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STICHWORT BAYER 02/03 2010

Pharma-Opfer auf BAYER-HV

„Lassen Sie keine jungen Frauen mehr sterben!“

15 KritikerInnen machten die BAYER-Hauptversammlung am 30. April 2010 zu einem Tribunal gegen die menschenverachtende Unternehmenspolitik. Besonders viel Belastungsmaterial lieferten dabei die Anklageschriften der Pharma-Opfer.

Von Jan Pehrke

Die Geschäftspolitik BAYERs misst sich in Zahlen. All das, was sich nicht in Ziffern von 0 bis 10 ausdrücken lässt, findet keinen Eingang in die Bilanz. So gibt es kein Register für die Risiken und Nebenwirkungen profit-orientierten Wirtschaftens. Die Produktion von Kunststoff und die Produktion von klima-schädigendem Kohlendioxid, die Produktion von Pestiziden und die Produktion von Vergifteten, die Produktion von Arzneistoffen und die Produktion von Pharma-Opfern - das führt der Geschäftsbericht nicht zusammen auf, obwohl es zusammen gehört.

Nur die alljährliche Hauptversammlung eröffnet die Möglichkeit zu dieser Art der doppelten Buchführung. Allerdings nicht ganz freiwillig und entgegen ihrer eigentlichen Bestimmung. Aber wer immer im Gewande eines Aktionärs auftritt, der kann eine ganz andere „Soll und Haben“-Rechnung aufmachen. Und so zwingt ausgerechnet das Aktienrecht den Konzern-Vorstand dazu, den Opfern ihres Gewinnstrebens ins Gesicht zu sehen.

Darum mussten die Manager am 30. April den Anblick von Felicitas Rohrer ertragen. Die Tiermedizinerin hatte nach der Einnahme des Kontrazeptivums YASMINELLE eine Lungenembolie erlitten und wäre daran fast gestorben. Die Verhütungsmittel, die BAYER-Chef Werner Wenning in seiner Eröffnungsrede als Beispiel für Konzern-Entwicklungen pries, „die die Therapie in ihrer jeweiligen Indikation revolutioniert haben“, hat die 25-jährige am eigenen Leib so erlebt: „Am 11. Juli 2009 war ich zufällig mit meinem Freund in Freiburg. In der dortigen Universität wurde mir plötzlich schwindlig, bevor ich ohnmächtig zusammengesackt bin. Mein Freund konnte mich gerade noch auffangen, und es gelang ihm nach einiger Zeit, mich aus der Ohnmacht zurückholen. Aber ich hatte furchtbare Schmerzen, ein enormes Druckgefühl auf dem Oberkörper, und ich konnte kaum noch atmen (...) Der Notarzt ließ mich sofort in die Uniklinik einliefern. Dort haben im Schockraum bereits etwa fünfzehn Ärzte auf mich gewartet. Mir wurden die Kleider vom Leib geschnitten. Die Schmerzen wurden so stark, dass ich nicht mehr liegen bleiben konnte. Dann weiß ich bis zum nächsten Tag nichts mehr“.

„Doppelte Lungenembolie“ war die Diagnose und die Prognose entsprechend düster: Die ÄrztInnen bezeichneten das Überleben der jungen Frau als ein Wunder. Allerdings ist Felicitas Rohrer schwer gezeichnet. Ihre Venen transportieren das Blut nicht mehr richtig, weshalb sie Stützstrümpfe tragen und einmal die Woche zur Lymph-Drainage muss. Herz und Lunge arbeiten nur noch eingeschränkt, und Narben überziehen den Körper. Ihren erlernten Beruf als Tierärztin kann sie nicht ausüben, und auch ihren Kinderwunsch musste sie begraben. „Ich stand mitten im Leben, und ihre Pille hat mich da herausgerissen, mir Qualen und unerträgliche Schmerzen zugefügt und mich geschädigt hinausgespuckt in ein neues Leben“, klagte Felicitas Rohrer an.

Es war eine Pille, der BAYER in der Werbung allen Anschein eines Medikamentes genommen hatte. Als Lifestyle-Präparat mit angeblich hautfreundlicher und gewichtsneutraler Wirkung pries der Konzern sein Produkt an. Am Anfang ihrer Rede zitierte Felicitas Rohrer diese Reklamesprüche, weil es gerade dieser „Feel-Good-Faktor“ war, der ihr zum Verhängnis wurde. YASMINELLE & Co. entziehen dem Körper wegen des in Aussicht gestellten „Figur-Bonus‘“ nämlich Wasser, was das Blut verdickt und das Thrombose-Risiko erhöht. „Wann werden Sie etwas unternehmen und die Pillen der dritten und vierten Generation vom Markt nehmen“, fragte das Pharma-Opfer deshalb und appellierte an den Vorstand: „Lassen Sie keine jungen Frauen mehr sterben. Mein Leben haben Sie schon zerstört!“.

