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STICHWORT BAYER 03/2007
Protestaktion in Leverkusen

Öko-Nepp mit UNEP

Editorial von Philipp Mimkes, Geschäftsführer Coordination gegen BAYER-Gefahren

Liebe Leserinnen und Leser,

Ende August fand in Leverkusen eine Konferenz der UN-Umweltbehörde UNEP statt, an der 150 jugendliche Umweltschützer aus aller Welt teilnahmen. Finanziert wurde die viertägige Tagung ausgerechnet vom Chemie- und Pharmaunternehmen BAYER. Der Konzern stellte nicht nur die Räumlichkeiten zu Verfügung, sondern gestaltete auch Teile des Programms, organisierte eine Werksführung und betrieb die Konferenz-Webseite. BAYER-Chef Werner Wenning eröffnete die Konferenz gemeinsam mit NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, UNEP-Direktor Achim Steiner sowie Umweltminister Sigmar Gabriel.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert ein Ende der Zusammenarbeit von UNEP und BAYER-Konzern. Lobbyisten von BAYER bekämpften in der Vergangenheit sämtliche Anstrengungen zum Umweltschutz - vom Kyoto-Protokoll bis hin zur EU-Chemikaliengesetzgebung REACH. BAYER produziert zahlreiche hochgefährliche Produkte und emittiert große Mengen von Schadstoffen und Treibhausgasen. Die Kooperation mit einem Umweltsünder wie BAYER beschädigt daher die Glaubwürdigkeit des Umweltprogramms der Vereinten Nationen.

Grundsätzlich gilt: Unternehmen verfolgen Gewinn-Interessen, die zwangsläufig mit dem Allgemeinwohl in Konflikt treten - gerade im Umweltbereich. Es ist daher nicht hinnehmbar, dass die Vereinten Nationen einen Konzern als gleichberechtigten Partner behandeln und dadurch aufwerten. Aufgabe der UNEP sollte es stattdessen sein, die Verantwortung multinationaler Unternehmen für ökologische Probleme auf die Tagesordnung zu setzen und sich für weltweit verbindliche ökologische und soziale Standards einzusetzen.

Um sich ein grünes Image zuzulegen, startete BAYER Dutzende von Kooperationen mit Umweltgruppen, medizinischen Fachgesellschaften, Selbsthilfegruppen und Umwelt-Medien. Die Firma nutzt diese Kooperationen in ihrer Außendarstellung weidlich - z.B. auf ihrer homepage, dem Geschäftsbericht und zahllosen Werbebroschüren. Reale Veränderungen der Geschäftspolitik resultieren aus den Vorzeigeprojekten nicht.

Die UNEP-Spitze versicherte uns zwar in einem Antwortschreiben, die selben Ziele wie wir zu verfolgen ("we share the same goal of making industry leaders more responsible"), stellte die Kooperation mit BAYER aber nicht in Frage. Leider mussten wir sogar beobachten, dass Vertreter der UNEP irreführende Behauptungen des Konzerns zum Thema Umweltschutz ungeprüft wiederholten. Mitglieder unseres Netzwerks protestierten daher bei der Eröffnung der Konferenz (s. Seite ). Auch Teilnehmer der Tagung kritisierten uns gegenüber die Abhängigkeit der UNEP von privatwirtschaftlichen Interessen und diskutierten die Kehrseiten der Geschäftspolitik von BAYER sogar während der Konferenz.

Es ist uns damit gelungen, Teile der Öffentlichkeit und der Medien auf die Instrumentalisierung einer dem Allgemeinwohl verpflichteten Institution aufmerksam zu machen. Zudem haben wir erreicht, dass sich alle Beteiligten - UNEP, BAYER und die Jugendlichen aus aller Welt - intensiv mit unserer Kritik beschäftigten. Dies allein ist nicht wenig in einer Zeit, in der der gesellschaftliche und politische Einfluss großer Firmen allgegenwärtig ist (und selten hinterfragt wird).

"Ich wusste gar nichts von BAYER ..."

Am 27. August wurde in Leverkusen die "Internationale Jugendumweltkonferenz" der Vereinten Nationen eröffnet - finanziert und mitausgerichtet vom BAYER-Konzern. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN protestierte erfolgreich gegen die Vereinnahmung einer öffentlichen Institution durch privatwirtschaftliche Interessen und löste dadurch eine Diskussion unter den 180 TeilnehmerInnen aus.

Schon das Hinweisschild, das die BesucherInnen auf den richtigen Weg zur "International Youth Conference" ins Leverkusener Erholungshaus von BAYER leiten sollte, war verräterisch. Einträchtig rahmten darauf das BAYER-Kreuz und das Logo der UN-Umweltbehörde UNEP den Slogan "Partner für Jugend und Umwelt" ein. Und als Partner präsentierten sich der Global Player und die UNEP dann auch im weiteren Verlauf: Gemeinsam eröffneten BAYER-Chef Werner Wenning und UNEP-Direktor Achim Steiner die Tagung mit den 180 "UmweltbotschafterInnen" aus aller Herren Länder, und unisono lobten SprecherInnen des Konzerns und der Umweltbehörde die Zusammenarbeit über den grünen Klee. Auch am Rednerpult gaben sich MitarbeiterInnen von BAYER und UNEP das Mikrofon in die Hand, wenn nicht gerade die für zusätzliches Dekorum sorgenden Politiker Sigmar Gabriel und Jürgen Rüttgers ihren Segen zu dem ungewöhnlichen Joint venture gaben.
Der 24-jährige Iraner Morteza Farajian hingegen war erstaunt: "Ich wusste gar nichts von BAYER - ich hatte eine Einladung von den UN." Deutlicher wird Axel Köhler Schnura, Vorstandsmitglied der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG): "Die Profitinteressen von BAYER treten zwangsläufig mit dem Allgemeinwohl in Konflikt, besonders im Umweltbereich. Das, was da als Kooperation zwischen BAYER und der UNEP läuft, ist Greenwashing für BAYER und eine Unterwanderung der UNO durch die Konzerne" (s. hierzu auch Seite 3).

