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STICHWORT BAYER 02/2008

Nach massivem Bienensterben:

PONCHO im einstweiligen Ruhestand

Der Tod kam mit der Mais-Aussaat: Kurz nachdem die LandwirtInnen ihr mit dem BAYER-Pestizid Clothianidin gebeiztes Saatgut ausgebracht hatten, setzte ein großes Bienensterben ein. Das „Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit“ (BVL) reagierte zunächst abwartend, rang sich dann aber doch dazu durch, PONCHO und anderen Saatgutbehandlungsmitteln vorerst die Zulassung zu entziehen.

Von Jan Pehrke

„Dass Clothianidin für unsere Bienen zu einer großen Gefahr werden wird“, sagte Manfred Hederer schon im Juli 2006 voraus. Der Präsident des „Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbundes“ (DBIB) übte damals in einem Offenen Brief an Hans-Gerd Nolting vom „Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit“ scharfe Kritik an der Zulassung, die seiner Ansicht nach auf fragwürdigen Studien zur Bienengefährlichkeit des Pestizides und falschen BAYER-Angaben zur Halbwertzeit beruhte. Aber die zuständigen Behörden ließen sich von ihrem Votum nicht abbringen. Clothianidin sei zwar im Prinzip Gift für Bienen, aber das Saatgut-Beizmittel bleibe ja unter der Erde und komme nicht direkt mit den Tieren in Kontakt, argumentierten die Verantwortlichen. Ihre französischen KollegInnen sahen das anders: Sie erteilten der unter dem Namen PONCHO vermarkteten chemischen Keule keine Genehmigung.

Eine weise Entscheidung, wie sich bald herausstellen sollte, denn hierzulande trat genau das ein, was Hederer befürchtet hatte. Unmittelbar nach der Mais-Aussaat setzte im Frühjahr 2008 ein großes Bienensterben ein. Da die LandwirtInnen auf Fruchtfolgen verzichten und nur auf schadinsekten-anfällige Mais-Monokulturen setzen, kam dieses Mal wegen des hohen Maiswurzelbohrer-Aufkommens eine Extraportion Clothianidin-Saatgutbeize zum Einsatz. Die Sämaschinen wirbelten gehörig Staub auf, und der Wind verwehte das Gift auf Rapsfelder, Blumenwiesen und Wasserpfützen, wo der direkte Kontakt mit den Insekten dann eben doch zustande kam. Dieser führte sogleich zu einem Massensterben. Millionen Bienen verendeten; die ZüchterInnen verloren ein Viertel ihrer Bestände. „Jeden Morgen liegen massenhaft Tote vor den Fluglöchern“, klagte etwa DBIB-Vize Christoph Koch. Wie Schnee in der Sonne sah er seine Völker dahinschmelzen, weshalb er von einem „imkerlichen Tschernobyl“ sprach.

In Italien, wo die Maisaussaat wegen des milderen Klimas schon einige Wochen vorher begann, trat der Super-GAU entsprechend früher ein. Und das elsässische Veterinäramt riet den BienenzüchterInnen schon zu Frühjahrsbeginn eindringlich, einen weiten Bogen um Maisfelder zu machen, da zahlreiche LandwirtInnen über den kleinen Grenzverkehr das verbotene PONCHO ins Land geschmuggelt hatten. Aber weder die Geschehnisse in Italien oder die Warnungen des elsässischen Veterinäramts noch die Demonstrationen der dortigen ImkerInnen bewogen die bundesdeutschen Behörden dazu, Vorsorgemaßnahmen zu treffen.

So traf die Sterbewelle die hiesigen BienenhalterInnen wie ein Schock. Bei den Verbandsorganisationen liefen die Telefone heiß. „Bei uns ist die Hölle los“, berichtete Manfred Hederer Stichwort BAYER. Auch die Politik kam langsam auf Touren. Landwirtschaftsminister Horst Seehofer ließ sich von DBIB-VertreterInnen das ganze Ausmaß der Katastrophe schildern, während sein baden-württembergischer Kollege Peter Haug Verantwortliche von BAYER und die Kulturpflanzen-WissenschaftlerInnen des „Julius-Kühn-Instituts“ zu einem Krisengespräch vorlud. Im Stuttgarter Landtag mussten Haug und seine RegierungskollegInnen die Anfrage der Grünen beantworten, wie die Landesregierung die von dem BAYER-Pestizid ausgehende Gefahr für die menschliche Gesundheit einschätze, warum sie nach den Vorgängen in Italien und Frankreich nicht schneller reagiert habe und wieviele Schadensersatz-Klagen den Gerichten bereits vorlägen.