Und Felicitas Rohrer ist kein Einzelfall. Dafür stand an diesem Tag Kathrin Weigele. „Ich bin heute hier, um auch anderen Betroffenen ein Gesicht zu geben“, erklärte sie auf dem RednerInnen-Pult und berichtete den AktionärInnen, auf welche Weise sie im Alter von 24 Jahren durch die Pille YASMIN ebenfalls beinahe aus dem Leben gerissen wurde. Die Frauenärztin hatte ihr die Pille wegen der angeblich positiven Effekte auf Haut und Gewicht empfohlen. „Die Folgen dieser Entscheidung: eine schwere beidseitige Lungenembolie, durch die sich ein lebensgefährlicher Lungenhochdruck entwickelte, sowie eine damit verbundene Rechtsherz-Belastung mit der Gefahr akuten Herzversagens“, so Weigele. Die angehende Juristin, die ebenso wie Felicitas Rohrer noch immer an der Nebenwirkung „Lungenembolie“ zu leiden hat, zitierte eine Vielzahl von Studien und Untersuchungen als Beleg für die besondere Gefährlichkeit der Mittel aus der YASMIN-Familie und wollte vom Vorstand wissen: „Wie können Sie angesichts solcher Ergebnisse weiterhin von einem positiven Nutzen-/Risikoprofil von YASMIN ausgehen? Wie erklären Sie sich dann, dass nun auf Veranlassung europäischer Arzneimittelbehörden sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland der Beipackzettel geändert (...) werden muss?“. Mit der Aufforderung an die BAYER-Manager, auf die Betroffenen zuzugehen und sie bei der Problem-Bewältigung zu unterstützen, beendete Kathrin Weigele ihre Rede.
Aber nicht nur die Verhütungsmittel, auch andere Pharma-Produkte des Multis haben es in sich. Der Engländer John Santiago führte das der Hauptversammlung eindrucksvoll vor, indem er auf die Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Konzerns hinwies, ganz ohne die Sprach-Barriere überwinden zu müssen. Santiago deutete auf die Bühnendekoration mit dem weithin sichtbaren BAYER-Leitsatz „Science for a better life“ und hielt dann seine Hand mit zwei Finger-Stümpfen hoch. Diese Missbildung rührt von dem hormonellen Schwangerschaftstest PRIMODOS der heute zu BAYER gehörende Firma SCHERING her, den seine Mutter Ende der 60er Jahre verwendete. Tausende Babys starben dadurch unmittelbar nach der Geburt, wenn sie nicht schon im Mutterleib verendeten oder kamen mit schweren Missbildungen zur Welt. „Wann wird BAYER SCHERING die Verantwortung für diesen Fehler übernehmen?“, fragte der Brite die Vorstandsriege und forderte eine Entschädigung der Opfer.

Eine solche verlangte ebenso - wie bereits im letzten Jahr - der PRIMODOS-Geschädigte Karl Murphy von der ASSOCIATION OF CHILDREN DAMAGED BY HORMONE PREGNANCY TESTS. Nach seinem Auftritt auf der Hauptversammlung 2009 hatte der Pharma-Riese Murphy gebeten, ihm Dokumente zu seinem Fall zuzusenden. Das tat der Engländer auch - geschehen ist aber bislang nichts. Dafür wollte der 37-Jährige, der wie John Santiago deformierte Gliedmaßen hat, nun eine Erklärung. Zudem legte er der Hauptversammlung neues Beweismaterial vor. So entsprach die Hormon-Dosis von PRIMODOS derjenigen von zwei bis drei Packungen Antibaby-Pillen. „Was würden Sie sagen, wenn ihr Doktor Ihnen zwei bis drei Packungen Antibaby-Pillen als Schwangerschaftstest verschreiben würde?“, fragte der Liverpooler Wenning & Co. und wartete die Reaktion nicht ab: „Ich denke, wir alle kennen die Antwort. Nur die Verantwortlichen von BAYER beharren darauf, dass diese Hormon-Menge unbedenklich für den Fötus ist“. Und BAYER tut das nicht nur entgegen der Urteile des „British Committee on Safety of Medicines“ und großer Studien, sondern sogar in Verleugnung des eigenen Beipackzettels. Darauf heißt es laut Murphy nämlich: „Es besteht die Möglichkeit eines Zusammenhangs zwischen der Verwendung von PRIMODOS in der frühen Schwangerschaft und einer erhöhten Gefahr von Fehlbildungen. Wegen dieser möglichen Folgen darf PRIMODOS nicht in der Schwangerschaft eingenommen werden.“

