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STICHWORT BAYER 02/2006

Proteste bei der BAYER-Hauptversammlung

Aktionäre einmal anders

Mit einer Wagenburg verglich ein Aktionär die für die BAYER-Hauptversammlung präparierte Halle 9 der Kölner Messe treffend. Auf dem Podium saßen Vorstand und der aus prominenten Mitgliedern der Deutschland AG wie Josef Ackermann zusammengesetzte Aufsichtsrat hinter regelrechten Schilden versteckt.

Von Jan Pehrke

Angst vor KonzernkritikerInnen
Vor ihnen tat sich ein zwei Meter breiter Burggraben auf, dessen Ufer zum Saal hin ein Absperrungskordon und die Bastion der BankenvertreterInnen absicherte. Die Rednerpulte hatten die ArchitektInnen der Macht dagegen an die äußersten Enden des Raumes platziert. "Wovor haben Sie eigentlich Angst", fragte der Aktienhalter, der aus Sicherheitsgründen für seine Mittagsfrikadelle noch nicht einmal ordentliches Besteck ausgehändigt bekommen hatte.

Offensichlich vor den zahlreichen Konzern-KritikerInnen, welche die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) eingeladen hatte. Schon zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung hatten diese Posten bezogen. Das Eine-Welt-Netz-NRW war mit einer riesigen Weltkugel angereist, um den Tunnelblick der BesucherInnen zu weiten und auf die Problematik der Kinderarbeit bei BAYER-Zulieferern in Indien zu lenken. Auf dem Transparent der CBG stand zu lesen: "Kartellbetrug - Verantwortliche hinter Gitter". Die Initiative hatte wegen zahlreicher Preisabsprachen vor allem im Kunststoff-Geschäft kurz vor der Hauptversammlung Strafanzeige gegen den BAYER-Vorstand gestellt und verlas in Köln ihre Anklageschrift. "350 Millionen Euro Strafen alleine im Jahr 2005, das ist kein Pappenstiel, das erreicht die Qualität organisierter Kriminalität", hielt Axel Köhler-Schnura von der CBG den Konzernherren in seiner Rede vor.

Erstaunt über wundersame Geldvermehrung
Für BAYER-Chef Werner Wenning handelte es sich jedoch nur um ein Kavaliersdelikt, wozu es "im Einzelfall doch hin und wieder kommt". "Ein gewisser Anteil schwer Belehrbarer" hat nach seiner Einschätzung die Straftat verübt. Ihm stellte sich der Tathergang offensichtlich so da: Ein kleiner BAYER-Angestellter zerbrach sich den Kopf darüber, wie er seinem Arbeitgeber Gutes tun könnte und traf zufällig einen kleinen Angestellten von der Konkurrenz, den Gleiches umtrieb. Die beiden kamen dann überein, ein wenig an der Preisschraube zu drehen. Bald waren ihre Chefs bass erstaunt über die wundersame Geldvermehrung und priesen den Gott des Marktes, bis die Staatsanwaltschaft sie über die profanen Hintergründe aufklärte und ein Ermittlungsverfahren einleitete. Wieviel der Coup BAYER einbrachte, wusste Wenning angeblich nicht. "Das kann ich ihnen beim besten Willen nicht sagen", antworte er einem Redner und hielt sich bei diesem Casus auch ansonsten bedeckt. "Wegen des laufenden Verfahrens" wollte er keine weiteren Einzelheiten nennen.

Bei den Geschäftszahlen zeigte er sich weniger schweigsam. Stolz gab er das um 134 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro gestiegene Ergebnis nach Steuern bekannt und verkündete für das erste Quartal 2006 ein Allzeithoch. "Damit haben wir für BAYER, und damit natürlich auch für Sie, unsere Aktionäre, einen erheblichen Mehrwert geschaffen", stellte der Manager in aller Offenheit fest. Er hielt nicht einmal damit hinterm Berg, für wen dieser Mehrwert weniger bedeutete: Im Geschäftsjahr 2005 zahlte BAYER 36 Prozent weniger Steuern als anno 2004 - da hatten die ExpertInnen aus der Finanzabteilung bei der Steuererklärung mal wieder ganze Arbeit geleistet.

