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STICHWORT BAYER 03/2005

Grünes Licht für BAYERs Menschenversuche

Test the Pest

Seit Jahren drängt BAYER die US-amerikanische Umweltbehörde EPA, die Ergebnisse von Pestizid-Tests an Menschen bei den Zulassungsverfahren für Agrochemikalien zu berücksichtigen. Die Untersuchungen schätzen das Gefahrenpotenzial der Mittel nämlich deutlich niedriger ein als bisherige wissenschaftliche Arbeiten und müssten deshalb nach dem Kalkül des Leverkusener Multis zu einer Lockerung der Grenzwerte führen. Die EPA beugte sich schließlich dem Druck der Pestizid-Produzenten, obwohl eine jüngst veröffentlichte Studie bei den Menschenversuchen gravierende Verstöße gegen medizinethische Standards festgestellt hat.

Von Jan Pehrke

In den 90er Jahren hat BAYER in Schottland Menschenversuche mit Pestiziden machen lassen. 1998 forderte der Konzern von der US-amerikanischen Umweltbehörde EPA, die Studienresultate in die Prüfungen der Genehmigungsanträge für Ackergifte mit einzubeziehen. Dem Agroriesen zufolge haben sich die menschlichen Versuchskaninchen den chemischen Keulen gegenüber nämlich deutlich widerstandsfähiger erwiesen als von der Fachwelt erwartet, was für einfachere Verfahren und weniger scharfe Grenzwerte spräche. Der EPA-Leiter Lee Thomas ging darauf jedoch nicht ein. Als "unethisch und unnötig" bezeichnete er die Versuche, womit er nicht allein stand. Die Menschenversuche unterscheiden sich nämlich gravierend von normalen Arzneitests. Zum einen handelt es sich bei den Agrochemikalien im Gegensatz zu Medikamenten um Gifte, und zum anderen dienen sie im Gegensatz zu Pharmazeutika keinem Heilzweck. Damit verstoßen die Experimente von BAYER & Co. gegen den "Nürnberger Kodex", der 1947 im Eingedenk des grausamen Treibens von Mengele und seinen Helfern in den KZs verabschiedet wurde und Menschenversuche strikt untersagt, wenn sie nicht dem "Wohl der Gesellschaft" dienen.

Der damalige US-Präsident Bill Clinton stellte sich hinter Thomas. Er untersagte der EPA bis auf Weiteres eine Arbeit mit den aus Schottland oder anderswoher stammenden Daten und verkündete ein Moratorium. BAYER & Co entmutigte das nicht; unentwegt stritten sie weiter für die Akzeptanz ihrer Verträglichkeitsprüfungen. "Wir stehen (...) unter großem Druck seitens der Pestizid-Industrie", sagte ein Sprecher der Behörde einem Journalisten der Sunday Herald. Mit dem Wahlsieg der Republikaner witterten die Chemie-Multis dann endlich Morgenluft, hatte George Bush die Entscheidungen der EPA doch immer wieder als zu industriefeindlich kritisiert. Aber selbst die von Bush auf den Chefsessel der Agentur gehievte Christie Todd Whitman hatte moralische Skrupel, die Menschenversuche zu akzeptieren. Weil sie auch sonst nicht ganz auf Parteilinie war, wurde sie schließlich gegangen. Jetzt erst begann das, was Mitglieder der demokratischen Partei als "new permissive policy" bezeichneten: Die EPA erteilte den Konzernen die Lizenz zu fast allem. Ohne Scheu griff sie unter der neuen Führung bei der Beurteilung der Gefährlichkeit von Ackergiften auf die Ergebnisse der 24 inkriminierten Pestizid-Tests zurück. Drei dieser Versuche stammen direkt von BAYER, an einem vierten war der Gen-Gigant indirekt als Mitglied im Verband der Chloropicrin-Hersteller beteiligt.

Nur die beiden demokratischen PolitikerInnen Waxman und Boxer mochten dem Treiben nicht tatenlos zusehen. Sie gaben eine Studie in Auftrag, die sich die Menschenversuche einmal genauer anschauen sollte. Das Ergebnis war verheerend. "Im Bruch mit ethischen Standards haben die Experimente Menschen Schmerzen zugefügt, die Teilnehmer nicht genau über die Tests aufgeklärt, Nebenwirkungen verschleiert und eine den Anfordungen der Wissenschaft nicht genügende Methodik verwandt", fasste Babara Boxer die Untersuchung zusammen.