Die Existenz eines solchen Beipackzettels bestritt Werner Wenning nicht, wohl aber dessen Aussage. SCHERING habe den Warnhinweis 1975 auf Drängen der Behörden ergänzt, „obwohl das Unternehmen nicht der Auffassung war, dass ein Zusammenhang zwischen PRIMODOS und den Fehlbildungen besteht“, so der BAYER-Chef. Und dieser Auffassung ist der Vorstandsvorsitzende auch heute noch nicht. Er sagte Karl Murphy auf den Kopf zu: „Wir schließen PRIMODOS als Ursache für Ihr Leiden aus“. Für das Wenning ihm ansonsten sein Mitgefühl aussprach. „Wir haben Ihnen schon im vergangenen Jahr deutlich gemacht, wie sehr wir ihr Schicksal bedauern“, erklärte der BAYER-Boss.

Nach diesem Schema - salbungsvoll-verbindlich in der persönlichen Ansprache, unnachgiebig in der Sache - waren auch die Antworten auf die Fragen der anderen Pharma-Opfer gestrickt. „Lassen Sie uns zuerst sagen, wie sehr wir Ihr Schicksal bedauern“, bekam John Santiago zu hören - und gleich danach eine Ableugnung der fatalen Nebenwirkungen des Schwangerschaftstests. Das Schicksal Kathrin Weigeles machte den BAYER-Chef ebenfalls betroffen. Er fing sich allerdings schon recht bald wieder und stellte klar, „dass nicht feststeht, ob die Erkrankung wirklich auf unser Produkt zurückzuführen ist oder nur ein zeitlicher Zusammenhang besteht“. An den von ihr angeführten Untersuchungen zum erhöhten Lungenembolie-Risiko der YASMIN-Pille zweifelt Wenning nach wie vor, während er nicht einsehen will, warum an den entlastenden Ergebnissen einer Studie zu zweifeln ist, die BAYER selbst in Auftrag gegeben hat: „Die Validität wird dadurch in keinster Weise berührt“. In der „Aktualisierung“ der Packungsbeilage mochte er so wenig wie im Fall „PRIMODOS“ ein Schuldeingeständnis sehen. In seiner Reaktion auf die Rede Felicitas Rohrers gestattete sich Werner Wenning vorab gleichfalls einige persönliche Worte über die Last von Krankheiten, aber seine Anteilnahme überdauerte dann nicht mal den Satz. „Ich verstehe sehr gut, dass Sie Antworten suchen“, setzte er an, um der Frau dann zu erklären, „dass Sie die Antwort hier nicht finden können“. Hier hieß es nämlich: „Wir stehen hinter der YAZ-Familie“ und „Das positive Nutzen/Risiko-Profil besteht unverändert fort“. Darum versicherte der Große Vorsitzende seinen AktionärInnen auch, mit Nachdruck daran arbeiten zu wollen, den Trend umzukehren, der - durch die Negativ- Schlagzeilen ausgelöst - vor allem in den USA zu massiven Umsatzeinbußen für YASMIN & Co. geführt hat.

Freundliche Unterstützung erhielt Wenning dabei von der Betriebsrätin des Wuppertaler Pharma-Werkes, Gudrun Kiesler. Die Chemie-Gewerkschaftlerin bekannte sich in der AktionärInnen-Versammlung eindeutig zu den Pillen, sprach den Entlastungsstudien blind ihr Vertrauen aus und bezeichnete die Krankengeschichten Felicitas Rohrers und Kathrin Weigeles als bedauerliche Einzelfälle. Von Felicitas Rohrer nach ihren Einlassungen zur Rede gestellt, beschied Kiesler den Pharma-Opfern allen Ernstes, sie hätten sich ja vorher über die Risiken und Nebenwirkungen des Medikamentes informieren können.
Es war an Axel Köhler-Schnura von der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG), diesen erbärmlichen Akt der Sozialpartnerschaft öffentlich zu geißeln. „Was die Betriebsrätin aus dem BAYER-Werk Wuppertal, Frau Kiesler, vorhin hier am Mikrofon angesichts des Leids der Opfer von YASMIN und deren Angehörigen von sich gegeben hat, und das auch noch im Wissen um die weltweiten Schlagzeilen zum BAYER-Medikament LIPOBAY, die vielen Todesopfer von ASPIRIN und die tödlichen BAYER-Bluter-Pharmazeutika, für das gibt es leider nur einen Kommentar: Unterste Schublade!“

