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Antje Kleine-Wiskott

Rede Antje Kleine-Wiskott
Bayer Hauptversammlung 2010

Sehr geehrter Herr Wenning, sehr geehrter Vorstand und Aufsichtsrat, sehr geehrte Damen und Herren!

Mein Name ist Antje Kleine-Wiskott. Ich bin vom Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre.

„Wir wollen Nachhaltigkeit erreichen – in allem, was wir tun.“

Das ist ein Zitat von Ihnen, Herr Wenning. Wir wollten wissen, was hinter dieser Aussage und den schönen Bildern und Ausführungen zu diesem Thema in Ihrem Nachhaltigkeitsbericht steckt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass irgendetwas in diesem Satz nicht stimmt.

Vielleicht müsste er eigentlich heißen:
„Wir wollen Profit erreichen – in allem was wir tun“ oder aber
„Wir wollen Nachhaltigkeit vortäuschen – in allem was wir tun.“ Vielleicht aber auch einfach
„ Wir könnten Nachhaltigkeit erreichen – in allem, was wir tun, wenn wir denn wirklich wollten, wir wollen aber gar nicht wirklich“

Ich denke, es ist von allem ein bisschen etwas Wahres dran, nur eben leider nicht Ihr eigenes Zitat, Herr Wenning. Zumindest kann man Ihnen das nicht abnehmen, wenn man Bayers Anspruch und die Wirklichkeit zum Thema Nachhaltigkeit mal etwas genauer anschaut.

Ich habe ein paar Fragen dazu formuliert.

Zum Thema rechtliche Verurteilungen: Im Geschäftsbericht liest man ab Seite 241 etwas zu rechtlichen Risiken. Dann wird von Auseinandersetzungen und Verfahren gesprochen. Das ist schon sehr beeindruckend, was da alles zu lesen ist und wie viele Klagen Sie am Hals haben. Und ich gehe stark davon aus, dass das nur ein Auszug ist. Meine Frage: Wo finde ich die zahlreichen Verurteilungen aufgelistet, die Bayer bereits erfahren musste?

Zum geplanten Kohlekraftwerk auf dem Bayer-Gelände in Antwerpen: Hier will E.on (wo Sie, Herrn Wenning ja auch im Aufsichtsrat sitzen) ein gigantisches Kraftwerk bauen. Der dortige Stadtrat hat im Herbst sein Einverständnis verweigert. Wir unterstützen die Haltung des Stadtrats wegen der immensen Umweltauswirkungen und fordern von Bayer, keine Energie aus Kohlekraftwerken (vor allem aus neu gebauten) zu beziehen. Meine Frage: Da Bayer das Gelände hier zu Verfügung stellt, können Sie mir bitte über den aktuellen Stand der Planungen zu diesem Kraftwerk Auskunft geben?

Zum Thema Pestizide: Nach wie vor sind zahlreiche hochgiftige Pestizide von Bayer auf dem Markt, vor allem in den Entwicklungsländern. Sie räumen selbst ein, dass ein sachgerechter Umgang mit Pflanzenschutzmitteln unter bestimmten Bedingungen in einigen Ländern nicht immer gewährleistet ist. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt die Zahl der jährlichen Pestizidvergiftungen auf 3 bis 25 Millionen, mindestens 40.000 Fälle pro Jahr verlaufen tödlich. Seit vielen Jahren versprechen Sie, die gefährlichsten Pestizide, nämlich die der Klasse 1, durch Präparate mit geringerer Giftigkeit zu ersetzen. Wann nehmen Sie endlich die Pestizide Klasse 1a („extrem gefährlich“) und 1b („hochgefährlich“) vom Markt? Auf was warten Sie denn da noch? Reichen denn diese Zahlen der WHO nicht aus, um endlich zu handeln? Oder geht es hier doch wieder nur um „Wir wollen Profit, in allem was wir tun“?

Zum Thema Wasserverbrauch: Bayer gibt im Nachhaltigkeitsbericht an, „drohender Wassermangel und die Verknappung fossiler Ressourcen können für Bayer mittelfristig möglicherweise ein Geschäftsrisiko darstellen. Deshalb sind wir bemüht, den Verbrauch von Wasser zu reduzieren.“ Wenn man sich die Zahlenreihe auf S. 83 anschaut, ist da keine deutliche Reduzierung des Wasserverbrauchs erkennbar. Allein der Verbrauch des Leverkusener BAYER-Werks ist rund doppelt so hoch wie der Trinkwasserbedarf der Millionenstadt Köln. Frage: Was tut Bayer ganz konkret, um diesen Verbrauch drastisch zu reduzieren? Welche Maßnahmen gibt es (z.B. Kreislaufverfahren) und welche Zielvorgaben geben Sie sich da selbst für die nächsten fünf Jahre?

Zum Thema Materialeinsatz und Recycling heißt es, Bayer forsch u. a. an neuen Anwendungsmöglichkeiten für nachwachsende Rohstoffe. Fragen hierzu: Können Sie hier Angaben dazu machen, wie viel Prozent des Umsatzes mit Produkten aus erneuerbaren Rohstoffen gemacht werden? Haben Sie für die nächsten fünf Jahre Zielvorgaben in diesem Bereich?

Zum Thema Biodiversität heißt es „Bayer bekennt sich klar zu den Zielen der internationalen „Konvention über die Biologische Vielfalt“ und es werden verschiedene Maßnahmen genannt. Wenn ich jetzt noch mal an Ihren Satz denke, Herr Wenning, „Wir wollen Nachhaltigkeit erreichen – in allem, was wir tun“, erscheint es mir wie Hohn, dass Sie hier Pestizid- und Herbizid-basierte Agrochemie als Artenschutz darstellen. In keiner Weise werden hier all die negativen Aspekte der industriellen Landwirtschaft erwähnt. Oder glauben Sie wirklich, dass pestizidbelastete Böden, Bodenerosion, Herbizide, genmanipuliertes Saatgut und Monokulturen einen positiven Beitrag zur Biodiversität leisten? Das glauben Sie nicht wirklich, oder?

Zum Thema Steuerzahlungen: da heißt es im Nachhaltigkeitsbericht auf S. 58: „Auch durch Steuerzahlungen tragen wir zum Gemeinwohl bei.“ Vergleicht man diese Aussage mit den Angaben zu den Ertragssteuern, die in den Jahren von 2005 bis 2008 gezahlt wurden, wird jedoch erkennbar, dass Bayer seine Steuerzahlungen um 1,6 Milliarden Euro reduziert hat. Frage: Können Sie mir bitte eine Aufschlüsselung der kommunalen, Länder- und Bundes-Steuern der letzten fünf Jahre geben? Und warum beteiligt sich Bayer so wenig an der Finanzierung öffentlicher Leistungen?

Dann habe ich noch eine Frage zum Erscheinungstermin des Nachhaltigkeitsberichts. Gibt es da die Möglichkeit, dass dieser in naher Zukunft ebenso wie der Geschäftsbericht auch schon einige Wochen VOR der Hauptversammlung veröffentlicht wird?

Herr Wenning, ich hoffe, dass Sie das zu Beginn genannte Zitat bald ernst meinen und Herrn Dekkers mit auf den Weg geben und das Prinzip der Nachhaltigkeit wirklich wollen und anwenden, in ALLEM was Sie tun. Wir haben diese und weitere Themen und Widersprüche im Bayer-Konzern in einer kleinen Studie zusammengefasst. Ich würde sie Ihnen gerne überreichen, Herr Wenning.

Vielen Dank