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Bienensterben

Vrij Nederland, 4. April 2012

Bleker und die Bienen

In der gleichen Woche in der im „Science“ Magazin zwei alarmierende Studien veröffentlicht wurden, in denen das weltweite Bienensterben mit dem Einsatz neonicotinoider Pestizide in Zusammenhang gebracht wird, reichte Henk Bleker (Niederländischer Staatssekretär für Landwirtschaft) dem Niederländischen Parlament einen Bericht zu diesem Thema ein in dem es heißt: „Alles ist in Ordnung – Neonicotinoide können weiter eingesetzt werden wie bisher, ihre Verwendung tötet keine Bienen“.

von Tomas Vanheste, ins Deutsche übersetzt von Dr. Sven Buchholz

Henk Bleker hat es nicht einfach. In der vergangenen Woche, während einer hitzigen parlamentarischen Debatte über die Gründe für das weltweite massenhafte Bienensterben, dachte er, dass er eine endgültige Zusicherung gegeben hatte, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gäbe bezüglich der Pestizid Problematik.

Wissenschaftler, Umweltschützer, Politiker und Imker gehen sich gegenseitig an den Hals über die Frage, ob systemische Pestizide, so genannte Neonicotinoide, die Ursache für die Verluste von Bienenvölkern darstellen.

Die Tatsache, dass in Europa und Nordamerika Millionen von Bienenvölkern starben, beunruhigt den niederländischen Landwirtschaftssekretär. Denn ohne Bienen gibt es keine Bestäubung für Karotten, Tomaten und Blumenkohl.
Bleker beauftragte ein Team von Wissenschaftlern, dieses Problem zu untersuchen.
Letzten Mittwoch konnte er das Parlament beruhigen: Seine wissenschaftlichen Berater führten eine Literaturrecherche durch und fanden: „dass es keinen Beweis für eine Verbindung zwischen dem Bienensterben und Neonicotinoiden gäbe.“
Somit gab es keinen Grund, den Einsatz dieser Pestizide zu stoppen.

Bleker war glücklich, die Landwirte waren glücklich, und die Hersteller der Pestizide waren glücklich. Aber die Tinte seines Berichts war kaum getrocknet, als das führende Wissenschaftsmagazin „Science“ zwei neue Studien veröffentlichte, die bestätigen, dass Neonicotinoide in der Tat ernste Schäden bei Bienen hervorrufen.

In der französischen Studie wurden Honigbienen mit Chip-Sendern ausgestattet und anschließend realistischen Feld-Dosen des von der Firma Syngenta entwickelten Pestizids „Cruiser“ (mit dem Wirkstoff Thiametoxam) ausgesetzt. Die Bienen, die das Neurotoxin aufnahmen, hatten größere Schwierigkeiten ihren Stock wieder zu finden und gingen auf dem Weg eher verloren (als die Bienen der unbehandelten Kontrollgruppe).

In der anderen Studie der Stirling University in Schottland wurden Hummeln sehr niedrigen Konzentrationen des Neonicotinoids Imidacloprid der Firma Bayer ausgesetzt. Die exponierten Kolonien erlitten einen 85%igen Rückgang in der Anzahl ihrer produzierten Königinnen. Dieser Verlust neuer Königinnen würde im folgenden Jahr entsprechend zu 85% weniger neuer Hummelkolonien führen.
Kamen die Offenbarungen von „Science“ aus heiterem Himmel, oder hätten Blekers Pestizid-Berater besser informiert sein müssen? Wer sind denn diese Experten, auf die sich der (niederländische) Staat offensichtlich verlässt?

Der erste Autor des Reportes, auf den Bleker seine Mitteilung stützt, war Tjeerd Blacquière von Plant Research International (PRI) in Wageningen. Er war eine gewagte Wahl des Staatssekretärs. Blacquières Glaubwürdigkeit war so gut wie zerstört nach seinem Auftritt in der Fernsehdokumentation "The murder of the honeybee", ausgestrahlt von Hollands Zembla TV im März 2011. Blacquière, der sich anmaßt der Bienenexperte der Wageningen University zu sein, war gezwungen zuzugeben, dass er nicht einen einzigen durch Experten begutachteten Artikel zum Thema Bienen und Pestizide in irgendeinem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht hat.

“Wir machen sehr praktische Forschung.” war seine Erklärung. Er beschreibt PRI als „ein Unternehmen“ mit losen Verbindungen zur Universität, das seine Erträge durch Auftragsforschung generiert.