Damit demonstrierte der CBG-Vorständler auch gleich, dass es sich bei den jüngsten Pharma-GAUs nicht um Einzel-Ereignisse handelt, sie vielmehr in einer langen, vom Profitstreben begründeten Tradition stehen. Aus dieser Erfahrung heraus wusste er bereits, wie Wenning auf die Reden der Opfer reagieren würde und kritisierte das im Vorgriff äußerst treffend: „Und noch schändlicher ist es, Herr Wenning, wenn der Konzern das Ganze noch regelmäßig toppt, indem er nach Eintritt der Schadens- und Todesfälle jede Verantwortung leugnet, die Opfer oftmals sogar verhöhnt und Entschädigungen für die Opfer und deren Angehörigen grundsätzlich verweigert“.

Das tat der Konzernlenker nicht nur in Sachen „YASMIN“ und „PRIMODOS“. Zwischenfälle bei aus Kostengründen in die „Dritte Welt“ verlegten Arzneimitteltests leugnete er schlichtweg ab. Den Imkern Christoph Koch und Manfred Gerber gegenüber, die über die Verluste Tausender Bienenvölker durch BAYER-Pestizide klagten, brachte er wieder den Textbaustein „Es besteht kein Zusammenhang zwischen ...“ in Anschlag. Auch die Rede Antje Kleine-Wiskotts vom DACHVERBAND DER KRITISCHEN AKTIONÄRINNEN UND AKTIONÄRE veranlasste ihn nicht dazu, seine Meinung über die Gefährlichkeit der Ackergifte zu ändern: „Wir sind davon überzeugt, dass unsere Produkte sicher sind“. Und Warnungen vor den Risiken und Nebenwirkungen neuer Projekte wie der geplanten Kohlenmonoxid-Pipeline und der unlängst in Betrieb genommenen Nanotechnologie-Pilotanlage hielt er für gegenstandlos.

Dank soviel Ignoranz und Gnadenlosigkeit musste Axel Köhler-Schnura die Jubelarien konterkarieren, die Werner Wenning zu seinem Abgang nach acht Jahren als Vorstandsvorsitzender gewidmet wurden. „Herr Wenning, ich kann nur sagen, Sie mögen sich für die Profite des Konzerns einen Namen gemacht haben, aber für die Belegschaften, für die Allgemeinheit und für die Umwelt haben Sie großen Schaden angerichtet“, bilanzierte Köhler-Schnura. Und Wennings Nachfolger Marijn Dekkers forderte der Diplom-Kaufmann zu einer Umkehr auf: „Andernfalls, Herr Dekkers, können Sie sich zwar im goldenen Schein der Profite sonnen, aber Sie werden den Zorn und die Wut der Beschäftigten, der Menschen und der Kinder und Enkel auf sich ziehen“.

Kritische AktionärInnen belasten Vorstand

BAYER in der Defensive

Nicht nur im Konzernbereich „Pharma“ bot der Leverkusener Multi im Geschäftsjahr 2009 reichlich Anlass zur Kritik. Auch in den Segmenten „Material Science“ und „Crop Science“ tat sich so einiges. Von der Kohlenmonoxid-Pipeline und bienenvergiftenden Pestiziden über geplante CO2-Dreckschleudern und nicht sicherheitsüberprüfte Nano-Anlagen bis zu umstrittenen Gentechnik-Vorhaben reichte die Mängelliste der GegenrednerInnen.

Von Jan Pehrke

Den prominentesten Platz in den Reden der Konzern-KritikerInnen nahm wieder einmal die geplante Kohlenmonoxid-Leitung von Dormagen nach Krefeld ein. Gleich in fünf Stellungnahmen fand die „verflixte Pipeline“, wie sie Dieter Donner zufolge BAYER-intern mittlerweile genannt wird, Eingang. Für den Presse-Koordinator der Bürgerinitiative STOPP BAYER-CO-PIPELINE lässt schon das Ausmaß des Pfusches am Bau Böses über die Sicherheitslage bei einer möglichen Inbetriebnahme ahnen. So hat der Leverkusener Multi an 36 Stellen dünnere Rohre als ursprünglich vorgesehen verwendet, an zehn Stellen anderen Stahl als beantragt verbaut und an über 80 Stellen einen anderen Trassenverlauf als genehmigt gewählt. Zudem versäumte er es, das Gebiet sorgfältig nach Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg zu durchsuchen. Aber nicht nur diese „Ungereimtheiten“ sind es, die Donner gegen das Projekt einnehmen. Er zweifelte generell an dessen Sinnhaftigkeit, zumal das Unternehmen 2004 einen langfristigen Vertrag über CO-Lieferungen mit LINDE abgeschlossen hat, widersprüchliche Aussagen über die angeblich dringend abzuleitenden Kohlenmonoxid-Überkapazitäten in Dormagen macht und den Stoff am Standort Leuna direkt vor Ort produziert. „Warum meinen BAYER und LINDE jetzt in Uerdingen alles anders machen zu können und wollen partout das giftige CO-Gas von LINDE 67 Kilometer durch dichtest besiedeltes Gebiet leiten?“, fragte er den Vorstand.