Die Bundesgrünen traten indessen für einen unverzüglichen Verkaufsstopp von PONCHO ein, denn die Beweislast war erdrückend. „In allen 15 bisher untersuchten Proben verendeter Bienen ist Clothianidin gefunden worden“, so Manfred Hederer in der am 16.5. von DBIB und COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN gemeinsam veröffentlichten Presseerklärung. Aber das „Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit“ (BVL) zeigte sich vorerst uneinsichtig. „Diese ersten Analyse-Ergebnisse reichen jedoch nicht für eine abschließende Beurteilung aus, ob die Bienenvölker durch die Kontamination mit Clothianidin geschädigt wurden“, teilte die Bundesbehörde GREENPEACE mit. Das BVL wollte noch die Untersuchungen des Julius-Kühn-Institutes abwarten, weshalb es sich mit seinen anempfohlenen Sofortmaßnahmen nur an die ImkerInnen und die LandwirtInnen wendete. Erstere sollten Maisäcker möglichst meiden und zweitere Sämaschinen verwenden, welche die Abluft in den Boden statt in die Luft leiten können. „Damit wird das Verursacherprinzip geradezu ad absurdum geführt, empörte sich der GREENPEACEler Manfred Krautter.

Aber er konnte sich bald wieder abregen. „Mit Clothianidin gebeiztes Saatgut ist nach Untersuchungen des Julius-Kühn-Instituts Ursache für aktuelle Bienenschäden in Baden-Würtemberg“, hieß es in der Pressemitteilung der Braunschweiger Forschungseinrichtung. Daraufhin ordnete das BVL das Ruhen der Zulassung für die BAYER-Beizen PONCHO, CHINOOK, FAIBEL, ELADO, MESUROL FLÜSSIG und ANTARC sowie zwei SYNGENTA-Saatgutbehandlungsmittel an. Dabei handelte es sich nicht nur um Chemikalien mit der Wirksubstanz Clothianidin, auch Mittel mit solchen Inhaltsstoffen wie Cyfluthrin, Imidacloprid und Methiocarb zogen die Verbraucherschützer bis auf Weiteres aus dem Verkehr. Nach einer fast schon zehn Jahre währenden Kritik an der Bienengefährlichkeit von PONCHO & Co., nach unzähligen Demonstrationen von ImkerInnen in ganz Europa, nach zahlreichen Studien zur verheerenden Wirkung der Gifte und nach Protestreden von BienenzüchterInnen auf den BAYER-Hauptversammlungen haben sich die zuständigen Stellen damit nun endlich zu einem konsequenten Handeln entschlossen.

Der Leverkusener Multi reagierte wie immer in solchen Fällen und stand in Treue fest zu seinen Produkten. Nicht etwa das Beizmittel an sich, sondern einige fehlerhaft behandelte Saatgut-Partien haben nach Ansicht des Konzerns nämlich in Tateinheit mit falsch konstruierten Sämaschinen, Trockenheit und starken Winden zu den „Bienenverlusten“ geführt. Deshalb ist für den Konzern alles halb so wild. „Anders als das Ministerium sind wir der Ansicht, dass es eine schnelle technische Lösung geben kann, ohne dass es einer Aussetzung der Zulassung bedurft hätte“, erklärte BAYER-CROPSCIENCE-Sprecher Utz Klage. Gemeinsam mit den Herstellern von Sämaschinen will BAYER eine solche erarbeiten. Zudem kündigte das Unternehmen an, ein Zertifizierungssystem zu schaffen, das für mehr Qualitätskontrolle bei der Produktion von PONCHO & Co. sorgt.

