deutsch
english
francais
espanol
italiano
Photo
STICHWORT BAYER 03/2011

Geplante Kunststoff-Fabrik in Dormagen:

Coordination reicht Einwendungen ein

Der BAYER-Konzern will am Standort Dormagen eine neue Anlage zur Produktion von TDI bauen, wobei riesige Mengen des Giftgases Phosgen eingesetzt werden sollen. Der vorgeschriebene Abstand zur Wohnbevölkerung wird nicht eingehalten. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) veröffentlichte eine Muster-Einwendung, die von zahlreichen Anwohnern und Umweltverbänden unterstützt wird. Um der Forderung nach einer phosgenfreien Kunststoff-Produktion Nachdruck zu verleihen, sammelte die CBG mehr als 12.000 Unterschriften.

von Philipp Mimkes

Die BAYER MATERIALSCIENCE AG will in den Werken Dormagen und Brunsbüttel die Herstellung von Toluylendiisocyanat (TDI) und Methyldiisocyanat (MDI) stark ausweiten. Die beiden Kunststoffe gehören zur Gruppe der Polyurethane. TDI ist ein Weichschaum, aus dem u.a. Fahrzeugsitze, Matratzen oder Bürostühle hergestellt werden. MDI wird vornehmlich für Dämmplatten verwendet. In beiden Fällen soll Phosgen als Zwischenprodukt eingesetzt werden; die Substanz, die bereits im Grammbereich tödlich wirken kann, wurde im 1. Weltkrieg als Kampfgas verwendet und gilt als eine der giftigsten Industrie-Chemikalien überhaupt.
Weit vorangeschritten ist die Planung in Dormagen, wo die TDI-Produktion von derzeit 60.000 auf 300.000 Jahrestonnen ausgeweitet werden soll. Der aus 24 Aktenordnern bestehende Genehmigungsantrag wurde im Frühjahr bei der Bezirksregierung Köln eingereicht und lag im Juni zur öffentlichen Einsichtnahme aus. Im Oktober findet in Dormagen der Erörterungstermin mit Beteiligung der Bevölkerung statt. 2014 soll die 150 Millionen Euro teure Anlage in Betrieb gehen.

Muster-Einwendung
Aus dem Desaster um die Kohlenmonoxid-Pipeline, die wegen der öffentlichen Proteste auch fünf Jahre nach Baubeginn nicht in Betrieb gegangen ist, hat BAYER offenbar gelernt. Der Konzern kommunizierte deutlich mehr Informationen als bei früheren Projekten, insbesondere zum Umfang der eingesetzten Chemikalien. Zudem kommt BAYER einer jahrzehntelangen Forderung der Umweltverbände nach: erstmals sollen die gefährlichsten Teile der Fabrik, die bislang im Freien standen, mit einer Schutzhülle versehen werden. Forderungen nach einer solchen Einhausung gibt es bereits seit den 80er Jahren. Der jetzt angekündigte Schritt stellt einen wichtigen Erfolg für die Umweltbewegung dar, denn auch künftige Anlagen werden hinter diese verbesserte Sicherheits-Technik kaum zurückfallen können.
Dennoch kritisiert die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) die Planungen. Angesichts einer Lebensdauer von bis zu 40 Jahren würde die TDI-Anlage über Jahrzehnte hinweg den risikoreichen Einsatz von Phosgen sowie die umweltschädliche Chlorchemie insgesamt zementieren. Zudem weist die Fabrik nicht den notwendigen Abstand zur Werksgrenze auf.
Die CBG veröffentlichte daher Anfang Juli eine sechsseitige Muster-Einwendung und rief die Bevölkerung zu weiteren Stellungnahmen auf. Die örtliche Presse berichtete umfangreich, zahlreiche Anfragen von Anwohnern gingen ein, und mehrfach wurden Vertreter der CBG zu Diskussionen eingeladen. Mindestens 50 Einzelpersonen reichten daraufhin eigene Einwendungen ein. Auch der Umweltverband BUND, die Grünen in Dormagen und in Monheim sowie die benachbarte Stadt Monheim beteiligten sich an dem Verfahren mit kritischen Stellungnahmen.

