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Hauptversammlung 2011

Westfälische Rundschau, 29. April 2011

Duogynon-Opfer : Jahrelanger Kampf um die Wahrheit

Köln. Mehr als 30 Jahre sind vergangen, seit sich Carmen Scholz (58) aus Lüdenscheid mit dem Pharmakonzern Schering angelegt hat: Seit ihr Sohn Markus 1975 mit einem verkrüppelten Arm zur Welt kam – und sie jahrelang (aber vergebens) um Akteneinsicht kämpfte. Ihr damaliger Verdacht – und der von rund 300 anderen Eltern: Das Hormonpräparat Duogynon sei dafür verantwortlich, dass Kinder mit Missbildungen wie Verstümmelungen an Händen und Füßen, offenem Rücken, Wasserköpfen und Schäden im Blasen- und Genitaltrakt zur Welt kamen. Am Freitag nahm die 58-Jährige ihren Kampf wieder auf: Mit rund 40 anderen betroffenen Müttern, Vätern und Kindern verteilte sie vor der Hauptversammlung der Bayer AG, dem Rechtsnachfolger Scherings, Flugblätter, um die Aktionäre auf das Thema aufmerksam zu machen. Die jedoch brachten dafür kaum Interesse auf...

Schon früh am Morgen hatten die „Duogynon-Opfer“, wie sie selbst bezeichnen, Stellung bezogen vor der Köln-Messe. An ihrer Spitze: der 34-jährige Grundschullehrer Andre Sommer aus dem Allgäu, der mit einer Klage gegen den Pharmakonzern 2010 den Stein wieder ins Rollen gebracht hatte. „Es ist unglaublich, was seitdem passiert ist“, sagte er. „In zehn Monaten habe ich 3500 E-Mails und Briefe erhalten. “ Bis heute hätten sich 364 mutmaßliche Geschädigte bei ihm gemeldet. Und alle hätten nur einen Wunsch: „Wir wollen endlich Gewissheit haben. Wir wollen nur wissen, woher unsere Behinderung stammt.“ Deshalb hatte er Bayer bereits schriftlich angeboten, auf alle Schmerzensgeld- und Schadensersatzansprüche zu verzichten, wenn er Akteneinsicht erhalte. Auch das vergebens. Bayer ging auf keinen Vergleich ein – und siegte im Januar vor dem Landgericht Berlin. Begründung: Die Schadenersatzansprüche seien seit 2005 verjährt. Sommer legte Berufung ein, nun geht das Verfahren in die nächste Runde.
„Wir sind nicht verjährt“, stand auf den T-Shirts, die die Betroffenen gestern trugen. In Flugblättern warben sie um Stimmen für einen Gegenantrag, den Sommer und der Kleinwüchsige Wolf-Dietrich Molzow stellten: Vorstand und Aufsichtsrat sollten solange nicht entlastet werden, bis das Unternehmen Auskunft über die Nebenwirkungen von Duogynon gebe.
Doch immer wieder scheiterten die Opfer schon zuvor bei dem Versuch, für Verständnis zu werben. „Nur schnell weg, nur keinen anschauen, bloß nicht mit jemandem reden“, schienen Hunderte von ihnen zu denken, als die Demonstranten am Morgen den Weg zum Eingang säumten. Viele schüttelten nur den Kopf, als die Initiativler ihnen den Handzettel geben wollten. „Interessiert mich nicht“, hieß es. Andere nahmen das Blatt geradezu missmutig und gaben zu: „Fliegt gleich eh wieder in den Papierkorb.“

Wenig Interesse bei den Aktionären
Anita Crump (65), deren Tochter vor 36 Jahren mit Missbildung an Blase und Wirbelsäule und Klumpfuß zur Welt kam, war entsetzt. „Wenn ich sehe, wie die Menschen hier an uns vorbeigehen und so tun, als gehen die Probleme sie nichts an, das erschüttert mich“, gab sie zu.
Nur wenige der Aktionäre blieben stehen und ließen sich auf ein Gespräch ein. Und nur die allerwenigsten hatten Verständnis wie die Rheinländerin Ingrid Meding-Arnd (76), die selbst einmal bei dem Konzern gearbeitet hatte: „Ich bin schon der Meinung, dass Bayer Akten-Einsicht geben muss“, sagte sie. „Und ich finde es immer richtig, zu protestieren.“
Auch Peter Schröder, SPD-Vorsitzender in Uerdingen, ließ sich auf eine Diskussion ein - wenngleich ihm das Thema Kraftwerk und Investitionen wichtiger war. „Der Wohlstand, den wir haben, der hat doch auch etwas mit dieser Firma zu tun!“ betonte er. Der 60-jährigen Elke Fuchs, deren Sohn mit nur einem Auge zur Welt kam und motorische Störungen hat, verschlug es darauf fast die Sprache. „Ich habe keinen Wohlstand durch Bayer“, sagte sie, „ich habe ein behindertes Kind.“
Viele Frauen, die Duogynon zwischen 1950 und 1978 als Schwangerschaftstest oder zur Behandlung ausbleibender Monatsblutungen verschrieben bekommen hatten, haben sich ihr Leben lang Vorwürfe gemacht, die Tabletten genommen zu haben. Auch die Mutter von Andre Sommer. Wenn Bayer nichts zu verheimlichen habe, meint der 34-Jährige, könne man doch auch Einblick in die Unterlagen geben. „Lassen Sie uns die Akte Duogynon endlich schließen und das Thema beenden“, appellierte er bei der Hauptversammlung. „Geben Sie der Wahrheit eine Chance.“

Proteste gegen Pestizide und die Pille
Die „Duogynon-Opfer“ waren nicht die Einzigen, die sich am Freitagmorgen aus Anlass der Bayer-Hauptversammlung vor dem Kölner Messe-Eingang einfanden.
Demonstranten protestierten auch gegen Bayer-Pestizide, die verantwortlich für das Bienensterben seien, gegen Tierversuche, gegen die Kohlenmonoxid-Pipeline durch NRW, gegen gentechnische Kontaminationen von Bayer und gegen die Antibabypille Yasmin, die Ursache für schwere Lungenembolien sei. Katja Sponholz