Das Julius-Kühn-Institut hat der Agro-Riese mit diesen Zusicherungen, mit denen er seine immensen Beizmittel-Gewinne - allein PONCHO kam 2007 weltweit auf einen Umsatz von 237 Millionen Euro - zu retten gedenkt, nicht von seiner Entscheidung abhalten können. Ob es die inkriminierten Saatgutbehandlungsmittel allerdings für immer auf die Schwarze Liste setzt, bleibt abzuwarten. Die Braunschweiger WissenschaftlerInnen betreiben nämlich selber keine Ursachenforschung. Deshalb besteht die Gefahr, dass sie der BAYER-Interpretation folgen, es habe sich bei dem Bienensterben um einen Ausnahmefall gehandelt, der im nächsten Jahr durch die angekündigten Vorsorgemaßnahmen zu verhindern wäre, zumal es in den betroffenen Regionen aufgrund des massiven Auftretens des Maiswurzelbohrers auch eine Ausnahmegenehmigung für ein besonders hoch dosiertes PONCHO gab. Mit PONCHO im Normalzustand und ein paar „technischen Lösungen“ würde dann die Maissaison 2009 beginnen - und für die Bienen der „Tod im Maisfeld“ weitergehen.

PONCHO & Co. können sich also berechtigte Hoffnungen auf einen „zweiten Frühling“ machen. Dabei müssten eigentlich nicht nur diese Saatgutbehandlungsmittel, sondern noch viele andere Agrochemikalien wie z. B. BAYERs berühmt-berüchtigtes GAUCHO für immer und ewig von den Feldern verschwinden, denn auch diese Agro-Gifte stellen für die Bienen eine tödliche Gefahr dar. Und nicht nur für sie: Ein ganzes Ökosystem droht mit Verschwinden der Immen aus dem Gleichgewicht zu geraten. Die Brummer bestäuben nämlich 80 Prozent aller Nutzpflanzen. In der Rheinebene tauchten sie diesmal zur Kirschblüte schon nicht mehr auf, auch Pflaumen und Zwetschgen warteten vergeblich auf ihren Besuch. „Katastrophale Aussichten für die entsprechenden Ernten“, kommentierte die Badische Zeitung.

Die Artgenossen der Bienen machten sich dagegen weitgehend unbemerkt vom Acker. „Andere Insekten sterben halt still“, weiß der Landesvorsitzende der badischen Imker, Ekkehard Hülsmann. Sogar Vögeln setzen die Ackergifte schwer zu. „Täglich erreichen uns fünf bis zehn Anrufe, dass Jungvögel apathisch an der Straße sitzen und nicht vor Autos flüchten“, sagte Monika Erlacher von der TIERHILFS- UND RETTUNGSORGANISATION der Mittelbadischen Presse, und andere Badener berichteten den JournalistInnen von Krähen, die „wie besoffen auf der Straße herumtorkeln“. Nicht einmal die menschliche Konstitution ist den Agrochemikalien gewachsen. Ein Imker, der seine eigenen Pollen vor dem Verkauf probierte, erlitt Darmblutungen und will nun eine Strafanzeige wegen Körperverletzung stellen. Er gehört damit zu den mindestens drei Millionen Vergiftungsopfern, welche die pestizid-bewehrte „grüne Revolution“ nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation WHO alljährlich fordert.

Für Mensch, Tier und Umwelt gleichermaßen bedrohlich, wächst der Markt für Ackergifte gleichwohl beständig. Um sechs Prozent auf 5,8 Milliarden Euro stieg der BAYER-Umsatz mit den Chemikalien im Geschäftsjahr 2007 und der für PONCHO noch um mehr als ein paar Prozente mehr. „Den weltweiten Umsatz von PONCHO konnten wir nahezu verdoppeln“, jubiliert der letzte Geschäftsbericht. Da fällt es leicht, die Portokasse ein wenig zu öffnen, und den betroffenen ImkerInnen Geld für ihre Verluste anzubieten. Umso mehr, als BAYER damit kein Schuldeingeständnis verbunden sehen will. „Die unbürokratische Hilfe erfolgt auf freiwilliger Basis, während die Klärung des Sachverhaltes noch andauert“, heißt es in der entsprechenden Pressemitteilung.

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