Bei den BAYER-Tests mit dem Organophosphat Azinphos-Methyl erlitten alle acht ProbandInnen Gesundheitsstörungen. Von Kopfschmerzen und Hustenanfällen über Brechreiz und Hautauschläge bis zu Unterleibsbeschwerden reichten die Symptome. Die zuständigen MedizinerInnen haben diese in ihrem Bericht zwar beschrieben, aber nicht etwa das Pestizid dafür verantwortlich gemacht, sondern andere Faktoren wie Virus-Infektionen oder Abmagerungskuren der TeilnehmerInnen. Mit diesem Täuschungsmanöver haben die ÄrztInnen nach Ansicht der AutorInnen der Studie in eklatanter Weise medizinethische Standards verletzt. Es blieb nicht das Einzige. Die Verantwortlichen ließen die Versuchspersonen in dem Glauben, sie erprobten Medikamente und taten alles, um diesen Anschein zu erwecken. So verabreichten sie die Pestizide in Pillenform zum Frühstück mit einem Glas Wasser. Nur im Kleingedruckten fanden die TesterInnen Genaueres über die Versuchsreihen - ein klarer Verstoß gegen den für Experimente dieser Art geltenden Grundsatz des "informierten Einverständnisses". Auch am beschränkten Teilnehmerkreis nahm die Untersuchung Anstoß, weil auf einer solch schmalen Basis erhobene Daten keine wissenschaftlich belastbare Aussagen erlauben.

Die Erprobungen der Chemie-Multis verfolgten nur diesen einen Zweck: Mit den Giftgaben bis an die Schmerzgrenze zu gehen und zu beweisen, dass diese weit jenseits der bislang als noch verträglich angesehenen Dosen liegt. Bei den Menschenversuchen, die BAYER zusammen mit anderen Herstellern des Agrochemie- und Tränengas-Wirkstoffes Chloropicrin in Auftrag gegeben hat, mussten sich 127 Studierende der University of California in San Diego vier Tage lang über ein Stunde hinweg in einem geschlossen Raum Chloropicrin-Strömen aussetzen, deren Konzentration den zulässigen Grenzwert um das Zehnfache überschritt. Die Körper reagierten entsprechend. Da BAYER & Co. das geahnt hatten, rangen sie den ProbandInnen schon im Vorhinein schriftlich das Zugeständnis ab, auf Schadensersatzansprüche bei etwaigen Gesundheitsschäden zu verzichten. Wer das alles für 15 Dollar die Stunde auf sich nahm, hatte es dringend nötig. Nur arme Menschen, oftmals ethnischen Minderheiten angehörend, machten sich in San Diego freiwillig zu Versuchsobjekten. In Schottland rekrutierten sich die Pestizid-Schlucker ebenfalls aus der Gruppe der sozial Schwachen. Lynn Goldman, unter Clinton Vize-Chefin der EPA, befürchtet denn auch schon einen Elendstourismus der Konzerne in Sachen "Menschenversuche: "Sie könnten es in Pakistan, Bangladesh oder irgendwo anders in der Welt tun".

Die Veröffentlichung des Reports erregte großes Aufsehen. Der Kongress forderte die Umweltagentur auf, die Testergebnisse so lange nicht mehr weiter zu verwenden, bis sie Regularien für die Menschenversuche erarbeitet hat, die dem Nürnberger Kodex und den medizinethischen Vorschriften der USA gerecht werden. Die Institution fügte sich kleinlaut und gab überdies bekannt, Versuche mit Schwangeren und Kindern bei den Genehmigungsverfahren nicht länger zu berücksichtigen, wenn dafür keine überzeugende Indikation vorläge. Nicht nur wegen dieser Ausnahmebestimmung blieb Barbara Boxer skeptisch. Sie schrieb dem EPA-Leiter Stephen L. Johnson in einem Brief, der Behörde gelänge es damit nicht, "sicher zu stellen, dass Menschen, die zu den Gefährdetsten unter uns zählen, vor unethischen Tests der Industrie ausreichend geschützt sind".

Entsprechend positiv reagierte der Pestizid-Verband von BAYER & Co. auf den Vorstoß der EPA. Als eine "klare Zurückweisung von Forderungen nach einem Nutzungsverbot der Pestizid-Daten, die aus Untersuchungen mit Freiwilligen stammen" betrachtet "CropLife-America"-Sprecher Jay Vroom die Ankündigung der EPA. Er hat allen Grund, sich zu freuen. Wenn die Agentur wie angekündigt im nächsten Jahr ihre humanitär etwas nachgebesserten neuen Regeln für die Tests vorstellt, ist es um das seit 1947 geltende Tabu "Menschenversuche" geschehen. Und der Leverkusener Multi, der während des Faschismus zu den Großkunden von Mengele & Co. zählte, gehört dann auch heute wieder zu den Hauptprofiteuren der unmenschlicher Machenschaften.