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STICHWORT BAYER 03/2007

BAYER & die Chemie-Gewerkschaft

Wohin treibt die IG BCE?

Die diesjährige Jahrestagung der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN will einmal genauer die Rolle der Gewerkschaften bei BAYER untersuchen. Zur Einstimmung veröffentlicht Stichwort BAYER einen Text, der die Politik der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE während der Auseinandersetzung bei BAYER INDUSTRY SERVICES genauer beleuchtet.
Von Adi Reiher

Auf der Bilanzpressekonferenz nach dem ersten Halbjahr 2007 konnte BAYER-Chef Werner Wenning beindruckende Zahlen vorlegen. Der BAYER-Gewinn aus dem operativen Geschäft (vor Steuern, Abschreibungen und Sondereinflüssen) legte im zweiten Quartal um 30 Prozent auf 1,18 Milliarden Euro zu.
Der Überschuss stieg unter dem Strich um 46 Prozent auf 660 (Vorjahresquartal 452) Millionen Euro. "Das zweite Quartal ist für BAYER sehr gut verlaufen. Damit schließen wir an den hervorragenden Start in das Jahr 2007 an", sagte Wenning und fügte bezogen auf die gesamte Chemie-Industrie hinzu, dass ein Ende der guten Konjunktur überhaupt noch nicht zu erkennen sei.
AnalystInnen sprechen von den guten Geschäften in Asien, wenn es um die Gründe für die explodierenden Gewinne geht. Tatsächlich dürfte dafür aber der Ausgang des fast halbjährigen Arbeitskampfes bei der BAYER INDUSTRY SERVICES (BIS) ausschlaggebend gewesen sein. Vordergründig ging es um die 6.000 MitarbeiterInnen der BAYER-Tochtergesellschaft, die der Konzern im Herbst vergangenen Jahres ausgliedern wollte. 600 Stellen sollten gestrichen, länger gearbeitet, Löhne gekürzt und die Kolleginnen und Kollegen aus dem Chemietarif entlassen werden.
Mit ungewohnter Wucht setzte sich die Belegschaft zur Wehr. Die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) organisierte innerhalb weniger Wochen mehrere Demonstrationen, an denen sich Tausende beteiligten. Daneben riefen die alternativen BASISBETRIEBSRÄTE zu verschiedenen Aktionen auf, an denen bis zu 800 Kolleginnen und Kollegen teilnahmen. Eine Montagsdemo wurde über ein halbes Jahr lang zu einer festen Institution. Viele Initiativen und Belegschaften aus Leverkusen und Umgebung solidarisierten sich. Diese Aktionen zeigten Wirkung. Kurz vor Weihnachten 2006 rückte BAYER-Chef Wenning von den ursprünglichen Plänen ab und kündigte an, dass es für die BIS-MitarbeiterInnen einen "innovativen Haustarifvertrag" geben werde. Die Montagsdemonstrationen gingen trotzdem unvermindert weiter.
Die IG BCE und die Konzernführung verhandelten monatelang, ohne die Belegschaft über den Stand der Verhandlungen zu informieren. Für Ende März wurde ein Ergebnis angekündigt. Doch es wurde Ende April, bis es so weit war. Nun wurde deutlich, warum alles so lange gedauert hatte. Nicht nur über die BIS-Leute sprachen Konzern-Leitung und Gewerkschaft. Nein, IG BCE und der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hatten gleich einen Haustarif für sämtliche Servicegesellschaften der Chemischen Industrie abgeschlossen.
Nicht nur die 6.000 Kolleginnen und Kollegen von BIS, sondern mehrere andere Sparten wurden aus dem Chemietarif-Vertrag entlassen und müssen ab sofort unter wesentlich schlechteren Bedingungen arbeiten. Der einzige - aber nicht zu unterschätzende - Erfolg des Widerstandes war, dass betriebsbedingte Entlassungen vermieden werden konnten. Damit erreichte die IG BCE, dass ihr Nimbus, nur sozialverträglichen Maßnahmen zuzustimmen, gewahrt blieb. Doch in allen anderen Punkten setzte sich der Unternehmer durch.
Gleichzeitig mit dem neuen Haustarif wurde die Verlängerung der Ende 2007 auslaufenden Standortvereinbarung zwischen der BAYER AG und dem Gesamtbetriebsrat bekannt gegeben. Damit wurde für die etwa 80.000 BAYER-Beschäftigten zumindest vorübergehend Arbeitsplatzsicherheit geschaffen. Mit der wichtigen Einschränkung, dass diese Regelung für die BAYER/SCHERING AG nicht galt. Zehntausende der dortigen Kolleginnen und Kollegen sind damit betriebsbedingten Kündigungen ausgeliefert, die so sicher kommen werden wie das Amen in der Kirche.
Auch diese unsoziale Vereinbarung wirft tiefe Schatten auf die Verhandlungsstrategie der Gewerkschaft. Statt alle im Chemiebereich Beschäftigten zu schützen und zu vertreten, ahmt die IG-BCE-Führung die Konzentration des Chemie-Multis auf das so genannte Kerngeschäft nach. Ausgliederungen und verdeckten Entlassungen hat die IG BCE in den vergangenen zehn Jahren immer wieder zugestimmt. Zwischen 1998 und 2005 ist die Belegschaft der BAYER AG damit um ein Drittel von 120.000 auf knapp über 100.000 Beschäftigte geschrumpft.
Gleichzeitig hat sich die Wertschöpfung pro MitarbeiterInnen von 85 000 Euro im Jahre 1998 auf 130 000 Euro im Jahre 2005 erhöht. Auch wenn sich in diesem Zeitraum die Lohnsumme von 6,7 Mrd. Euro auf 5,3 Mrd. Euro verringert hat, hat der/die einzelne ChemiearbeiterIn nicht unbedingt weniger in der Lohntüte. Tatsächlich sind bei Wegfall übertariflicher Leistungen die Löhne um 10 bis 15 Prozent gestiegen. Der Gewinn des Konzern allerdings um 50 Prozent.
Das ist das Geheimnis des "erfolgreichen" Wirtschaftens der BAYER AG: Die Strategie der Konzentration auf das sogenannte Kerngeschäft. Das ist der Bereich, in dem die Wertschöpfung schon immer am größten war. Der aber ohne Zuarbeit nicht existieren könnte. Diese Zuarbeit aber gliedert man aus, entlässt sie in den Niedriglohnbereich und fährt so "automatisch" höhere Gewinnen ein.
Dass ein großer Teil der Belegschaft im Elend der Niedrigtariflöhne landet, interessiert Wenning und Co. weniger.
Allerdings ist es doch erstaunlich, dass die IG BCE dieses Spiel mitmacht. Selbst wenn man das dort vorgebrachte Argument der Realpolitik ernst nimmt, verwundert es doch, warum sich die Gewerkschaftsführung nicht fragt, wann dieser Schrumpfungsprozess zum Verschwinden der eigenen Klientel führt. Wer garantiert der IG BCE, dass das Kerngeschäft nicht so klein geklopft wird, dass auch die IG BCE zur Marginalie wird?
Ihr unternehmertreues Verhalten könnte darauf hinauslaufen, dass die Gewerkschaftsführung zur Zeit ihr eigenes Grab schaufelt. Die einzige Alternative wäre die kämpferische Vertretung aller Kolleginnen und Kollegen im Chemiebereich. Ändert die IG BCE ihre Strategie nicht, droht die Strafe des Unterganges.