Multi BAYER auf den Spuren von Mutter Teresa?
Und zur Feier des Tages durfte es sogar mal mehr als nur schnödes Zahlenwerk sein. "Ich bin davon überzeugt, dass es nicht nur wichtig ist, Werte zu schaffen, sondern dass wir auch unserer besonderen Rolle als verantwortlicher Bürger unserer Gesellschaft gerecht werden", beteuerte der Konzernlenker. Es war aber wohl weniger Pflichtbewusstsein als vielmehr die Sorge darüber, die durch ein Spalier von KonzernkritikerInnen in die Halle vorgestoßenen AktionärInnen könnten ob der Flugblatt-Lektüre womöglich auf dumme Gedanken kommen, die den Konzern bewog, die Hauptversammlung erstmals mit einem aufwändig produzierten Imagefilm über das soziale Engagement des Global Player beginnen zu lassen. Er zeigte einen Multi auf den Spuren von Mutter Teresa beim Einrichten von Suppenküchen in Brasilien, von Fußballschulen, bei der Volksbildung und sonstigen aus der Portokasse gezahlten Aktivitäten. "Ich glaube, der Film, den wir soeben gesehen haben, hat uns eines eindrücklich vor Augen geführt: Mit unseren mehr als 300 Projekten nehmen wir im Bereich der Corporate Social Responsibility weltweit eine Vorreiterrolle ein", stellte Wenning fest. Die BesucherInnen vermochten ihren Augen jedoch nicht so recht zu trauen. "Applaus kam nur beiläufig, wirkte wie eine Höflichkeitsfloskel", bemerkte der Leverkusener Anzeiger.

Immer noch Kinderarbeit auf Saatgut-Feldern
Wie es mit dem "Citizen BAYER" jenseits solcher Traumfabrikprodukte wirklich stand, offenbarten die Reaktionen des Vorstandsvorsitzenden auf die Gegenreden. Als Andrea Will von der DKP die Vernichtung von 6.000 Arbeitsplätzen im Zuge der Schering-Übernahme und andere Arten der Armutsproduktion durch das Kapital anprangerte, erklärte er sich für nicht zuständig. "Die weltweite Einkommensverteilung ist ein wichtiges Thema, aber keines, das auf der Hauptversammlung gelöst werden kann", beschied der BAYER-Chef ihr. Ein anderes wichtiges Thema, das der Konzern bisher weder auf den bisherigen Hauptversammlungen noch im Rahmen seiner üblichen Geschäftspraxis lösen konnte, ist die Kinderarbeit bei den Zulieferern seines indischen Tochterunternehmens Proagro. Der Pharmariese wollte dem Problem - wie es so seine Art ist - auf ökonomische Weise durch ein "System von Anreizen" zu Leibe rücken - mit bescheidenem Erfolg. Wie Jens Elmer vom Eine-Welt-Netz-NRW darlegte, leisten immer noch 450 Minderjährige täglich bis zu 12 Stunden lang Frondienste auf den Saatgut-Feldern. Nicht einmal beim Versprühen der Pestizide dürfen sie Pause machen, was fatale Folgen hat. "Beim meinem Besuch in Indien vor sechs Monaten berichteten mir Kinder von Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen, einige mussten ins Krankenhaus", berichtete Elmer den AktionärInnen. Aber Wenning focht das nicht an. "Bayer nimmt eine führende Rolle bei der Bekämpfung von Kinderarbeit ein", behauptete er dreist.

Unbeeindruckt von Risiken und Nebenwirkungen
Einen Spitzenplatz belegt der Gengigant seiner Meinung nach auch beim Klimaschutz. Die CBG wies ihm dabei allerdings Doping nach. Der Konzern hatte die Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen um 60 Prozent nämlich nicht etwa durch Investitionen in den Umweltschutz, sondern durch Betriebsschließungen, Verkäufe von Unternehmensteilen und ein Outsourcing der Energie-Produktion erreicht. "Es tut mir Leid, ich kann das nur ‚Desinformation' nennen", resümierte CBG-Geschäftsführer Philipp Mimkes und brachte Wenning damit auf die Palme. "Das ist nun wirklich starker Tobak", brauste er auf. BAYER habe beim großen Klimaschwindel immer Transparenz walten lassen und "nie verschwiegen, dass neben der Modernisierung auch Verkäufe" zu der positiven Klimabilanz beigetragen hätten.

