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STICHWORT BAYER 02/2006

Kapitale Kapital-Kritik

BAYER auf der Anklagebank

Acht Konzern-KritikerInnen ergriffen auf der BAYER-Hauptversammlung das Wort und präsentierten dem Konzern-Vorstand eine Gewinn- und Verlustrechnung ganz anderer Art. Von A wie Arbeitsplatzvernichtung bis V wie Völlerei-Sponsoring reichten dabei ihre Posten.

Von Jan Pehrke

Ralf-Jochen Ehresmann eröffnete den Reigen der GegenrednerInnen. Der PDSler hatte die illegalen Kartellbildungen bereits auf den früheren Hauptversammlungen immer wieder angeprangert und beschied dem BAYER-Chef Werner Wenning deshalb: "Die Erklärung vermag nicht zu überzeugen, es handle sich nur um einen Ausrutscher". Als einen solchen stellte der Vorstandsvorsitzende auch das Sponsoring eines Freßwettbewerbs in den USA dar, dessen TeilnehmerInnen sich mit Verputz-Rekorden wie elf Pfund Käsekuchen in neun Minuten, 53 hot dogs in zwölf Minuten und 167 Chicken Wings in 32 Minuten brüsten. Angesichts der "Problematik des Übergewichts" in den westlichen Ländern fehlte Ehresmann jedes Verständnis dafür, warum gerade ein Pharma-Konzern einen "Verein für vergleichende Völlerei" unterstützt. Wenning zeigte sich unerwartet reumütig. "Das kann man kritisieren", räumte er ein. Dann (kultur)relativierte der Große Vorsitzende aber gleich. Da "in anderen Ländern andere Sitten herrschen", habe man im Homeland des Fastfood die Namenspatronage für ein Fließband-Fressen als eine angemessene PR-Aktivität betrachtet. Zudem seien die Erlöse des Kampfessens teilweise denen zugute gekommen, deren Essenskämpfe keinen sportlichen, sondern einen existenziellen Charakter haben - den Ärmsten der Armen. Aber schließlich hatte der Manager doch ein Einsehen und versprach, bei Fresswettbewerben künftig Werbe-Enthaltsamkeit zu üben, wobei die Kampagne der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) zu diesem Thema diesen Erkenntnisprozess wohl nicht unwesentlich gefördert hat.

Bei Andrea Will (DKP) gab er sich hingegen wieder gewohnt unnachgiebig. Will hatte eine flammende Rede gegen den Klassenkampf von oben im Allgemeinen und die im Zuge der SCHERING-Übernahme geplante Vernichtung von 6.000 Arbeitsplätzen im Besonderen gehalten. "Für Sie mögen es nur ökonomische Kennziffern sein, für die Männer und Frauen geht es um ihre Lebensplanung", wetterte die Kommunistin und erinnerte den Konzernherren an den "Eigentum verpflichtet"-Passus des Grundgesetzes. Dem sah Wenning jedoch schon dadurch Genüge getan, dass "die Maßnahmen fair und sozial durchgeführt" werden. Soziale Arbeitsplatzvernichtung in der Sozialen Marktwirtschaft - BAYER macht's möglich.

In Ländern der "Dritten Welt" braucht der Konzern noch weniger Rücksicht auf irgendwelche Paragrafen zu nehmen und handelt entsprechend, wie Jens Elmer vom Eine-Welt-Netz-NRW berichtete. Der Chemie-Multi duldet in Indien nicht nur Kinderarbeit bei den Zulieferern seiner Tochtergesellschaft PROAGRO, er legt auch doppelte Standards beim Vertrieb von Pestiziden an. Trotz der Versicherung von BAYER, den Verkauf des zur Top-Gefährlichkeitsklasse gehörenden Ultragiftes Monocrotophos Ende 2004 eingestellt zu haben, fand es der "Dritte Welt"-Aktivist bei seinem Besuch in Andrah Pradesh auf den Regalen der Händler. "Die Quittung habe ich ihnen hier mitgebracht", eröffnete Elmer den Ungläubigen im Publikum und erinnerte den Konzern an sein Versprechen, alle Klasse-1-Pestizide aus dem Verkehr zu ziehen. Wenning antwortete, Bayer habe 2005 einen Rückruf gestartet, der offenbar aber offenbar mancherorts mit sehr leiser Stimme erfolgte, denn: "Im indischen Markt halten wir es vor, da es verlangt wird". Deshalb vermochte er es auch nicht völlig auszuschließen, dass Geschäftsleute Monocrotophos weiterhin verkaufen. Das auf der Hauptversammlung vor elf Jahren gegebene Versprechen geriet ihm indes zu einer unverbindlichen Zukunftsvision, an der er leicht festhalten kann. "Die Ziele haben nach wie vor Gültigkeit", bekräftigte der BAYER-Chef. Und bis der Konzern auf die Zielgerade eingebogen ist, dürfte Monocrotophos nicht nur in Indien noch viel Unheil anrichten.