Das Forschungsbüro Profunde berichtete Zembla, das Blacquières Institut in der Tat viele lukrative Projekte von den Pestizidherstellern Bayer und Syngenta erhalten hat.

Der zweite, von der Regierung konsultierte Experte war Professor Guy Smagghe von der Ghent University, der ebenfalls eine enge Beziehung zu Bayer hat. Sein Wissenschaftsteam in Ghent kooperiert mit dem größten Bayer Forschungscenter in Belgien, das sogar auf demselben Campus angesiedelt ist. Smagghe hat auch zusammen mit einem Wissenschaftler, der direkt bei dem deutschen Chemie-Giganten angestellt ist, einen Artikel veröffentlicht.

„Ich habe nie für Bayer geforscht“, erwidert Blacquière. „Wir haben eine Regierung, die sagt, dass die Universitäten mit der Industrie zusammenarbeiten sollen. Bürger beschweren sich, wenn Wissenschaftler auf Kosten der Steuerzahler ihr Leben lang an einem Thema forschen, die der Gesellschaft keinen Nutzen bringt. Aber sobald wir etwas mit Bayer oder Syngenta zusammen machen, sagen sie: ‚Seht Ihr, sie sind nicht unabhängig!’ “

Bis 2011 publizierte Blacquière nicht eine einzige von Gutachtern beurteilte Studie zu Bienen und Pestiziden. Sein Debüt in der Bienenforschung machte er letzten Februar mit der Veröffentlichung in der Fachzeitschrift ‘Ecotoxicology’. Dieser Artikel war die Basis für den Bericht, den der Staatssekretär an das Parlament sandte. Doch der Artikel wurde nicht in allen Kreisen mit Freuden aufgenommen. Der Toxikologe Henk Tennekes (ehemals Direktor einer großen Schweizer Agentur für die Durchführung von Forschungsprojekten der Industrie, heute unabhängiger Forscher) bezeichnet Blacquières Artikel als „eine Travestie von wissenschaftlicher Integrität“, da er absichtlich entscheidende Literaturquellen ignoriert, in der längst Nebenwirkungen von Neonicotinoiden auf Bienen demonstriert wurden. Tennekes reichte eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Blacquière ein. Aber der Verwaltungsrat der Wageningen University wies, einer Untersuchung zweier Professoren folgend, letzte Woche Tennekes Beschwerde als haltlos zurück. Sie urteilten, dass die Literatur, die die Autoren laut Tennekes ignoriert haben, entweder „nicht essentiell“ waren oder nicht von Experten begutachtet wurde.

Tennekes zufolge ist dies eine fadenscheinige Begründung. Eine der bewusst ausgelassenen und ignorierten Veröffentlichungen war der Report des Wissenschaftlichen und Technischen Komitees der französischen Regierung aus dem Jahr 2003, der zu einem Verbot von Imidacloprid in Frankreich führte. “Werden Berichte der nationalen Gesundheitsbehörden von Regierungen jemals von Gutachtern überprüft? Sollten wir sie etwa ignorieren, weil sie von nicht von Akademikern gegengelesen werden?” Tennekes versteht auch nicht, weshalb seine eigenen Artikel, die die derzeitige Risikobewertung (von Neonicotinoiden) kritisieren, nicht berücksichtigt wurden. Das Gleiche gilt für die Veröffentlichung des australischen Forschers Francisco Sanchez-Bayo. Tennekes und Sanchez-Bayo kommen beide zu dem Schluss, dass eine längerfristige Aufnahme von Neonicotinoiden für Bienen sehr schädlich sein kann sogar in extrem niedrigen Dosen.

Für diese Neurotoxine gibt es keine wirklich sicheren Dosen, sagt Tennekes. Neonicotinoide haben Felder und Gewässer der Regionen kontaminiert, in den Hollands Blumenzwiebeln aufgezogen werden. Und zwar in Größenordnungen, die die „akzeptablen“ Grenzwerte um das Tausendfache übersteigen. Es geht hier nicht nur um die Vergiftung von Honigbienen sondern um die generelle Existenz von Insekten und anderen Wirbellosen. Diese bilden die Basis der Nahrungspyramide und sind Grundlage für alle insektenfressenden Vögel, Amphibien und Säugetiere, wie Feldlerchen, Frösche, Spitzmäuse und Igel. Sollte diese Basis zusammenbrechen, wäre das eine Umweltkatastrophe ungeahnten Ausmaßes.

