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STICHWORT BAYER 03/2012

Hochgefährliche Pestizide

BAYERs Giftschrank

Das PESTIZID-AKTIONS-NETZWERK (PAN) hat die Produktpalette der drei Agro-Multis BASF, BAYER und SYNGENTA daraufhin untersucht, wie viele nach wissenschaftlichen Standards hochgefährliche Pestizide sich im Angebot befinden und in welchen Teil der Welt die Hersteller diese jeweils vermarkten. Die Recherche zeigt, mit welchem Gefährdungspotenzial das Pestizid-Portfolio der Konzerne behaftet ist und dass dringender Handlungsbedarf besteht. PAN hat deshalb die Kampagne „Rote Karte für SYNGENTA, BAYER und BASF“ ins Leben gerufen. Stichwort BAYER dokumentiert den Teil der Untersuchung, der dem Leverkusener Multi gewidmet ist.

Vom PESTIZID-AKTIONS-NETZWERK (PAN)

Die Recherche von PAN Germany ergab, dass auf den zehn analysierten BAYER-Websites 64 Pestizid-Wirkstoffe angeboten werden, die auf der Liste hochgefährlicher Pestizide von PAN International stehen. Von diesen Agrochemikalien gehen damit beträchtliche Gefahren aus. Im Einzelnen sind es in Ländern des globalen Südens mit oft problematischen Anwendungsbedingungen nach Kontinenten unterschieden in Afrika 37 hochgefährliche Pestizide, in Asien 25 hochgefährliche Pestizide und in Lateinamerika 31 hochgefährliche Pestizid-Wirkstoffe, die durch PAN Germany auf dortigen BAYER-Websites identifiziert wurden.

Ein Vergleich der in Deutschland auf der Website von BAYER CROPSCIENCE angebotenen Wirkstoffe mit den auf BAYER-Websites in Afrika, Asien und Lateinamerika angebotenen Wirkstoffen ergab, dass das Unternehmen in Afrika, Asien oder in Lateinamerika 15 Wirkstoffe verkauft, die es auf der deutschen Website nicht offeriert. Im Einzelnen handelt es sich um die 15 in Tabelle 6 dargestellten Wirkstoffe. Von diesen 15 hochgefährlichen Wirkstoffen sind 11 Wirkstoffe in Deutschland nicht zugelassen. Der herbizide Wirkstoff Diuron wurde 2010 aus Deutschland exportiert, wo sein Einsatz nicht mehr gestattet war. Diuron ist sehr kritisch zubetrachten, da es wahrscheinlich krebserregend ist, negative Wirkungen auf das Hormonsystem haben kann und bei einer Abweichung von strikten Nutzungsvorgaben Risiken für die AnwenderInnen, für Wasserlebewesen und für Wildpflanzen zu erwarten sind. Die Analyse des toxikologischen Profils der auf den zehn BAYER-Websites angebotenen 64 hochgefährlichen Pestizide ergab Folgendes: 12 Wirkstoffe sind bezüglich ihrer akuten Toxizität hochgefährlich (Gruppe 1) 47 Wirkstoffe sind bezüglich ihrer Langzeitwirkungen hochgefährlich (Gruppe 2) 28 Wirkstoffe sind bezüglich ihrer Umweltgiftigkeit hochgefährlich (Gruppe 3). 3 Wirkstoffe wurden wegen ihrer schädlichen Wirkungen in eine internationale Konvention – Montrealer Protokoll und/oder Rotterdamer Konvention und/oder Stockholmer Konvention – aufgenommen (Gruppe 4) Die Summe der Nennungen ergibt mehr als 64, weil Wirkstoffe Kriterien in mehr als einer Gruppe erfüllen können (z. B. hohe akute Toxizität und gleichzeitig umweltgefährlich). Von den 64 identifizierten hochgefährlichen BAYER-Pestiziden befinden sich 22 Wirkstoffe in mehr als einer Gruppe.

Wie aus Tabelle 7 ersichtlich, sind die Wirkstoffe Carbofuran, Aldicarb und Methamidophos in mehr als zwei Gruppen aufgeführt und deshalb besonders problematisch. Der insektizide Wirkstoff Carbofuran ist akut extrem gefährlich, ist sehr giftig beim Einatmen, hat das Potenzial, das Hormonsystem zu schädigen und ist umweltschädlich (bienengefährlich). Zudem wurde er aufgrund seiner Gefährlichkeit in die Rotterdamer Konvention aufgenommen, in der Anforderungen für den internationalen Handel mit gefährlichen Chemikalien festgeschrieben sind. BAYER bietet dieses hochgefährliche Pestizid in Indonesien und Südafrika zum Kauf an, also in zwei Ländern, in denen Pestizide oft unsachgemäß verwendet werden.