Aber die Schadensbilanz von BAYERs Landwirtschaftsabteilung reicht noch weiter. Als einer der weltweit größten Saatgut-Produzenten sorgt der Chemie-Multi mit seiner Marktmacht für ein Abnehmen der Artenvielfalt und zwingt die LandwirtInnen durch seine hybriden, nicht für die Wiederaussaat geeigneten Sorten jedes Jahr neu zum Kauf von Wegwerfprodukten. Auch bei der neuesten "Errungenschaft" ist BAYER laut Gregor Kaiser von der Initiative FREIE SAAT STATT TOTE ERNTE mit von der Partie: der Terminator-Technologie. Dieses auf Genmanipulation beruhende Hightech-Verfahren, über das die UN wegen möglicher Risiken und Nebenwirkungen ein Moratorium verhängt hat, macht die Saaten schon ab Werk steril und so zu einer perfekten Ware. BAYER hält in dem Bereich mehrere Patente. Gregor Kaiser fragte beim Vorstandsvorsitzenden nach, ob der Agroriese schon an der Entwicklung von Terminator-Saatgut arbeitet. Der Ober-BAYER verneinte: "Wir sind gegen den Einsatz von Terminatoren bei (...) Futterpflanzen, wenn sie dazu dienen, Bauern an der Wiederaussaat zu hindern". Der Konzern setzt ihm zufolge lieber auf das Hybridsaatgut als altbewährte Abhängigkeitstechnologie. Bei der Umrüstung von Pflanzen zur kleinen Pharmafabriken, die Impfstoffe - "vielversprechende Vakzine" - oder andere Substanzen produzieren, sprach er sich dagegen für die Verwendung der Risikotechnologie aus.

Bevor solche Arzneistoffe den Weg in die Apotheken finden, müssen viele Affen, Hunden und Ratten in den Laboren der Pillen-Produzenten ihr Leben lassen. Von "Millionen und Milliarden von Tieren, die zutiefst gequält werden" sprach Lana Fitsch vom KÖLNER ALLERWELTSHAUS auf der Hauptversammlung. Das ließ auch Werner Wenning nicht ungerührt. Er bekundete, dass ihm "das Thema eine Herzensangelegenheit" sei. Aber lange ließ er sein Herz nicht sprechen: "Doch ich muss Ihnen sagen, dass Tierversuche nach wie vor notwendig und vom Gesetzgeber vorgeschrieben sind". Andere Verfahren ständen halt nicht zur Verfügung, so Wenning achselzuckend, dabei wäre es an BAYER & Co., welche zu entwickeln.

Wie es nach der neuen EU-Chemikalienverordnung REACH auch die Aufgabe der Konzerne wäre, nach Alternativen für besonders gesundheitsgefährdende Chemikalien zu suchen. Als eine solche betrachtete Daniela Rosche von WOMEN IN EUROPE FOR A COMMUN FUTURE das von BAYER in rauen Mengen produzierte Bisphenol A, das Brustkrebs, Fortpflanzungstörungen und Gehirnschäden verursachen kann. Roche wollte deshalb vom Vorstandsvorsitzenden wissen, ob das Unternehmen bereits an Substitutionsverfahren arbeite. Aber Wenning sah dazu keinen Anlass. "Fakt ist nun, dass nach über 50 Jahren Gebrauch" und "zahlreichen Studien" kein Grund zur Besorgnis über Bisphenol A bestehe, entgegnete er der Chemiekritikerin.

Gegen REACH an sich habe er aber nichts, solange dessen Verbraucherschutzmaßnahmen Zukunftsmusik blieben. "BAYER unterstützt die Zielsetzung", sagte der mit Bekenntnissen zu hehren Zielen diesmal äußerst großzügige, mit konkreten Angaben zur Umsetzung aber umso knausrigere Große Vorsitzende. Und so wird das Unternehmen wohl bis auf Weiteres gesundheitsgefährende Produkte produzieren, Arbeitnehmerrechte missachten und Antikartell-Gesetze brechen, weil es nur ein Gesetz kennt, das des Profits. Dessen Logik, die auch zu der von den KonzernkritikerInnen aufgemachten Gewinn- und Verlustrechnung führte, hat der von Axel Köhler-Schnura zitierte Karl Marx immer noch am besten erfasst. "Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens", schrieb der alte Rauschebart.