Sanchez-Bayo und Tennekes schrieben einen Übersichtsartikel, der ebenfalls in der Bibliographie von Blacquiere nicht genannt wird. Der australischen Toxikologe wies in Blacquieres Report auf einen wissenschaftlichen Fehler auf Schulniveau hin: “Ihr Bericht an die niederländische Regierung stellt fest /behauptet dass Neonicotinoide Antagonisten seien, Substanzen also, die sich selbst an neuronale Rezeptoren binden, diese aber nicht aktivieren. Tatsächlich ist aber hinlänglich bekannt, dass Neonicotinoide Agonisten sind, die im Gehirn der Honigbiene neuronale Rezeptoren aktivieren, und gerade das macht sie so gefährlich“.

Blancquiere verteidigt sich damit, dass dies lediglich ein Schreibfehler gewesen sei.
Trotz der großen Anzahl wissenschaftlicher Fehler und absichtlicher Auslassungen war die Burteilung der Wageninger Universität, dass “nichts falsch” an Blacquieres Bericht sei.

Allerdings ist es etwas ungeschickt, dass der Wageninger Wissenschafts-Ethik Kanzler sieben Artikel mit einem der Koautoren des fraglichen Berichts veröffentlicht hat. Zudem war er einer der Professoren, die Tennekes Beschwerde begutachteten. Jegliche Kritik an Blacquieres Integrität würde auch ein schlechtes Licht auf die Glaubwürdigkeit jener werfen, die oft mit ihm zusammengearbeitet haben.
Jeroen van der Sluijs, Assistenz Professor für die Erfoschung neuer Risiken an der Utrecht University und Gastprofessor der Universität von Versailles, gab keinen Kommentar zur Integrität von Blacquière und seinen Koautoren. „Ich würde es vorziehen, über den Inhalt der Studie zu sprechen.“ Aber er stimmt Tennekes zu, dass elementare Studien bewusst weggelassen oder nicht vernünftig bewertet wurden. Bereits letzten Herbst hat er dies Bleker kommuniziert und seine Kritik auch dem Parlament mitgeteilt, nachdem er den ersten Entwurf gelesen hatte.
Er schrieb, die Studie weise „eine Anzahl von bewussten Auslassungen“ auf, zudem „erfülle sie nicht die grundlegenden generellen Anforderungen guter wissenschaftlicher Praxis“. Außerdem käme der Report zu „völlig falschen Schlussfolgerungen“ wenn es um die chronische Toxizität und die (daraus resultierenden) Schäden für die Bienengesundheit ginge.

Die endgültige Version des Reports, den der Staatssekretär dem Parlament übergab, änderte van der Sluijs Meinung nicht im Geringsten: „Meine Hauptkritik liegt darin, dass die Autoren das Risiko nur für die akut lethale Toxizität beurteilen.“ Aber jeder stimmt damit überein, dass dies in erster Linie während der Maisaussaat im Frühjahr auftritt. Es werden dabei giftige Stabpartikeln freigesetzt, was im vergangenen Jahr in Slowenien dazu führte, dass hundert Millionen Bienen aufgrund von Vergiftungen durch Neonicotinoide zugrunde gingen. Die hohen Winterverluste von Bienenvölkern sind aber eine andere Geschichte.

Hier sehen wir die Effekte, wenn die Exposition von nicht unmittelbar tödlichen Dosen von Neonicotinoide über einen längeren Zeitraum wirken: es macht die Bienen anfälliger für Parasiten. „Die Autoren benutzen eine völlig veraltete Methodik, um das Risiko zu bewerten“, erklärt der Utrechter Risikoforscher. Die korrekte Methodik ist offensichtlich: man sollte die niedrigste Dosis, die Nebenwirkungen im Labor hervorruft, mit der tatsächlichen Dosis vergleichen, der die Bienen im Feld ausgesetzt sind.

Erweist sich die Felddosis als höher, ist die Substanz nicht sicher!
Dies ist klar ersichtlich aus den Daten, die die Autoren selbst präsentieren, geradezu himmelschreiend offensichtlich. Aber sie fegen die Laborergebnisse mit einem Handstreich hinfort. In Ihrem Artikel erkennen sie zwar wohlwollend an, dass viele Laborstudien schädliche Auswirkungen von Neonicotinoiden auf das Sammelverhalten, die Lernfähigkeit und die Gedächtnisleistung von Honigbienen demonstrieren. Aber anschließend verschleiern sie diese Beurteilung, indem sie behaupten, dass diese Effekte nicht in Feldstudien zu finden seien. Letzteres erheben sie zum Maß der Dinge.