Protest in Leverkusen
Mitglieder der CBG forderten anlässlich der Eröffnungs-Zeremonie in Leverkusen lautstark ein Ende der Kooperation. Die aus aller Welt auf Kosten von BAYER eingeflogene Presse sowie die TeilnehmerInnen der Jugendkonferenz wurden von den Aktivisten mit englischsprachigen Informationen versorgt. Auf Transparenten hieß es "UNEP: Stop Greenwashing BAYER" und "Widerstand gegen BAYER-Global".
Schon im Vorfeld hatte das Netzwerk NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und Bundesumweltminister Sigmar Gabriel aufgefordert, die Teilnahme an der Eröffnungsfeier abzusagen und sich stattdessen für eine angemessene Finanzierung der UNEP aus öffentlicher Hand einzusetzen. Die Notwendigkeit, Unterstützung von privatwirtschaftlicher Seite anzunehmen, war nämlich erst durch die rückläufige finanzielle Ausstattung der UNEP durch die Mitgliedsstaaten entstanden.
Sigmar Gabriel verweigerte jedoch das Gespräch mit den Aktivisten und bezeichnete die Kritik als "abenteuerlich". BAYER sei "ein Vorzeigeunternehmen, das wirtschaftlichen Erfolg und Engagement für den Umweltschutz vorbildlich vereinbare". Auch Jürgen Rüttgers hastete weiter, als er von Mitgliedern der CBG angesprochen wurde. Vergleichsweise differenziert äußerte sich ausgerechnet BAYER-Chef Werner Wenning, der einräumte: "Wir wissen, dass wir Teil des Umweltproblems sind", um dann jedoch zu verkünden, BAYER habe seine Emissionen bereits "drastisch reduziert" und sei in Sachen Umweltschutz "Teil der Lösung".

Eindimensionale Ausrichtung
Wie eindimensional die meisten PolitikerInnen und öffentlichen Institutionen auf die "Vertreter des Marktes" ausgerichtet sind, dokumentierte UNEP-Direktor Achim Steiner in seiner Begrüßungsrede: "Mit wem denn sonst als den Unternehmen sollten wir uns zusammensetzen?" Man möchte entgegnen, wie wäre es mit den Umweltverbänden? Oder mit Umweltbehörden, der Gewerbeaufsicht oder StaatsanwältInnen? Oder WissenschaftlerInnen? Als Referenten waren all diese marktfernen Elemente offenbar nicht interessant genug, stattdessen sprachen Mitarbeiter von BAYER zu "Erneuerbaren Energien in Deutschland" oder zu "Industriellem Umweltschutz".

Diskussion initiiert
Anders als bei der Führungsebene sah es bei den TeilnehmerInnen aus. Die CBG hatte die Mitglieder des "Youth Advisory Council" der UNEP, das die Konferenz mit vorbereiten sollte, vorab angeschrieben und auf die Verantwortung von BAYER für Umweltprobleme in aller Welt hingewiesen.
In einer vorsichtig formulierten Stellungnahme kündigten die "Youth Advisors" an, die von der CBG gesammelten Informationen in der Konferenz zu diskutieren und gegenüber Vertretern von BAYER zur Sprache zu bringen. Deutlicher wurde Juan Hoffmaister, Jugend-Koordinator für Nordamerika. "Es macht uns traurig, dass die Regierungen ihre finanzielle Unterstützung der UNEP so weit zurückgefahren haben, dass die UNEP zu anderen Mitteln greifen musste, um ihre Kosten zu decken", schrieb Hoffmaister der CBG. Auch über die Umweltschutz-Ambitionen des Leverkusener Multis machte er sich keine Illusionen. "Die finanzielle Unterstützung der UNEP durch BAYER bedeutet nicht, dass Umweltschutz für BAYER irgendeine Rolle spielt. Dem Unternehmen geht es ausschließlich um den Werbeeffekt. Ich wäre sehr enttäuscht, wenn wir uns in Leverkusen nicht gegen die weitere Zusammenarbeit mit BAYER aussprechen würden - Konzerne dürfen keine Kontrolle über unser Leben ausüben", so Hoffmaister. Aber die Großkopferten wollten ihm diese Frustration nicht ersparen: Am Rande der Eröffnungsfeier unterzeichneten UNEP und BAYER einen neuen, dreijährigen Kooperationsvertrag.

KASTEN
Neben der Polizei "schützten" auch Sicherheitskräfte der Konzerntochter BAYSECUR das Veranstaltungsgebäude. Dabei kam es zu einem Übergriff gegen einen der friedlichen Demonstranten. Als die TeilnehmerInnen aus den Bussen austiegen, und er Flugblätter verteilen wollte, stürmten plötzlich mehrere Security-Männer auf ihn los. Sie packten ihn von allen Seiten, versuchten ihn in den Würgegriff zu nehmen und ihm die Flugblätter wegzunehmen. Aber er konnte sich losreißen. Obwohl private Sicherheitsdienste im öffentlichen Raum nicht zu solchen Handlungen befugt sind, sahen die unmittelbar neben dem Demonstranten stehenden PolizistInnen dem Angriff seelenruhig zu. Der Anwalt der Coordination gegen BAYER-Gefahren erstattete Strafanzeige.

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