Von der gesundheitsschädlichen Wirkung des blutstillenden Präparates Trasylol, das einer Studie zufolge für Nierenversagen, Herzinfarkte und Schlaganfälle verantwortlich ist, wollte Wenning ebenfalls nichts wissen. Obwohl Peter Sawicki vom "Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen" die Zahl der jährlichen Todesopfer allein in der Bundesrepublik auf 300 schätzt, versicherte der Konzern-Boss: "Trasylol ist nach Überzeugung von BAYER bei sachgerechter Anwendung ein sicheres Produkt". Für die vor allem in der Kunststoff-Produktion verwandte Chemikalie Bisphenol A nahm er dasselbe in Anspruch, unbeeindruckt von Risiken und Nebenwirkungen wie Brustkrebs, Unfruchtbarkeit und Gehirnschädigungen, welche die für "Women in Europe für a Common Future" aktive Daniela Rosche aufzählte. Ein über 50-jähriger Gebrauch und zahlreiche Studien würden für einen sicheren Gebrauch von Produkten, die Bisphenol A enthalten, bürgen, so Wenning.

Ultragifte made by BAYER
Und so ging es den lieben langen Tag weiter. Was die KritikerInnen auch vorbringen mochten, immer handelte es sich um wahlweise altbekannte, wenig stichhaltige, falsche, jeder Grundlage entbehrende oder haltlose Vorwürfe. In den Repliken des Vorstandsvorsitzenden näherte sich das BAYER-Kreuz dagegen immer mehr dem Roten Kreuz an, und der Multi verwandelte sich in den Reden des Großen Vorsitzenden auf wundersame Weise in einen Samariter mit kleiner Chemie-Dependance. Nur die Schwarzen Schafe in den eigenen Reihen, fremde Sitten und Gebräuche, die Kinderarbeit der heimischen Folklore zuschlagen oder es leider unabdingbar machten, einen dekadenten Freßwettbewerb zu sponsorn, sowie Händler, welche das Unternehmen trotz aller Bemühungen partout nicht davon abbringen kann, Ultragifte made by BAYER weiter zu verkaufen, hinderten den Konzern an der Umsetzung seines Weltrettungsplans.

Aber diese Mär verfing nicht. Im Gegensatz zu Hauptversammlungen in der Vergangenheit filterten die JournalistInnen aus der Veranstaltung nicht nur die Geschäftszahlen heraus und wiesen ihnen ohne viel Umschweife ihren angestammten Platz auf den Wirtschaftsseiten zu. Zahlreiche Medien griffen die Kartellverstöße und andere Verfehlungen auf, was Hoffnung macht, dass dem Konzern derartige Praktiken im laufenden Geschäftsjahr nicht mehr ganz so leicht von der Hand gehen werden.

27 Mio. Aktien auf seiten der CBG-KritikerInnen
Einmal mehr war es den KritikerInnen der Coordination gegen BAYER-Gefahren gelungen, die BAYER-Hauptversammlung von einer Jubelveranstaltung für Konzernprofite in ein Tribunal für Menschenrechte, Umweltschutz und soziale Sicherung zu verkehren. Dem Vorstandsvorsitzenden sah man es an: Zum Ende der Veranstaltung war die Luft raus. Sein Elan war kleinlauter Zerknirschtheit gewichen, die Fragen der KritikerInnen beantwortete er nur noch wortkarg. Als dann auch noch bis zu 27 Millionen Aktien mit den KritikerInnen der CBG stimmten, war der erhoffte Publicity-Erfolg für die Konzernleitung endgültig an der von der Coordination repräsentierten Gegenöffentlichkeit gescheitert. Das schlug durch bis auf den Aktienkurs. Statt eines Anstiegs ob der neuen Rekord-Profite stagnierte die Aktie und geriet sogar ins Minus.