Nach van der Sluijs sind die wenigen von den Autoren zitierten Feldstudien zur Rechfertigung ihrer Position „in ihrem Design völlig unakzeptabel“. Werfen wir einen Blick auf die Feldstudien der kanadischen Forscher Christopher Cutler und Synthia Scott-Dupree aus dem Jahre 2007. In Ihrem Experiment wurden nur acht Bienenstöcke in zwei kleinen Feldern mit blühendem Raps aufgestellt. Ein Feld war mit dem Neonicotinoid Clothianidin behandelt, das andere war unbehandelt. Allerdings lagen beide Felder weniger als 300m voneinander entfernt. Da es für Honigbienen normal ist, in einem Umkreis von bis zu drei Kilometern auf die Suche nach Pollen und Nektar zu gehen, ist es kein Wunder, dass zwischen der Bienensterblichkeit der Testvölker und jener der Kontrollvölker keine großen Unterschiede zu finden waren. Natürlich sammelten die Beinen Nahrung auf behandelten und nicht behandelten Rapspflanzen. Aber Blacquière negiert dies: „Bienen sind nicht dumm, sie würden überhaupt nicht weit fliegen, da sie (sehr) ökonomisch mit ihren Energiereserven umgehen. Wenn sie mitten in einem Rapsfeld sind, bleiben sie dort und fliegen kaum woanders hin.“ Dennoch hat die US-Amerikanische Environmental Protection Agency (EPA) im November 2010 eben diese Studie als ungültig erklärt.

Darüber hinaus kann man der Website der University of Guelph entnehmen, dass die Forscher Cutler und Scott-Dupree von der Firma Bayer über 130.000 US$ für die Durchführung dieser Studie erhalten haben. In ihrem Artikel, der jedem versichert, dass Neonicotinide für Bienen sicher seien, vergaßen sie allerdings, diese große Summe zu erwähnen. Blacquière schweigt in seinem Report über diese finanzielle Firmensponsoring ebenso wie über die vernichtende Bewertung der EPA. „Wir haben uns lediglich begutachtete Artikel angesehen“, erklärt er. „Die Bewertung der EPA ist nur eine Meinung, die liefert keine Daten.“ Meiner Meinung nach verurteilt sich die EPA selbst mit dieser pathetischen Ausrede.“

Nicht weniger als 17mal verweisen Blacquière und seine Koautoren vorbehaltlos auf die ungültige Studie von Cutler und Scott-Dupree. „ Das ist bizarr und unverantwortlich für jeden Wissenschaftler, sich dermaßen auf eine so schwache und kontroverse Studie zu verlassen“, sagt van der Sluijs.

Wäre Staatssekretär Bleker von Blacquière anders beraten worden, hätte letzterer von den beiden neuen „Science“ Studien gewusst? Blacquière sagt, er hätte seinen Bericht nicht anders verfasst: „Es handelt sich hier um einen wichtiger Forschungsbeitrag, da diese Studien die Lücke zwischen Labor und Feld überbrücken. Aber die von manchen Leuten unterstützen Behauptung, es sei unwiderlegbar klar, dass diese Pestizide die Ursache für das Bienensterben sind, ist schwach. In einem schottischen Labor waren Hummeln für zwei Wochen Neonicotinoiden ausgesetzt und konnten nicht an die giftfreien Blüten gelangen, während sie es in der Natur draußen im Feld konnten. Dies ist ganz klar ein „Worst-Case“ Szenario. In einer anderen französischen Studie wurden Bienen mit 10mal höheren Dosen von Neonicotinoiden gefüttert, als was normalerweise in Pollen und Nektar im Feld gemessen wird“.

Henk Bleker dachte, das er mit der Hedwigepolder-Affäre durchkommt, dadurch dass er sich auf zwei Professoren verließ, die jedoch keine Professoren waren. Und als sie von dieser Zeitung dazu gefragt wurden, unterstützten sie Blekers Position nicht. Diesmal glaubt er die Gemüter beruhigen zu können, indem er mit einem Bericht wedelt, der von einem kommerzhörigen Erstautor mit einer bescheidenen Literaturliste zusammengeschustert wurde. Glaubt der Napoleon von Vlagtwedde wirklich einen Triumph feiern zu können, nicht nur über Europa sondern auch über das „Science“ Magazin?