worst case-Szenarien fehlen
Kernpunkt der Kritik sind die Risiken hochgiftiger Chemikalien, die in riesigen Mengen zum Einsatz kommen sollen. Laut Antragsunterlagen werden sich in der Anlage zu jedem Zeitpunkt 60 Tonnen Phosgen, 25 Tonnen Ammoniak, 2.900 Tonnen TDI und mehr als Tausend Tonnen Dichlorbenzol befinden. Pro Jahr sollen 365.000 Tonnen Phosgen, 260.000 to Chlor und 105.000 to Kohlenmonoxid eingesetzt werden. Dennoch fehlen in den Antragsunterlagen jegliche worst case-Studien für den Fall eines Austritts größerer Mengen Chemikalien. Existierende Szenarien, die für Phosgen eine Gefährdung in einem Abstand von mehreren Kilometern errechnen, werden erst gar nicht erwähnt.
Wörtlich heißt es daher in der Stellungnahme der CBG: „In den Antragsunterlagen wird die Möglichkeit eines Austritts großer Mengen Phosgen oder TDI nicht berücksichtigt. Auch wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit eines solchen Vorfalls relativ gering ist, muss sie aufgrund der potentiell katastrophalen Auswirkungen unbedingt untersucht werden. Nicht nur der GAU von Fukushima, sondern auch die Störfälle bei Bayer Baytown (2006), Bayer Institute (2008) oder INEOS Dormagen (2008) zeigen, dass sich Störfälle nicht an vorhersehbare Abläufe halten. Daher muss auch für unwahrscheinliche Szenarien Vorsorge getroffen werden“.
Außerdem fordert die Coordination zusätzliche Schutzmaßnahmen für den Fall einer Beschädigung der Einhausung von außen oder im Fall einer Explosion innerhalb der Schutzhülle. Ein solcher Schutz wäre z.B. durch Einsprühen von Ammoniak-Dampf zu erreichen, womit sich Phosgen neutralisieren ließe. Bei bestehenden Anlagen sind Düsen angebracht, aus denen im Fall eines Phosgen-Austritts konzentrierte Ammoniaklösung herausschießt. BAYER verzichtet wegen der Einhausung auf diesen zusätzlichen Schutz. Wegen der extremen Gefährlichkeit von Phosgen fordert die CBG jedoch ein solches doppeltes Sicherheits-System. Notwendig sind zudem Phosgen-Detektoren in verschiedenen Abständen zur Anlage, die kontinuierlich in der Leitwarte überwacht werden, so dass notfalls die Bevölkerung gewarnt werden kann.

ungenügender Abstand
Rund 300 Meter von der Anlage entfernt liegt die Werksgrenze, an der sich u.a. eine Haltestelle der S-Bahn und eine viel befahrene Straße befinden. Die nächst gelegene Wohnbebauung liegt 1 km entfernt. Die jüngsten Empfehlungen der vom Bundesumweltministerium eingesetzten Kommission für Anlagensicherheit legen für Phosgenanlagen jedoch einen Mindestabstand von 1.500m zu bewohnten Gebieten fest. Viele Experten fordern sogar noch größere Entfernungen. Der Abstand von 1.500m muss daher dringend eingehalten werden.
Auch fehlt in den Antragsunterlagen jeglicher Hinweis auf vorhergehende Störfälle in der TDI-Produktion. Zwar heißt es in dem Antrag, dass BAYER „weltweit lange Betriebserfahrung mit Anlagen gleicher Art“ besitzt. Unerwähnt bleibt jedoch z.B. die schwere Explosion im September 2006 in einem texanischen BAYER-Werk, bei der ein mit TDI gefüllter Reaktor in die Luft flog und mehrere Tonnen giftiger Chemikalien austraten. Mehr als 20 Arbeiter wurden verletzt. Die beauftragten Gutachter stellten eine „grobe Fahrlässigkeit“ der Werksleitung fest, der Störfall hätte demnach verhindert werden können. Die CBG hat das Gutachten online gestellt und der Einwendung beigelegt.
1997 kam es in Dormagen zu einer schweren Explosion in der TDA-Produktion, als ein Reaktor explodierte und giftige Stoffe bis über die Werksgrenze spritzten. TDA ist ein Vorprodukt von TDI. Der Störfall von 1997 spielte eine wichtige Rolle in dem gescheiterten Genehmigungsverfahren für eine TDI-Anlage in Taiwan, die wegen Sicherheits-Bedenken letztlich nicht gebaut wurde.
Die Explosion von 2006 und die vorherigen Störfälle sind ein Beleg dafür, dass für größere Schäden innerhalb der Einhausung Vorsorge getroffen werden muss. Auch muss BAYER erläutern, wie Domino-Effekte mit benachbarten Anlagen oder Pipelines ausgeschlossen werden können. Ein solcher Domino-Effekt führte 2008 zu dem verheerenden Brand bei INEOS Dormagen (der früheren BAYER ERDÖLCHEMIE). Damals griff das Feuer einer defekten Pipeline auf einen Chemikalien-Tank über. Rund um die geplante TDI-Anlagen befinden sich ebenfalls zahlreiche Chemikalien-Lager, Rohrleitungen und störfallgefährdete Anlagen.