Was bei diesem Unternehmen schon im Falle einer kleinsten Leckage droht, malte Marlis Elsen der Hauptversammlung aus: „Bei einem 54 Millimeter großen Loch wird (...) mit bis zu fünf Tonnen Gas-Austritt und einer Gaswolke in Form einer Keule von 800 Metern gerechnet“. Die Vertreterin der AnwohnerInnen-Initiative FAMILIENHEIM-SIEDLUNG LEHMKUHLER WEG verstand ebenso wenig wie Dieter Donner, warum der Multi nicht einfach eine CO-Anlage in Uerdingen baut, äußerte aber eine Vermutung. Auf eine Interview-Aussage von BAYER-Sprecher Jörg Brückner Bezug nehmend, wonach der Global Player den Leitungsverbund brauche, um „Reserven einzuspielen“, mutmaßte sie, der Multi wolle die Pipeline aus wirtschaftlichen Gründen als Speicher zur CO-Vorratshaltung nutzen. Für Elsen ein unakzeptables Vorgehen: „Wann endlich begreift der Konzern, dass es nicht darum geht, ob BAYER eine Vernetzung der Standorte braucht oder Wettbewerbsnachteile hat? Es geht darum, dass die Erhöhung der Profite durch diesen Wettbewerbsvorteil auf Kosten unserer Sicherheit erfolgt“.

Und noch dazu klammheimlich. Harald Jochems vom NIEDERRHEINISCHEN UMWELTSCHUTZVEREIN prangerte die desaströse Informationspolitik von BAYER MATERIAL SCIENCE (BMS) an, welche die AnwohnerInnen im Unklaren über die Risiken des Giftgas-Verbundes lasse und damit den Vorschriften der Störfall-Verordnung zuwiderlaufe.

Nach Ansicht von Rainer Kalbe ist ein Konzern, der seine Absichten mit solchen Mitteln „auf Teufel komm raus“ gegen den - hunderttausendfach auf Unterschriftenlisten dokumentierten - Widerstand der Bevölkerung verfolgt, schon von vornherein auf dem Holzweg. „Vielleicht ist es auch so, dass nicht die mehr als 110.000 Menschen in diesem Lande industriefeindlich sind, sondern ein Konzern, der so handelt, menschenfeindlich ist?“, stellte er in den Raum. Eine ehrliche Antwort darauf erwartete Kalbe, der wie Dieter Donner der Bürgerinitiative STOPP BAYER-CO-PIPELINE angehört, ebenso wenig wie auf seine anderen Fragen. Das hatte ihn die letzte AktionärInnen-Versammlung gelehrt. Hatte BAYER-Chef Werner Wenning ihm dort doch versichert: „BMS ist bei dem in die Kritik geratenen Projekt stets nach geltendem Recht vorgegangen“, während zeitgleich wenige Kilometer Luftlinie entfernt das Düsseldorfer Verwaltungsgericht zahlreiche Verstöße gegen den genehmigten Bauplan festgestellt hatte. Diese Erfahrung veranlasste den Aktivisten, auf eine Stellungnahme Wennings zu verzichten. „Sie brauchen Ihre Mitarbeiter hinter der Bühne nicht zu bemühen. Wissen Sie, ich habe einfach keinen Bock mehr auf Märchenstunden“, mit diesen Worten beschloss Kalbe seinen Vortrag.

