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STICHWORT BAYER 03/2006

Umstrittene CO-Pipeline: "Es gibt keine dauerhafte Sicherung"

Der Leverkusener Multi BAYER will hochgiftiges Kohlenmonoxid per unterirdischer Pipeline von seinem Dormagener Werk zum Standort Krefeld leiten. Die auf der 67 Kilometer langen Strecke liegenden Kommunen sind davon ebenso wenig begeistert wie private GrundstücksbesitzerInnen und Umweltverbände. Deshalb reichten sie bei der Bezirksregierung in Düsseldorf Einwendungen gegen das Projekt ein.

"Wenn hier etwas passiert, ist halb Hilden platt", sagte ein für den Katastrophenschutz zuständiger Feuerwehrmann auf einer Informationsveranstaltung über die Gefahren, die von BAYERs geplanter Pipeline zum Transport von Propylen und Kohlenmonoxid (CO) ausgehen. Entstände nämlich ein Leck am Röhrensystem, so könnte das Propylen explodieren und das Gas Atemstörungen, Herzklopfen oder sogar Kreislaufkolläpse auslösen. Und das ist alles andere als unwahrscheinlich: Defekte an Leitungen gehören beim Leverkusener Multi mit zu den häufigsten Unfallursachen. Genügend Vorkehrungen zur Verhinderung eines solchen GAUs hat der Konzern bei weitem nicht getroffen. So will er bei der 67 Kilometer langen Pipeline nur alle 10 Kilometer Sicherheitsschieber zum Abdichten der Röhren einbauen. Es ist auch nicht auszuschließen, dass ein Bagger bei Erdarbeiten auf die bloß 1,40 Meter unter der Erde verlaufenden Leitungen stößt. Da diese im Bereich der A3 teilweise auch überirdisch geführt werden, besteht zudem das Risiko der Beschädigung durch Autounfälle.

In weiser Voraussicht um die Problematik des Baus hat der Chemie-Verband "ChemCologne" die VertreterInnen der betroffenen Kommunen deshalb im Juni zu einer Informationsveranstaltung nach Leverkusen eingeladen, die in BAYERs Kommunikationszentrum "BayKomm" stattfand. Dort herrschte nach "ChemCologne"-Angaben eitel Sonnenschein. Der Lobbyclub schwärmte über die "harmonische Atmosphäre" und frohlockte: "Das ‚gute Klima' unter den Beteiligten kann sicherlich bei den weiteren Vorbereitungen und während der Bauphase helfen, auch mögliche Konflikte in sachlicher und kooperativer Weise zu überwinden." Da täuschten sich BAYER & Co aber. Entlang des ganzen Streckenverlaufes, der von Dormagen aus über Monheim, Langenfeld, Hellerhof, Hilden, Mettmann, Ratingen und Duisburg nach Krefeld führt, regt sich Protest. PolitikerInnen der Linkspartei und der DKP haben in Gerresheim, Ratingen und Düsseldorf Anfragen zur Sicherheitslage an die jeweiligen Verwaltungen gestellt. Erkraths Technischer Dezernent Klaus-Dieter Holst warnt: "Es gibt keine dauerhafte Sicherung, wenn aus der Leitung Gas sickert". Der städtische SPD-Bezirksvorsteher Arno hat ebenfalls Bedenken geäußert und mehr Informationen über das Projekt gefordert. Und Monheims Bürgermeister Thomas Dünchheim (CDU) macht vor allem der nahe an Wohngebieten vorbeiführende Weg der Pipeline Sorge. "Im Falle einer Störung wäre das ein erhebliches Gesundheitsrisiko für die Anwohner", meint er.

Viele Kommunen, aber auch private Grundstückseigentümer und Umweltverbände haben deshalb bei der Bezirksregierung in Düsseldorf Einwendungen gegen das Bauvorhaben eingereicht. Über diese will die Behörde bis Oktober 2006 befinden. Sollte sie Bayer grünes Licht geben, besteht jedoch noch die Möglichkeit, gegen die Entscheidung Klage zu erheben.

Trotz des schwebenden Verfahrens machte sich der Leverkusener Multi in Monheim schon mal daran, mit ersten Vorbereitungen zur Pipeline-Errichtung zu beginnen. Bei Arbeiten an einem werkseigenen Brunnen, der das Dormagener Werk mit Wasser versorgen soll, beabsichtigte der Gen-Gigant, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und zum Transport von Kohlenmonoxid und Propylen vorgesehene Rohre gleich mitzuverlegen. Zu diesem Zweck beantragte das Unternehmen auch die Öffnung des Leitdeiches. Der Bürgermeister tobte: "Der Konzern will nach Gutsherrenart mit Blick auf eine unserer Meinung nach ungenügend gesicherte CO-Leitung vollendete Tatsachen schaffen". Die Stadt ließ sich das nicht gefallen und reichte eine einstweilige Verfügung ein. BAYER ruderte zurück und beteuerte, nie geplant zu haben, den Deich anzurühren. Erst als die Stadtverwaltung das schriftlich hatte, zog sie die Einstweilige Verfügung zurück. Nichtsdestotrotz erwägt sie aber eine Klage gegen den Bau der Pipeline.

Der Pharma-Riese verwahrt sich gegen Kritik an seinen Plänen und verweist auf die angeblich seit fünf Jahren störungsfrei betriebene - allerdings 57 Kilometer kürzere - CO-Pipeline zwischen Leverkusen und Dormagen. Zudem setzt er auf seine Kontakte zur Politik, um seine Absichten zu verfolgen. Da die avisierten Leitungen teilweise durch Privatgrundstücke gehen, hat die Landesregierung sich mit einer "Lex Bayer" schon mal im Vorhinein die Möglichkeit zu Enteignungen verschafft. Auch viele PolitikerInnen stehen dem Konzern zur Seite. So äußerten sich der CDU-Bundestagsabgeordnete Hermann Gröhe, der Dormagener CDU-Lokalpolitiker Norbert Dahmen und der CDU-Landtagsabgeordnete Karl Kress bei einem Besuch bei Bayer zustimmend zur Rohrleitungsanlage. "Eine gute Nachricht für beide Standorte", befanden sie unisono. Karl Kress bezeichnete die Pipeline darüber hinaus "für die Sicherung von Arbeitsplätzen in Dormagen von herausragender Bedeutung". Sein Votum verwundert nicht. Karl Kress war nämlich Labor-Leiter bei Bayer-Faser und lässt sein Beschäftigungsverhältnis seit 2002 mit der passiven Phase der Altersteilzeit ausklingen. Im Zuge des Skandals um den auf RWE-Ticket Politik machenden Lorenz Meyer flogen auch Karl Kress Beziehungen zu Bayer auf, was ihn offenbar aber nicht davon abhielt, seinem ehemaligen Arbeitgeber weiter treu zu Diensten zu stehen.

Mit dem von ihm angeführten Arbeitsplatz-Argument versucht auch der Leverkusener Multi, Druck auszuüben. Ohne optimale Gas-Versorgung hat das Uerdinger Werk keine Zukunft, verlautet aus der Konzern-Zentrale. Im Falle einer Nichtgenehmigung müsse man sich genau überlegen, wo man Kapazitäten ausbaut, droht Werner Breuer von Bayer Material Science. Es könnte also ein heißer Herbst werden.