Aldicarb & Co.
Der Wirkstoff Aldicarb ist ein Insektizid und Akarizid (wirksam gegen Milben und Zecken). Er ist akut extrem gefährlich, beim Einatmen sehr giftig, bienengefährlich und hat das Potenzial, das Hormonsystem zu schädigen. 2011 wurde er deshalb in die Rotterdamer Konvention aufgenommen. 2011 teilte BAYER PAN Germany auf schriftlichem Wege mit, dass BAYER die Produktion von Aldicarb (Handelsname: TEMIC) 2010 beendet hat und die weitere Vermarktung bis spätestens 2012 einstellen wird. BAYER räumte jedoch ein, dass Produkte mit Aldicarb noch in vielen Ländern registriert sind und dieses Mittel daher erst nach einer gewissen Zeit vom Markt verschwinden. Im Schreiben an PAN ging BAYER davon aus, dass sämtliche Restbestände vermutlich weitgehend noch 2011 vollständig abverkauft sein würden. Auf Nachfrage von PAN erklärte BAYER, Aldicarb-Produkte zurückzunehmen, falls jemand sie zurückgeben möchte. Dass BAYER noch im Juni/Juli 2011 Aldicarb in vier Ländern zum Kauf anbot, legt die Annahme nahe, dass die Einstellung der Produktion wohl eher nicht geschieht, um Vergiftungen zu vermeiden, sondern weil der Konzern massiv zu diesem Schritt massiv gedrängt wurde.

Der Wirkstoff Methamidophos ist ein Insektizid und Akarizid. Er ist akut hochgefährlich, beim Einatmen sehr giftig, bienenschädigend und wurde aufgrund seiner Gefährlichkeit in die Rotterdamer Konvention aufgenommen. In Südafrika wurde dokumentiert, dass Methamidophos enthaltende Pestizide auf der Straße verkauft werden, sogar durch Kinder (1).

erhebliche Gefahren
Eine Analyse der geografischen Verteilung der Vermarktung der BAYER-Pestizide zeigt, dass die einzelnen Substanzen in unterschiedlich vielen Ländern zum Verkauf stehen. Von jenen Pestiziden, die in der PAN-Liste hochgefährlicher Pestizide in zwei Wirkungsgruppen genannt sind, fallen Deltamethrin und Tebuconazol auf, da BAYER beide in neun und damit in den meisten Ländern anbietet, gefolgt von Iprovalicarb und Thiodicarb (6 Länder) sowie Beta-Cyfluthrin/Cyfluthrin, Carbaryl und Prochloraz, die jeweils in fünf Ländern angeboten werden. Deltamethrin kann das Hormonsystem schädigen und ist hochgefährlich für Bienen. Tebuconazol ist möglicherweise krebserregend und in Wassersedimenten sehr langlebig. Iprovalicarb ist wahrscheinlich krebserregend und sehr langlebig in Wassersedimenten. Thiodicarb ist wahrscheinlich krebserregend und hochgefährlich für Bienen. Beta-cyfluthrin/Cyfluthrin ist akut hochgefährlich (WHO Ib), sehr giftig beim Einatmen und hochgefährlich für Bienen. Prochloraz ist möglicherweise krebserregend, kann das Hormonsystem schädigen, ist sehr langlebig im Wasser und sehr langlebig in Wassersedimenten.

Auf den analysierten Websites von BAYER CROPSCIENCE identifizierte PAN Germany drei Wirkstoffe, die für Säuglinge und Kleinkinder sehr problematisch sind: Ethoprophos, Fipronil und Disulfoton. Der Wirkstoff Disulfoton ist in der EU für landwirtschaftliche Erzeugnisse, die zur Herstellung von Getreide-Beikost und anderer Beikost für Säuglinge und Kleinkinder verwendet werden, verboten. Für Ethoprophos-Rückstände und für Fipronil-Rückstände in Getreidebeikost und andere Beikost für Säuglinge und Kleinkinder hat die EU besonders strenge Grenzwerte festgesetzt (Tabelle 8). BAYER kündigte 1995 an, Produkte der WHO-Toxizitätsklasse 1 schrittweise durch Präparate mit geringerer Giftigkeit zu ersetzen. Die WHO berücksichtigt jedoch Langzeitwirkungen nicht ausreichend. Die Recherche ergab, dass BAYER auf den untersuchten Websites 47 hochgefährliche Pestizide zum Kauf anbietet, die aufgrund ihrer Langzeiteffekte gefährliche Eigenschaften aufweisen. Wenn BAYER demnächst dann nur akut hochgefährliche Insektizide vom Markt nimmt und zudem die von hochgefährlichen Pestiziden ausgehenden Langzeitwirkungen nicht berücksichtigt, werden auch zukünftig erhebliche Gefahren vom Pestizid-Angebot des Multis ausgehen.

1 Andrea Rother, Poisonings in South Africa from super strength street pesticides, in Pesticides News 90 (2010)