ganz still wurde er beim Thema „Marketing“-Aufwändungen, die sich mittlerweile auf rund zehn Milliarden Euro belaufen. Detailliertere Auskünfte über diesen großen Bilanz-Posten, dem der Geschäftsbericht gerade einmal eine halbe Seite widmet, wollte Marijn Dekkers auch auf der Hauptversammlung nicht geben - Betriebsgeheimnis. „Bitte haben Sie dafür Verständnis“, beschied er dem Autoren dieses Textes. Ähnlich abweisend verhielt er sich gegenüber dem Begehr Angela Spelsbergs, Genaueres über den von dem Unternehmen mit der Universität Köln vereinbarten Kooperationsvertrag zu erfahren: BAYER gebe grundsätzlich keine Auskunft über den Inhalt von Verträgen.

So zeigte der Konzern zu seinem 150-jährigen Jubiläum ein bedenkliches Ausmaß von Altersstarrsinnigkeit. Nicht einmal alle AktionärInnen mochten das mittragen. Vor allem den erschütternden Reden der Pharma-Geschädigten zollten sie Beifall. Und am Ende des Tages weigerten sich viele von ihnen, dem Unternehmen die Absolution zu erteilen. Fast sechs Millionen Aktien stimmten gegen die Entlastung des Aufsichtsrates, was allerdings gerade mal einem Anteil von knapp 2,3 Prozent entspricht, denn die meisten BAYER-Papiere werden von Banken, Versicherungen, Pensionsfonds oder anderen institutionellen Anlegern gehalten.

Damit nicht genug, musste der Multi schon drei Tage nach Köln eine seiner „Innovationen für die Zukunft“ abschreiben. Die Europäische Kommission zeigte sich nämlich vom „positiven Nutzen-Risiko-Profil“ der BAYER-Pestizide PONCHO und GAUCHO ebenso wenig überzeugt wie die ImkerInnen, welche die Bienengefährlichkeit der Mittel bereits seit 2009 auf jedem AktionärInnen-Treffen gegeißelt hatten. Darum untersagte Brüssel deren Ausbringung auf Mais- und Raps-Kulturen für vorerst zwei Jahre. Keine zwei Wochen später verkündete der Konzern dann den Ausstieg aus der bis vor kurzem für ihn noch „völlig neue Möglichkeiten“ eröffnenden Nano-Technologie, deren „Nebenwirkungen“ ebenfalls schon auf der Hauptversammlungsagenda standen. Die Konzern-KritikerInnen scheinen also doch ein weit besseres Gespür für die Welt von morgen zu haben als das „Erfindungsunternehmen“ BAYER.