giftige Emissionen
Der Betrieb der Anlage würde zu direkten Emissionen in die Luft von 163 Tonnen Schwefeldioxid, 13 t Staub, 65t Kohlenmonoxid und 20t Salzsäure führen. Zudem entstehen in der Anlage jährlich 10.900 Tonnen Sondermüll. Diesen will BAYER in Kraftwerken als Brennstoff verfeuern, was zu deutlich höheren Emissionen führen würde als die Verbrennung in einer Sondermüllverbrennungsanlage.
Insgesamt ist die Produktion von TDI extrem energieaufwendig. Für jede Tonne TDI entstehen rund 5 Tonnen Kohlendioxid. Dennoch fehlt in den Antragsunterlagen eine Schadstoff- und Klima-Bilanz für den kompletten Herstellungsprozess.
Flugzeug-Abstürze werden in dem Antrag bewusst ausgeklammert. Dies ist angesichts der zahlreichen Flugbewegungen in der Rheinschiene nicht zu tolerieren. Für die Anlage müsste ein weiträumiges Überflugverbot gelten, oder aber die geplante Schutzhülle müsste dem Absturz eines Verkehrsflugzeugs oder eines militärischen Jets widerstehen.

getrennte Verfahren
Der BUND weist in seiner Einwendung auf eine Vielzahl weiterer Probleme hin, u.a. auf die geplante Einleitung von Salzen in den Rhein, die hohe Wasser-Entnahme und eine fehlende Energie-Bilanz. Insbesondere kritisiert der BUND die Splittung des Genehmigungsverfahrens: für die drastische Erweiterung der TDI-Herstellung müssen auch neue Anlagen zur Produktion gefährlicher Stoffe wie Salzsäure, TDA und Kohlenmonoxid gebaut werden. Dies führt zu weiteren Emissionen und Störfall-Risiken. Hierfür wurden eigene, z.T. zeitverschobene Genehmigungsverfahren angestrengt, was die Übersicht über die gesamte Umweltbelastung praktisch unmöglich macht. Nach Auffassung des BUND wird hierdurch die Arbeit von Einwendern und Umweltverbänden bewusst erschwert. Zudem verlangt die seit 2010 gültige EU-Richtlinie für Industrieemissionen (IED), dass alle Teilvorhaben größerer Anlagen gemeinsam untersucht werden.
Die Stadt Monheim nennt in ihrer Stellungnahme zahlreiche von der CBG monierte Probleme, insbesondere den mangelnden Abstand der Anlage zur Werksgrenze und fehlende worst case-Szenarien. Die Stadt fordert die Genehmigungsbehörden auf, angesichts der langen Laufzeit der Anlagen regelmäßig zu prüfen, ob phosgenfreie Verfahren zur TDI-Produktion vorliegen und ggfs. eine Umrüstung vorzuschreiben. Auch fordert die in Windrichtung gelegene Stadt den Bau von Hochleistungs-Sirenen zur Warnung der Bevölkerung.

öffentliche Erörterung
Grundsätzlich sollte der Einsatz hochgefährlicher Stoffe wie Phosgen möglichst vermieden werden. Wenn dies unter keinen Umständen möglich ist, so müssen zumindest maximale Sicherheitsvorkehrungen gelten. Dies ist bei den bisherigen Planungen nicht der Fall.
Die Chemie-Industrie ist zudem aufgefordert, risikolosere Produktionsmethoden zu entwickeln und energieintensive Produkte wie TDI und MDI mittelfristig durch ökologischere Stoffe zu substituieren. BAYER hat nach eigenen Angaben an alternativen Verfahren zur Produktion von Polyurethanen gearbeitet und hält hierzu eine Reihe von Patenten. Einen großtechnischen Einsatz phosgenfreier Verfahren bezeichnet das Unternehmen als zu aufwendig.
BAYER hat jüngst angekündigt, in Dormagen ein Forschungslabor für Kunststoffe zu bauen. Nach Auffassung der Coordination gegen BAYER-Gefahren sollte das Unternehmen alle Anstrengungen darauf konzentrieren, phosgenfreie Verfahren zur Serienreife zu bringen. Zur Bekräftigung dieser Forderung hat die CBG zusammen mit der Initiative RETTET DEN REGENWALD mehr als 12.400 Unterschriften gesammelt.
In der öffentlichen Erörterung am 5./6. Oktober wird die Coordination gemeinsam mit dem BUND sowohl die grundsätzliche Kritik an der Phosgen-Chemie als auch die speziellen Probleme der geplanten TDI-Anlage diskutieren. In der gegenwärtigen Form hält die CBG den Antrag von BAYER für nicht genehmigungsfähig.