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STICHWORT BAYER 03/2007

Gen-Saaten aus Costa Rica

BAYERs Gentech-Hinterland

Costa Rica ist ein Gentechnik-Paradies. Weder spezielle Gesetze noch Zulassungsverfahren oder Kontrollen trüben das Klima. Folglich boomt der „Freisetzungstourismus“. BAYER und andere Agro-Multis lassen in dem zentralamerikanischen Staat ihre Baumwoll- und Sojasaaten für den Weltmarkt vermehren. Welche höllischen Folgen dies für das Land hat, dokumentiert das GEN-ETHISCHE NETZWERK in der Broschüre „Die heimliche Kontamination“.

Von Jan Pehrke

Große Berge von gentechnisch manipulierter BAYER-Baumwolle türmen sich am Rand eines im costa-ricanischen Kanton Cañas gelegenen Feldes auf. LandarbeiterInnen des Agro-Unternehmens SEMILLAS DEL TRÓPICO haben die gegen das Anti-Unkrautmittel LIBERTY LINK immunen Ackerfrüchte aus dem Boden gerissen, um Platz für Erdnuss-Kulturen zu schaffen. Mit einer Extra-Dosis Pestizid wollen sie verhindern, dass die Nüsse später einen baumwollenen Beigeschmack erhalten, aber zum Erbgut-Joint-Venture wird es wohl trotzdem kommen. Vom Winde verweht, dürfte die Baumwoll-Saat bald auch noch ganz woanders aufgehen: Überall im Land - am Straßenrand, auf Wiesen und in Vorgärten - finden sich nämlich ausgewilderte Gentech-Pflanzen. „Für diese Saaten, die in den USA und in Europa verkauft werden, zahlen wir in den Erzeugerländern einen hohen Preis, denn sie stellen bei uns ein Risiko dar für die Biovielfalt, die menschliche Gesundheit und die Umwelt“, meint deshalb die südamerikanische Gentechnik-Kritikerin María Isabel Manzur

Und die meisten Costa-RicanerInnen wissen gar nicht, was ihnen da blüht. Die LandwirtInnen, von denen die Agro-Multis das Land zum Spottpreis von ca. 200 Euro pro Hektar für ihre Pflanzungen pachten, wenn sie nicht auf die Dienste von Kontrakt-Partnern wie SEMILLAS DEL TRÓPICO zurückgreifen, geben auf Nachfrage nur die Losungen aus den Werbebroschüren der Gen-Giganten wieder. Auf seinem Land fänden Experimente statt, mit deren Hilfe der Hunger in der Welt bekämpft werden soll, erzählte ein Farmer der NETZWERK-Rechercheurin Ute Sprenger. Andere bereiten sich aus den Baumwoll-Blättern sogar Tee oder halten sich das Malvengewächs als Zierpflanze im Garten. Der Staat verhält sich ähnlich arglos. Besondere Bestimmungen zum Anbau gentechnisch veränderter Kulturen wie etwa Zulassungsverfahren oder regelmäßige Feld-Kontrollen gibt es nicht - Näheres regelte bis vor kurzem lediglich ein Zusatz im Pflanzenschutzgesetz.

BAYER & Co. verbuchen dies unter „Standort-Vorteil“. Aber es ist beileibe nicht der einzige, den Costa Rica bietet: Bereits seit 1982 richtet sich das Land unter dem Druck von Weltbank und Internationalem Währungsfonds verstärkt nach den Bedürfnissen des Weltmarktes aus. Die Agenturen des Kapitals zwangen der „Reichen Küste“, wie die wörtliche Übersetzung von „Costa Rica“ lautet, einen rigiden Sparkurs auf. Die Ausgaben für Gesundheit, Bildung und Soziales sanken, und die Arbeitslosigkeit stieg. Zu Beginn der 90er Jahre musste der Staat weitere „Strukturanpassungen“ vornehmen. So auf Kurs gebracht, produzieren Industrie - vornehmlich in den steuerparadiesischen Schwitzbuden der Freihandelszonen - und Landwirtschaft hauptsächlich für den Export.

1991 öffnete sich Costa Rica auch den Gen-Giganten. Neben dem „unbürokratischen“ Umgang der Behörden mit den Laborfrüchten lockte die Agro-Multis vor allem das günstige Klima, das mehrere Ernten pro Jahr zulässt. Damit bot das Land die idealen Produktionsvoraussetzungen für das, was den Grundstoff der Gentechnik-Industrie bildet: das Saatgut. Vermehrungsbetriebe, die Saaten für den Weltmarkt herstellen, nahmen bald immer mehr Ackerfläche ein. 1997 stieg der jetzt zu BAYER gehörende AVENTIS-Konzern in großem Stil mit Soja-Saatgut ein, später sollte noch Baumwolle dazukommen. Mittlerweile erstrecken sich die Pflanzungen der Multis schon auf ca. 1.400 Hektar - und das bei einem Land von der Größe Niedersachsens! „Wir sind Zeugen davon, wie die multinationalen Unternehmen und das Landwirtschaftsministerium die Region Guanacaste in ein riesiges Feld für einen unkontrollierten Freilandversuch verwandelt haben“, klagt die Bürgerrechtlerin Ana Julia Arana.

