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STICHWORT BAYER 04/2009

25 Jahre Bhopal

Vor 25 Jahren kam es im indischen Bhopal zum größten Chemie-Unfall der Geschichte. Eine solche Katastrophe könnte sich jederzeit wieder ereignen - auch bei BAYER, wie nicht zuletzt die Explosion in Institute am 28. August 2008 gezeigt hat.

Von Jan Pehrke

„Es war dunkel. Töne von Klagelauten, Schreien, Husten drangen herein ... Es gab viel Verkehr, ungewöhnlich für die Stadt zu diesem Zeitpunkt. Ich stand auf, machte das Licht an und ging zum Fenster. Die Töne schwollen an, es hörte sich an, als ob ein Kind sanft vor sich hin weinen würde, nur elektronisch verstärkt. Ich schob den Vorhang zurück und spürte einen Knall, irgendetwas Unsichtbares gelangte in den Raum. Meine Augen begannen zu brennen und zu tränen. Ich brauchte Luft ...“ - mit diesen Worten beschrieb der Inder Ashay Chitre die Unglücksnacht vom 3. Dezember 1984.

Ausgelöst wurde die Katastrophe in dem Pestizid-Werk von UNION CARBIDE CORPORATION (UCC), das zu diesem Zeitpunkt gar nicht in Betrieb war, durch Wasser. Die Flüssigkeit sickerte in einen mit der Chemikalie Methylisocyanat (MIC) gefüllten Tank ein und löste eine chemische Reaktion aus. Dabei erhöhte Kohlendioxid den Innendruck so stark, dass das Behältnis explodierte. 25 bis 40 Tonnen MIC und andere Reaktionsprodukte bildeten eine Gaswolke, die sich über das die Fabrik umgebende Elendsviertel legte. In der so genannten Nacht des Massakers (indisch: Quatl-ki-raat) starben ca. 8.000 Menschen. Hunderttausende erlitten Vergiftungen, die zu Hirnschäden, Lungenkrankheiten, Unfruchtbarkeit, Lähmungen, Herz-, Magen-, Leber- und Nierenleiden führten. An den Spätfolgen, die bis in die Gegenwart reichen, gingen noch einmal mindestens 20.000 Menschen zugrunde.

Quatl-ki-Raat
BAYER als europaweit einzigster Hersteller von MIC besaß umfassende Informationen über die Wirkung der Substanz auf den menschlichen Organismus. Deshalb forderten die indischen Behörden den Chemie-Multi auf, den HelferInnen dieses Wissen zur Verfügung zu stellen, um Menschenleben zu retten. Aber der Konzern blockte ab. Er schickte zwar ExpertInnen nach Bhopal, betrachtete das Katastrophengebiet aber lediglich als riesiges Freiland-Labor für eigene Studien. Ashay Chitre empörte sich über solche ForscherInnen: „Ich bin zu vielen Ärzten und Wissenschaftlern gegangen, und jeder wollte seine Hand auf mich legen, weil ich ein Opfer bin, nicht aber, weil er mir helfen wollte. Das Opfer als Versuchskaninchen“.

Bhopal ist nirgendwo
Die Chemie-Konzerne erklärten umgehend, ein solches Unglück könne sich in der westlichen Welt nicht zutragen. Der Leverkusener Multi schickte „Fakten zur Produktion von Methylisocyanat“ an über 200 Zeitungen, Zeitschriften, Agenturen und TV-Sender und wiegelte in punkto MIC ab: „Die BAYER AG verwendet ein völlig anderes Produktionsverfahren“. Dabei versicherte das Unternehmen sich auch der freundlichen Unterstützung des damaligen NRW-Gesundheitsministers Friedhelm Farthmann. Nach einer Betriebsbesichtigung gab der Politiker Entwarnung. „Ein Giftgas-Unglück, wie es sich in Bhopal ereignet hat, ist bei BAYER auch unter ungünstigen Umständen nicht möglich“, erklärte Farthmann am 17. Dezember 1984 vor JournalistInnen.