Werner Wenning nahm das Angebot gerne an. Seine Ausführungen zu den Reden der anderen Pipeline-GegnerInnen zeigten dann, dass Kalbe nicht allzu viel entging. „CO ist kein ungefährliches Gas“, räumte der Ober-BAYER ein, um dann aber flugs zu ergänzen: „Entscheidend ist der richtige Umgang“. Und den pflegt BAYER seiner Meinung nach. Die Sicherheit habe für den Konzern nach wie vor oberste Priorität, bekräftigte Wenning. Daran änderten für ihn auch die Verwendung anderer Stahlsorten und die paar Umwege in der Streckenführung nichts, schließlich habe der TÜV das abgesegnet. „Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass es im Industrieland NRW möglich sein muss, eine solche Pipeline zu bauen und zu betreiben“, sagte der Konzern-Chef und betete das Pipeline-Mantra herunter: „Sie ist symbolträchtig. Sie dient dem Allgemeinwohl. Sie dient dem Standort“.

Unsichere Anlagen
Ebenfalls über alle Zweifel erhaben wähnte Wenning ein anderes Bau-Vorhaben, das in Krefeld von TRIANEL auf dem BAYER-Gelände geplante Kohlekraftwerk, ein kalkulierter Kohlendioxid-Ausstoß von 4,4 Millionen Tonnen änderte daran nichts. Dabei setzte der Leverkusener Multi ursprünglich auf eine umweltschonendere Art der Strom-Gewinnung, wie Harald Jochems dokumentierte. Er zitierte aus einem Planfeststellungsbeschluss, wonach BAYER an dem Standort eine Gas/Wärme-Koppelungsanlage errichten wollte, um „zu einer nachhaltigen Reduzierung der CO2-Emissionen“ zu kommen. Aber letztendlich wählte das Unternehmen die etwas billigere - und umweltschädlichere Alternative. „Hat BAYER die Umstellung auf eine gas-basierte Energie-Erzeugung aufgegeben?“, wollte der Architekt deshalb wissen. Wenning verneinte: Kohle habe am Energiemix des Unternehmens nur einen Anteil von 20 Prozent, Gas hingegen einen von 80 Prozent. Das hörte sich überzeugend an, entsprach aber leider nicht den Angaben des eigenen Nachhaltigkeitsberichts. Nach den dort veröffentlichten Zahlen für die selbst produzierte Energie beträgt das Kohle-Kontingent ca. 37 Prozent!

Den Gefahren eines von BAYER bereits realisierten Großprojektes, eine Produktionsstätte für Nano-Röhrchen namens BAYTUBES, widmete sich Claudia Baitinger vom BUND FÜR UMWELT UND NATURSCHUTZ DEUTSCHLAND (BUND). Obwohl auch diese „Zukunftstechnologie“ mit vielen Risiken behaftet ist - so gibt es Hinweise auf eine asbest-ähnliche Wirkung der Nano-Röhrchen - blieb der Fabrik eine Umweltverträglichkeitsprüfung erspart. Der Multi hatte sie kurzerhand als Pilotanlage deklariert und musste deshalb nur die Auflagen des Baurechts erfüllen. Ein Etikettenschwindel, wie Baitinger befand. Über einen bloßen Testlauf ist das Nano-Werk mit einer Kapazität von 200 Jahrestonnen nämlich bereits weit hinaus. Die Sprecherin des BUND-Landesarbeitskreises „Technischer Umweltschutz“ zitierte dazu aus der Eröffnungsrede Werner Wennings und aus einer Konzern-Veröffentlichung, in der es hieß: „Vor diesem Hintergrund hat BAYER MATERIAL SCIENCE bereits früh die Weichen für eine industrielle Herstellung von BAYTUBES gestellt“. Claudia Baitinger zählte mit dem Arbeitsschutz- und Chemikalien-Gesetz, der Gefahrstoff-, Altstoff- und der Biozidmelde-Verordnung, der EU-Biozid- und Arbeitschutzrichtlinie die Regelungen auf, die laut „Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin“ im Umgang mit Nano-Materialien zu beachten sind, und fragte anschließend: „Sind die Verantwortlichen wirklich davon überzeugt, dass das alles im Baurecht abzuhandeln ist?“. Und wie nicht anders zu erwarten, waren sie das. „Die Anlage läuft auf höchstem Sicherheitsniveau“, konstatierte Wenning und bezeichnete das Vorgehen des Unternehmens bei der Genehmigung als „gesetzeskonform“.