BAYER hat hauptsächlich das Unternehmen SEMILLAS OLSON mit der Vermehrung von Soja- und Baumwoll-Saatgut betraut. Diese gegen das BAYER-Pestizid LIBERTY LINK resistenten Sorten sind zwar in Costa Rica gar nicht zugelassen, aber größere Probleme bereitet das nicht. SEMILLAS OLSON stellt für den -zumindest auf dem Papier bestehenden - zusätzlichen staatlichen Kontrollaufwand einfach nur 50 Dollar pro Morgen zusätzlich in Rechnung. Um eine dem neuesten technischen Stand entsprechende Produktion der LL-Saaten zu gewährleisten, hat BAYER sogar den SEMILLAS-OLSON-Maschinenpark aufgestockt und eine Entkörnungsanlage zur Trennung der Baumwoll-Saatkörner von der Faser errichten lassen. Keinen Modernisierungsbedarf sieht der Konzern hingegen bei den Arbeitsbedingungen. Schuften auf den Saatgutfeldern seiner indischen Zulieferer zahlreiche Kinder (s. S. ), so leisten in Costa Rica vornehmlich Frauen Frondienste. Sie verdingen sich als Tagelöhnerinnen auf den Feldern, suchen die passenden Pflanzen aus, befruchten sie und verschließen dann die Blüten, dabei immer den Agrochemikalien ausgesetzt. Viele von ihnen leiden deshalb an Schwächeanfällen, Übelkeit und Kopfschmerz.

Im Jahr 2003 sollte alles noch schlimmer kommen. Das Freihandelsabkommen zentralamerikanischer Staaten mit den USA wollte den multinationalen Konzernen noch mehr Sonderrechte einräumen, ihnen den Zugriff auf den öffentlichen Sektor sowie den unvergleichlichen Artenreichtum des Landes sichern und die ohnehin schon um ihre Existenz kämpfenden LandwirtInnen durch die Erleichterung von Agrar-Importen weiter unter Druck setzen. Aber die dritte Stufe des Neoliberalismus zündete in Costa Rica bislang nicht. Ein breites Bündnis aus GewerkschaftlerInnen, LandwirtInnen, UmweltschützerInnen und SchülerInnen und StudentInnen lief Sturm gegen die Pläne. Im Februar demonstrierten in der Hauptstadt San José 100.000 Menschen gegen die CAFTA-Verträge. „Was heute hier abgelaufen ist, stellt nur den Beginn einer langen, intensiven Mobilisierung gegen den Ausverkauf Costa Ricas dar“, verkündeten die VeranstalterInnen.

So nahm im Jahr 2003 eine Gegenbewegung zu einer Politik ihren Anfang, die sich zunehmend an den Bedürfnissen des internationalen Kapitals orientierte. Und im Zuge dieses Emanzipationsprozesses geriet auch der von BAYER & Co. betriebene „Freisetzungstourismus“ in den Blick der KritikerInnen. Es bildeten sich regelrechte „Bio-Bürgerwehren“. Die RED DE COORDINACIÓN DE BIODIVERSIDAD untersuchte Mais und Soja aus den USA nach Genspuren. Andere Gruppen befassten sich mit den Risiken und Nebenwirkungen der Saatgut-Vermehrungsbetriebe für die konventionelle Landwirtschaft, während sich das COMITÉ CÍVICO DE CAÑAS auf die Suche nach gentechnischem Wildwuchs machte - und angesichts der völlig überforderterten staatlichen Aufsichtsbehörde nicht lange suchen brauchte. „Wir schlagen deshalb vor, einen tiefgreifenden Richtungswechsel in der Landwirtschaft vorzunehmen, um so einen gesünderen Ansatz für unsere Agrar-Produktion zu suchen. Sozusagen eine Alternative zu diesem Produktionstyp, der nur einigen wenigen Unternehmen dient, gleichzeitig aber dem Land enorme Kosten verursacht“, lautete das Resümee des Komitees.

In das vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) im Zuge des Cartagena-Protokolls über biologische Sicherheit für Costa Rica vorbereitete Gentechnik-Gesetz fanden solche Vorschläge allerdings keinen Eingang. Obwohl das Abkommen eine BürgerInnen-Beteiligung ausdrücklich vorsieht, mussten die Initiativen draußen bleiben. Drin waren hingegen BAYER & Co. - nicht umsonst sponsort der Leverkusener Multi bereits seit Jahren Jugendprogramme der UNEP (siehe S. ). So bastelte dann BAYERs Kooperationspartner SEMILLAS DEL TRÓPICO neben dem Nahrungsmittel-Mogul NESTLE und dem zu MONSANTO gehörenden, größten Saatgut-Vermehrer DELTA & PINE mit an dem Paragraphen-Werk. Und so sieht es auch aus. Nicht den leisesten Zweifel hegt der Entwurf am Segen der Gentechnik, und die SkeptikerInnen sollen Vorsorge-Prinzip und Inspektionen beruhigen. Aber ja nicht zuviel! Die Feldstudien sind nämlich Privatsache: Nach dem Prinzip der freiwilligen Selbstkontrolle können die Unternehmen selbst dafür so genannte AuditorInnen verpflichten. Dies sei gerade so, als solle der Wolf Schafe hüten, kritisiert Fabían Pancheco vom Koordinationskreis Biodiversität.

Und als Wolf ist BAYER beileibe nach Costa Rica gekommen. In gewohnt imperialistischer Manier profitiert der Konzern von dem Wohlstandsgefälle, das es erlaubt, seine „Zukunftstechnologie“ mittels archaischer Arbeitsbedingungen und vormoderner staatlicher Strukturen fit für den Weltmarkt zu machen. Aber die nachholende Entwicklung schreitet in dem zentralamerikanischen Land voran, getragen von denen, die das zunehmend nervösere Agro-Business eine „Koalition extremer Umweltschützer“ nennt.

Die Broschüre „Die heimliche Kontamination“ ist über das GEN-ETHISCHE NETZWERK zu beziehen.