Das Bundesumweltministerium sah das - zumindest intern - anders. „Chemieanlagen mit einem Gefahren-Potenzial wie in Bhopal gibt es in der Bundesrepublik zu Hunderten“, zitierte das Magazin Natur aus einem vertraulichen Papier der Behörde. Auch die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) meldete gleich erhebliche Zweifel an den Beschwichtigungen der Unternehmen an. Gegründet nach einem verheerenden Salzsäure-GAU in Wuppertal, wusste die Initiative nur zu gut um die „BAYER-Gefahren“, die von einer profit-getriebenen Chemie-Produktion ausgehen. Darum startete die CBG umgehend Initiativen. Vorständler Axel Köhler-Schnura nahm beispielsweise Mitte Dezember 1984 an einer Pressekonferenz mehrerer Organisationen zu „Bhopal ist überall“ teil, wo er BAYER zufolge „Falschmeldungen zur MIC-Produktion“ verbreitete, was nicht ohne Folgen blieb. „Am 13. Dezember übernahm die Abgeordnete der ‚Grünen‘, Antje Vollmer, fast wörtlich die Köhler-Falschmeldung in einer ‚Aktuellen Stunde‘ des Bundestages“, beklagte sich der Konzern. Zum ersten Jahrestag der Explosion hielt die CBG Mahnwachen vor den BAYER-Werken ab. In den folgenden Jahren vergaß die Coordination Bhopal ebenfalls nicht. So hat sie 1994 gemeinsam mit dem BUND in Köln die Konferenz „Bhopal - 10 Jahre danach“ abgehalten. Sie startete zudem mit dem BUND und dem PESTICIDES TRUST den Aufruf „Bhopal mahnt“, der unter anderem mehr Unterstützung für die Opfer der Katastrophe, sicherere Chemie-Anlagen und eine Beendigung der doppelten Standards forderte. Darüber hinaus nahm ein Vertreter der Coordination 1994 am „Permanent Peoples Tribunal“ teil, auf dem Geschädigte von „Störfällen“ mit den Verursachern zu Gericht gingen.

Toxic Hell Month
Wie berechtigt die Befürchtungen der Initiativen waren, sollte sich schon acht Monate nach Bhopal im US-amerikanischen Institute zeigen, wo UNION CARBIDE das Schwester-Werk zu der indischen Anlage betrieb. UCC hatte offiziell stets betont, die beiden Fertigungsstätten wären nicht zu vergleichen, weil es in Institute automatisierte Kontrollen, Chloroform- statt Wasserkühlung, für reines MIC sorgende Zwischentanks und besser ausgebildeteres Personal gäbe, tat dies aber wider besseren Wissens. Bereits vor Bhopal wusste der Konzern um die Gefährlichkeit der MIC-Produktion, wie ein internes Memo, das sich auf einen im Juli 1984 abgeschlossenen Sicherheitsreport bezog, unter Beweis stellte. Es warnte vor „einer außer Kontrolle geratenen Reaktion, die eine katastrophale Auswirkung auf die Vorratstanks mit dem giftigen (MIC-)Gas“ in Institute haben könnte.

Und „außer Kontrolle geratene Reaktionen“ gab es am Standort schon bald reichlich, nur glücklicherweise ohne die verheerenden Folgen von Bhopal. Am 11. August 1985 drangen durch ein Leck Grundstoffe zur Produktion des Pestizides Aldicarb nach außen und formierten sich zu einer Gaswolke. 135 Menschen vergifteten sich und mussten ins Krankenhaus. 15 Tage später schwebte ein Wasser/Säure-Gemisch über der Gemeinde South Charleston. Am 7. September traten die Agro-Chemikalie Larvin und das Vorprodukt Dimethyldisulfid aus, einen Tag später die Substanz Methylmercaptain und am 11. September Monomethylamin. Vom „Toxic Hell Month“ sprachen die AnwohnerInnen fortan. Die Monate und Jahre davor verliefen auch nicht viel ungiftiger. Der US-amerikanischen Umweltbehörde EPA, die unmittelbar nach dem Jahrhundert-GAU alle Chemiewerke inspizierte, beichtete UCC 190 Leckagen für den Zeitraum von 1979 bis 1984. Nach EPA-Recherchen gelangte dabei 28 Mal der Bhopal-Stoff MIC ins Freie.

Bhopal ist in Institute
Die Pannenserie riss auch nicht ab, als BAYER im Jahr 2001 die Herstellungsanlagen übernahm. Kurz vor Sylvester 2007 barsten mehrere Pestizid-Fässer, am 20. Dezember 07 emittierten aus einem Faultank stinkende Abgase und am 16.11.07 wurden 50 kg der Chemikalie Rhodimet freigesetzt. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN nahm das zum Anlass, auf der BAYER-Hauptversammlung einen Gegenantrag zur prekären Sicherheitssituation in Institute einzubringen. Als „unbegründet“ wies ihn der Vorstand ab.