Just dieses „höchste Sicherheitsniveau“ hatte der BAYER-Chef 2008 trotz der von CBG-Geschäftsführer Philipp Mimkes präsentierten Mängelliste auch der Anlage im US-amerikanischen Institute bescheinigt, bis es wenige Monate später zu einer Explosion mit zwei Toten kam. Wären die durch die Luft wirbelnden Teile in die Lager mit der Bhopal-Chemikalie Methylisocyanat (MIC) eingeschlagen, hätte sich die indische Katastrophe von 1984 wiederholen können. „Ganz so unbegründet waren unsere Forderungen also offenbar doch nicht“, stellte Mimkes deshalb jetzt fest. Die nach dem großen Knall eingeleiteten Veränderungen bezeichnete er als einen Schritt in die richtige Richtung; sie gingen ihm allerdings nicht weit genug. Statt einer Reduzierung der auf dem Werksgelände vorgehaltenen MIC-Bestände um 80 Prozent verlangte er eine Umstellung auf Verfahren, die ohne die gefährliche Chemikalie auskommen. Das war mit Wenning allerdings nicht zu machen. Er zählte dem CBGler zwar „weitreichende Maßnahmen“ auf, die BAYER nach dem Unglück zur Verbesserung der Anlagensicherheit durchgeführt hat, diese spezielle erschien ihm dann aber doch zu weitreichend.

Mehr oder weniger weitreichende Maßnahmen dürften auch im thailändischen Map Ta Phut auf den Pharma-Riesen zukommen. Im dortigen Chemie-Park hat die Regierung wegen der hohen Umweltbelastungen nämlich über 60 Fabriken geschlossen und zwei Erweiterungsbauten des Leverkusener Multis gestoppt.

Unsichere Genpflanzen
Vor den Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen hatten Konzern-KritikerInnen den Global Player ebenfalls frühzeitig gewarnt. Auf der Hauptversammlung von 2004 hatte Geert Ritsema von FRIENDS OF THE EARTH EUROPE ein ganzes Bündel von Nebenwirkungen von BAYERs Genreis aufgezählt wie die Bedrohung der Artenvielfalt, erhöhte Pestizid-Ausbringungen und Einkreuzungen in andere Sorten. Der Konzern ignorierte diese Hinweise jedoch - und sah sich 2006 mit dem größten Gen-GAU der Nuller-Jahre konfrontiert: Die haus-eigene Zucht war weltweit in Supermärkten aufgetaucht, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch nirgendwo eine Zulassung für die Laborfrucht vorlag. Aber auch aus diesem Schaden wurde das Unternehmen nicht klug, wie Mimkes kritisierte. Trotz Verurteilungen zu Schadensersatz von über 50 Millionen Dollar an LandwirtInnen, deren Ernte durch den Genreis kontamiert wurde, hält der Leverkusener Multi an seinem Produkt fest. In Russland, Kanada, Argentinien und Brasilien wächst es auf den Feldern, die Philippinen und Südafrika lassen Einfuhren zu, und auch den entsprechenden EU-Antrag zieht BAYER nicht zurück, so rapportierte Wenning Mimkes den Stand der Dinge.

Pleiten, Pech und Pannen dieser Art stellen natürlich eine Herausforderung für die PR-Abteilung des Global Players dar. Aber warum sich die Werbe-Kosten auf fast acht Milliarden Euro belaufen, leuchtete Philipp Mimkes trotzdem nicht ein. Weil er Investitionen im Graubereich wie die Finanzierung von Pharma-ReferentInnen, ÄrztInnen-Kongressen und Anwendungsstudien dahinter vermutete, erbat er eine genaue Aufstellung. Diese konnte seinen Verdacht dann nicht widerlegen, sprach Wenning doch von einem „hohen Betreuungsaufwand“ angesichts der fast 300.000 MedizinerInnen, die es auf die BAYER-Arzneien einzustimmen gelte und großem Bedarf an „Aufklärung“. Den sah der scheidende Vorsitzende in Sachen CO2-Emissionen des in Krefeld geplanten Kohlekraftwerkes nicht. Wiederum betrachtete der BAYER-Chef sich als nicht zuständig und beschied Mimkes, sich an den Bauträger zu wenden.

Die Zuständigkeit für die vom Verfasser dieser Zeilen auf die Tagesordnung der Hauptversammlung gesetzten Verlagerung von Arzneitests in die Länder der „Dritten Welt“ (siehe auch Seite ) bestritt der Konzern-Lenker dagegen nicht. Ein großes Reservoir an armen und deshalb auf Geld angewiesenen ProbandInnen, unschlagbare Preise und eine mangelnde Aufsicht - diese Standortvorteile locken den Pillen-Produzenten dort. Über die Risiken und Nebenwirkungen für die Versuchspersonen schwieg Wenning sich in seiner Antwort auf den Beitrag allerdings aus. Er begnügte sich mit allgemeinen Ausführungen zu hohen Qualitätsmaßstäben, ständigen Kontrollen und versicherte: „Die Einhaltung von Gesetzen ist selbstverständlich“.

