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STICHWORT BAYER 02/2006

Kooperation mit “International Federation of Competitive Eating”

BAYER, Turbo-Fressen und Diabetes

Seit jeher schreckt das Unternehmen BAYER nicht vor dubiosen Marketing-Methoden zurück. In den USA förderte der Konzern nun sogar Fress-Wettkämpfe, bei denen die Teilnehmer in Minutenschnelle kiloweise Lebensmittel in sich reinstopfen. Nach einem Protest der Coordination gegen BAYER-Gefahren stoppte BAYER die zweifelhafte Kooperation.

von Philipp Mimkes

Elf Pfund Käsekuchen in neun Minuten, 53 hot dogs in zwölf Minuten, 167 Chicken Wings in 32 Minuten, 57 Kuhhirne in einer Viertelstunde - dies sind einige der Rekorde, die von dem Wettess-Verband International Federation of Competitive Eating (IFoCE) registriert wurden. Wettessen sei „eine der vielseitigsten, dynamischsten und herausforderndsten Sportarten der Geschichte“, heißt es auf der Website des Verbandes.

Ärzte und Ernährungsberater hingegen weisen auf Nebenwirkungen des Turbofressens hin: Sodbrennen, Durchfall, Blähungen, Magenrisse und Entzündungen der Speiseröhre - von Übergewicht ganz zu schweigen. Sogar drei Todesfälle sind bislang bekannt geworden. „Diese Wettbewerbe widersprechen allem, was wir über gesunde Ernährung wissen“, urteilt Bonnie Taub-Dix, Sprecherin der Amerikanischen Diätetischen Gesellschaft (American Dietetic Association). Ein Großteil ihrer Landsleute kämpfe mit der Volkskrankheit Fettleibigkeit, sagt die Expertin, umso weniger Verständnis habe sie für Fress-Wettkämpfe.

Trotzdem gehört zu den Sponsoren solcher Turniere auch der deutsche BAYER-Konzern. Auf der homepage der International Federation of Competitive Eating prangte bis vor kurzem eine Anzeige des von BAYER produzierten Schmerzmittels Alka-Seltzer. Bei der letztjährigen US-Meisterschaft, immerhin mit 40.000 Dollar Preisgeld dotiert und live im Fernsehen übertragen, diente Alka-Seltzer gar als Titelsponsor. „Alka-Seltzer ist ein ständiger Begleiter für die Wettesser, wenn sie im Weltzirkus unterwegs sind. Für die Athleten wird ein Traum wahr, wenn sie an einem Alka-Seltzer gesponserten Event teilnehmen können", dichtete der Verband dafür auf seiner homepage.

Entsprechend beging BAYER auch das 75-jährige Jubiläum von Alka-Seltzer Anfang März: Im Hilton von Las Vegas wurde das angeblich „größte Buffet aller Zeiten“ aufgetischt. Hunderte Gäste sollten sich für einen Eintrag im Guiness Buch der Rekorde den Bauch vollschlagen.

Hubert Ostendorf von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Welchen Schwachsinn will sich die Werbeabteilung von BAYER eigentlich noch ausdenken? Es ist wohl für jedermann einleuchtend, dass unmäßiges Essen gesundheitsschädlich ist. Bezeichnenderweise bietet der Konzern auch Mittel gegen Diabetes an - eine Krankheit, die wesentlich auf Übergewicht zurückzuführen ist.“ Ostendorf erinnert auch daran, dass Alka-Seltzer den Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure enthält. „Der unsachgemäße Gebrauch von Acetylsalicylsäure kann zu Magenblutungen und sogar Todesfällen führen - hiervon erfährt man in der Werbung für Alka-Seltzer natürlich nichts“, so Ostendorf weiter.

Geradezu grotesk wirken in diesem Zusammenhang die Verlautbarungen des Konzerns zum Thema Übergewicht: „Besondere Anstrengungen unternimmt BAYER Pharma auch bei der Bekämpfung von Fettleibigkeit“ liest man auf der homepage des Unternehmens, denn „die Zahl der Typ-2-Diabetiker steigt dramatisch. Die Gründe sind Übergewicht und Fettleibigkeit“. Weiterhin erfährt man, dass „Übergewicht, von dem bereits knapp die Hälfte der Deutschen betroffen ist, weitere schädliche Einflüsse wie Bluthochdruck, hohe Blutfette und hohen Blutzucker begünstigt.“ In einer Pressemitteilung rühmte sich BAYER kürzlich eines in Leverkusen gestarteten Projekts, in dessen Rahmen „übergewichtige Kinder und Jugendlichen über sechs Monate trainiert (werden). Sie sollen durch Änderungen der Essgewohnheiten und Sporttreiben zu einer allmählichen und nachhaltigen Normalisierung des Körpergewichts kommen.“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren wies Ende April in einer Pressemitteilung auf diesen krassen Widerspruch von Anspruch und Wirklich hin und forderte den Konzern auf, die Förderung von Fress-Wettbewerben sowie verharmlosende Pharma-Werbung einzustellen. BAYER reagierte ungewöhnlich schnell – wenn auch nicht ganz freiwillig: die Nachrichten-Agentur Bloomberg hatte eine Meldung versandt, in der sie sich auf die Veröffentlichung der CBG bezog. Medien in aller Welt berichteten, darunter The Mail And Globe, die größte Zeitung Kanadas, und der Daily Record aus den USA.

Sprecher des Konzerns beeilten sich daraufhin zu versichern, dass die Aktion an der Unternehmens-Zentrale in Leverkusen vorbei beschlossen worden war und die Zusammenarbeit mit der IFoCE gestoppt würde. Tatsächlich verschwanden auf der homepage des Fress-Verbandes einige Tage später alle Hinweise auf die Kooperation mit BAYER. Man müsste aber wohl naiv sein zu hoffen, dass das Marketing des Konzerns künftig ethischen Grundsätzen folgt.