Drei Monate später lieferte die Realität die Begründung nach. Am 28. August 2008 kommt es in Institute zu einem großen Knall. Ein Rückstandsbehälter fliegt durch die Luft, und ein fünfzig Meter hoher Feuerball steigt auf. AugenzeugInnen sprechen von „Schockwellen wie bei einem Erdbeben“; die Erschütterungen sind in einem Umkreis von mehr als zehn Meilen zu spüren. Tausende AnwohnerInnen dürfen über Stunden ihre Häuser nicht verlassen. Die Behörden ziehen die Sicherheitskräfte aus Angst vor austretenden Chemikalien ab und sperren eine nahe gelegene Autobahn. Ein Arbeiter stirbt sofort, ein zweiter wird später seinen schweren Verbrennungen erliegen.

Wie ein Untersuchungsbericht des US-amerikanischen Kongresses nachher feststellte, ist Institute nur haarscharf an einem Super-GAU vorbeigekommen. „Die Explosion in dem BAYER-Werk war besonders beunruhigend, weil ein mehrere Tonnen wiegender Rückstandsbehälter 15 Meter durch das Werk flog und praktisch alles auf seinem Weg zerstörte. Hätte dieses Geschoss den MIC-Tank getroffen, hätten die Konsequenzen das Desaster in Bhopal 1984 in den Schatten stellen können“, heißt es in dem Report. Es sei reiner Zufall gewesen, dass der Behälter in eine andere Richtung flog, so die AutorInnen.

Nicht umsonst hat deshalb die „International Campaign for Justice in Bhopal“, auf ihrer Bustour zum Gedenken an „25 Jahre Bhopal“, in Institute Station gemacht. Und für die AktivistInnen aus Indien war es eine ganz besondere Begegnung. „Das war einer unserer seltenen Stopps in den USA, wo wir einen anderen betroffenen Ort besuchten. Es war sehr bewegend und schockierend zu sehen, dass aus dem Bhopal-Desaster nicht gelernt wurde (...) Festzustellen, wie dicht die Fabrik an die Wohnsiedlungen heranreicht, hat uns alle sehr deprimiert“, sagte Rachna Dhingra im nachfolgenden SWB-Interview.

Auf dem Fahrplan der Initiative stand auch der BAYER-Stammsitz in Leverkusen. Unterstützt von der CBG, machte die Kampagne in Leverkusen-Opladen Halt und verteilte Informationsmaterialien. „Wir wollten den Leuten in Leverkusen sagen, dass sich so etwas wie in Bhopal nie wieder ereignen darf und dass niemand mehr so leiden sollte wie die Menschen in Bhopal und Institute leiden“, so Dhingra zum Lokaltermin in Leverkusen.

Bhopal heute
„Leiden“ hat Rachna Dhingra dabei ganz bewusst ins Präsens gesetzt, denn in Bhopal dauert die Katastrophe noch an. Ein hoher Betonwall umgibt heute das 32 Hektar große Firmen-Areal. Dahinter hat sich kaum etwas getan. Eine grundlegende Sanierung des Geländes hat nie stattgefunden. 1989 bequemte sich UNION CARBIDE dazu, die Tanks und Fässer zu leeren und ein paar Chemikalien zu entsorgen. 1998 führte der indische Staat noch einige Reinigungsarbeiten durch, aber das war es dann auch. Und so tickt hinter dem kapitalistischen Schutzwall noch eine chemische Zeitbombe: 1.500 bis 4.000 Tonnen Schadstoffe und 27.000 Tonnen kontaminierte Erde. Das ergab 2004 eine Untersuchung von GREENPEACE. Tanklastzüge müssen deshalb für die AnwohnerInnen das Trinkwasser bereits seit Jahrzehnten aus weit entfernten Gebieten anliefern. Aber trotzdem macht der Chemie-Cocktail die Menschen rund um das Katastrophengebiet immer noch krank. Über die belastete Muttermilch vererben sich die Schädigungen sogar an die nachfolgenden Generationen.

Und so geht die Geschichte von Bhopal weiter, die Rachna Dhingra zufolge nicht nur eine von Bhopal ist, sondern „eine von Unternehmen, die von Gier und Profiten getrieben sind und diese über das Leben von Menschen und die Umwelt stellen“. Auch Ashay Chitre holte das Chemie-Unglück noch ein. Im Jahr 2003 starb er an den Spätfolgen. Panikattacken und Alpträume sollten ihn sein Leben lang nie verlassen. Nach den Worten seines Vaters fühlte er sich vom 3. Dezember 1984 an als ein Paria, ein Unberührbarer. In dem Nachruf auf seinen Sohn schreibt er: „Ich habe die letzten 20 Jahre daran geglaubt, dass Ashay das Gefühl überwindet, ein Opfer zu sein. Ich habe nicht verstanden, dass er wirklich ein Opfer war. Heute beginne ich zu verstehen, dass ein Opfer gar nicht anders fühlen kann“.

Interview zum Jahrestag