Unsichere Pestizide
Die Risiken und Nebenwirkungen von BAYERs Pestizid-Produktion schilderten der Imker Christoph Koch vom BERUFS- UND ERWERBSIMKERBUND und Manfred Gerber vom UMWELTBUND. Die Agrochemikalien stellen nämlich eine existenzielle Bedrohung für die von Gerber als „Leittier einer intakten Kulturlandschaft“ bezeichnete Biene dar. So hat die Saatgut-Beize PONCHO vor zwei Jahren am Oberrhein 12.500 Bienenvölker vergiftet, weshalb in vielen Ländern Verbote erfolgten und hierzulande die Zulassung für Mais-Kulturen einstweilen ruht. Während gesprühte Agrochemikalien bloß die Oberflächen der Pflanzen treffen, dringt PONCHO als „systemisches Pflanzenschutzmittel“ vom Boden her in jede Pore ein. Das „bereitet Bienenzüchtern und Naturschützern auf der ganzen Welt größte Sorgen und ist verantwortlich für einen der größten Umweltskandale durch die chemische Industrie in dieser Dekade“, konstatierte Gerber. Der Leverkusener Multi hatte das auf der letzten Hauptversammlung erwartungsgemäß anders gesehen und auf technische Fehler beim Beiz-Prozess, veraltete Sämaschinen und das Wirken der Varroa-Milbe verwiesen. Nun kam es aber 2009 in Österreich zu neuen Vergiftungen, obwohl die LandwirtInnen beste Beizen und Sägeräte verwendet hatten und weit und breit keine Varroa-Milbe zu sehen war. Darüber verlangte Christoph Koch vom Management Aufschluss: „Nun frage ich Sie, wie Sie sich diese Vergiftungen von 2009 in Österreich erklären können?“. Für ihn selber war der Fall klar: BAYER hat den Wirkstoff nicht im Griff. Dieser Meinung schloss sich Manfred Gerber an. „Um in Zukunft ein großflächiges Aussterben der Bienen und des Nutzinsektenbestandes und ein damit verbundenes Artensterben zu verhindern, fordern wir daher das sofortige Verbot aller systemischen Pestizide, denn diese Erde gehört nicht uns, wir haben sie von unseren Nachkommen geliehen“, lauteten seine Schlussworte. Aber Wenning antwortete in der Manier eines Herren der Welt und wies alle Anschuldigungen von sich. Wiederum waren sich ihm zufolge die ExpertInnen einig, dass die inkriminierten Zustände am Oberrhein, in Österreich und anderswo alle möglichen, bloß keine BAYER-spezifischen Ursachen haben.

Antje Kleine-Wiskott vom DACHVERBAND DER KRITISCHEN AKTIONÄRINNEN UND AKTIONÄRE widmete sich ebenfalls den Mensch, Tier und Umwelt gefährdenden Ackergiften und wollte vom Vorstand wissen, warum er entgegen aller Versprechen seine Agro-Chemikalien der höchsten Gefahrenklasse immer noch nicht vom Markt genommen hat. Diese Unterlassung war für sie allerdings nur ein Beispiel dafür, wie wenig ernst das Unternehmen es mit seinem Bekenntnis meint: „Wir wollen Nachhaltigkeit erreichen - in allem, was wir tun“. Auch das Setzen auf klima-schädliche Kohlekraftwerke und auf eine die Artenvielfalt bedrohende industrielle Landwirtschaft, der immense Wasserverbrauch und der wenig Verantwortung für das Allgemeinwesen erkennen lassende ständig schrumpfende Steuer-Beitrag zeigten für Kleine-Wiskott, wie groß die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist. Die Antworten Wennings konnten den Abstand nicht verringern. An das 1995 gemachte Versprechen bezüglich der chemischen Keulen erinnerte er sich nicht, lediglich an eine Ankündigung, diese „schrittweise durch Präparate mit geringerer Giftigkeit zu ersetzen“. Da sei man halt immer noch dabei, einen Fuß vor den anderen zu setzen, weil es keine „Schwarz/Weiß-Lösung“ gäbe, erläuterte der BAYER-Chef. Seine Einlassungen zu den anderen angesprochenen Punkten fielen nicht überzeugender aus, so dass Kleine-Wiskotts Paraphrasierung der Nachhaltigkeitsmaxime „Wir wollen Profit erreichen - in allem, was wir tun“ der Realität bedeutend näher kam. Und den Schadensbericht dazu wird sich der BAYER-Vorstand auch im nächsten Jahr wieder anhören müssen.